Fußball und Handball: Was Fußballer von Handballern lernen können

Fußball und Handball – Was haben diese Sportarten in der jüngeren Vergangenheit für Spuren in der Wahrnehmung der Deutschen hinterlassen?! Der WM-Titel 2014 für die Elf von Bundestrainer Jogi Löw, gefolgt vom EM-Titel 2016 der Handball-Nationalmannschaft um Trainer Dagur Sigurdsson und dem bitteren Ausscheiden bei der Fußball-EM 2016 bzw. der Handball-WM 2017 in Frankreich. So erfolgreich die letzten Jahre in diesen Sportarten auch verlaufen sind, ist immer noch eine Art Keil zwischen Fußball- und Handballspielern. Oft hört man Diskussionen, wonach Handball anstrengender und härter sei, wohingegen die Fußballer die längeren Spielzeiten und die damit zusammenhängenden konditionellen Leistungen für ihre Seite anführen. Doch wo liegen eigentlich die Gemeinsamkeiten der beiden Sportarten? Welche Elemente der jeweiligen Sportarten lassen sich auf die andere übertragen? Inwiefern kann Handball einen Fußballer oder eine ganze Mannschaft verbessern? Auf diese Fragen soll hier nun genauer eingegangen und verschiedene Möglichkeiten der Umsetzung im Trainingsbetrieb aufgezeigt werden.

Fußball und Handball

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1. Die Disziplin

Begonnen werden soll mit etwas, das vielleicht nicht auf die individuellen oder taktischen Fähigkeiten eines Spielers oder eines Teams anspielt, jedoch im Handball weitaus ernsthafter und fairer gehandhabt wird. Hierbei handelt es sich ganz simpel um die Disziplin. Während im Fußball oftmals lange mit den Schiedsrichtern diskutiert wird, die Spieler in Rudelbildungen aufeinander losgehen oder oftmals Tätlichkeiten und grobe Unsportlichkeiten an der Tagesordnung stehen, schlägt der Handball dahingehend eine ganz andere und fürs Publikum deutlich angenehmere Richtung ein. Schiedsrichterentscheidungen werden fast immer akzeptiert, was schon alleine der nötigen Rückwärtsbewegung geschuldet ist, Unsportlichkeiten passieren meist nur unabsichtlich (z.B. Wurf trifft Torwart im Gesicht) und die Spieler respektieren sich untereinander deutlich mehr, als das auf vielen Fußballplätzen der Fall ist.

2. Athletik und Kondition

Doch nun zu den verschiedenen Möglichkeiten, die der Handball bietet, um Fußballer besser machen zu können. Als erstes sind hier die extremen athletischen und koordinativen Fähigkeiten zu nennen, die ein Handballer besitzen muss. Handball definiert sich über viele schnelle und kurze Sprints, über Richtungswechsel, schnelle seitliche Bewegungen, Sprungkraft und koordinativen Fähigkeiten, z.B. bei der Beachtung des Kreises oder der Schrittregelung. Im Gegensatz zum Fußball gibt es im Handball kaum Dauerlauf, da durch die zeitliche Einschränkung der Angriffsbemühungen in so gut wie jedem Angriff hohes Tempo herrscht. Ebenso müssen seitliche Schritte in großem Tempo absolviert werden, da der Handball von Kreuzbewegungen lebt und Bewegungen seitlich zum Tor oft die beste Möglichkeit ist, die Außenspieler oder insbesondere den Kreisläufer in Szene zu setzen.

Ergänzt werden diese athletischen Bedingungen durch die Anforderungen hinsichtlich der Sprungkraft, die im Handball sowohl im Angriff, als auch in der Verteidigung eine bedeutende Rolle hat und über den Erfolg oder Misserfolg eines Abschlusses entscheiden kann. All diese athletischen Fähigkeiten können Fußballer natürlich gleichermaßen zu ihrem Vorteil trainieren. Sprintstärke und Beweglichkeit sind absolut entscheidend für Dribblings oder Abwehraktionen, während die Sprungkraft bei vielen Kopfballduellen in der Luft für einen Vorteil sorgen kann.

Neben der Beweglichkeit fällt bei Handballern auch ein weiterer koordinativer Aspekt auf: die Hand-Augen-Koordination. Handballer müssen ständig den Kopf oben behalten, um auf die Schnelligkeit des Spiels reagieren und somit Schwächen des Gegners ausnutzen zu können. Ähnliches gilt bei Fußballern, die beim Führen des Balles die Augen nach vorne bzw. auf das Spielfeld gerichtet haben sollten. Elemente wie diese werden jedoch im Handball viel stärker im Training beachtet und bearbeitet, wobei auch der Fußballer durchaus einen größeren Nutzen aus solchen Einheiten ziehen könnte.

Was für die Spieler gilt, kann oftmals auch für die Torhüter übernommen werden. Eine verbesserte Sprungkraft lässt einen Handballtorwart bei der Wahl seines Paradeversuchs deutlich variabler werden, während der Fußballtorwart z.B. in der Straufraumbeherrschung sicherer werden sollte. Ein Faktor, bei dem Handballkeeper dem Fußball, insbesondere im Training, noch relativ weit voraus sind, sind die Reflexe. Reaktionsfähigkeit ist für einen Handballtorwart das A und O, während der Fokus im Torwarttraining nicht so extrem auf Reflexe aus kurzen Distanzen gelegt wird.

3. Zweikampfstärke und Robustheit

Eben diese athletischen und koordinativen Fähigkeiten, die im vorigen Absatz geschildert wurden, können sich sowohl im Hand- als auch im Fußball äußerst positiv auf das Verhalten und die Robustheit im Zweikampf auswirken. Wo im Handball gerade im Zentrum und am Kreis häufig sehr hart mit dem Körper gegeneinander gearbeitet wird, ergeben sich auch im Fußball ähnliche Situationen, die eine gewisse Standfestigkeit erfordern. Beispielsweise wenn der Stürmer einen langen BaFußball und Handballll gegen den Verteidiger behaupten und halten muss oder der Außenverteidiger im Eins-gegen-Eins an der Außenlinie gefordert ist. Es sind Situationen wie diese, in der im Handball noch einen Tick entschlossener und robuster agiert wird als im Fußball. Als passendes Beispiel bietet sich hier der Kreisläufer an, der sich oft mit seinem ganzen Körpergewicht in einen oder sogar zwei Verteidiger hineinlegt und im Fallen sogar noch den Pass annehmen und abschließen kann.

Als krasser Gegensatz hierzu wird Theatralik, oft anhand von sog. Schwalben, immer mehr zum Status Quo im Fußball. Handballer sind in solchen Situationen nicht nur entschlossener, sondern verfügen auch über eine exzellente Fußarbeit, die sich durch schnelle und kleine Schritt auszeichnet und eine enorme Standfestigkeit garantiert. Auch hierbei greifen ihre koordinativen Fähigkeiten wieder, schließlich muss der Kreisläufer nicht nur mit dem Körper arbeiten, sondern gleichzeitig darauf achten, nicht in den Kreis zu treten und trotzdem anspielbar zu sein. Die Robustheit mit all seinen Bestandteilen gehört in beiden Sportarten zum Spiel, nur wird sie im Handball noch intensiver trainiert und ausgeübt als im Fußball, was auch in diesem Bereich ein gewisses Lernpotenzial beinhaltet.

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4. Automatisierungen im Spielverlauf

Doch genug der körperlichen Bestandteile des Handballs, die der Fußball für sich noch intensiver adaptieren könnte. Jeder, der schon mal ein Handballspiel gesehen hat, kennt die Bilder aus den Auszeiten, in denen der Trainer die Ansagen auf seinem Klemmbrett aufzeichnet. Aus solchen Situationen lässt sich bereits schließen, dass Handball, ebenso wie Fußball, eine äußerst taktisch geprägte Sportart ist. Worin der Handball dem Fußball aber im taktischen Bereich um Meilen voraus ist, ist das Element der Automatisierung. Klar gibt es auch im Fußball einige Situationen, die automatisiert sind, jedoch bei weitem nicht so intensiv wie im Handball. Jeder Handballspieler im Profibereich besitzt eine Art „Playbook“, in der alle Spielzüge seines Teams mit Bezeichnung und Laufwegen gesammelt sind. Gibt der Spielmacher also auf dem Platz ein Wort an, wissen alle restlichen Spieler auf der Platte, wie sie sich zu bewegen haben und was als nächstes passieren wird. Hier besitzt der Fußball großes Potenzial der Adaption.

Natürlich lassen sich im Fußball keine ganzen Spielzüge automatisieren, aber durch ausreichendes Training könnten zumindest einige Teile des Spiels in diese Richtung gelenkt werden. Sei es das Verhalten bei Standardvarianten, die Laufwege im Pressing oder Gegenpressing sowie einstudierte Pass- und Laufwege im Spielaufbau. Taktische Automatisierungen könnten ein Team mit Sicherheit auf ein neues spielerisches Level heben.

5. Positionswechsel Und Variabilität

Doch auch in einem durchplanten Taktik-Sport wie dem Handball erscheinen oft Aktionen sehr chaotisch. Der Fußballbundesligatrainer Roger Schmidt wird in der deutschen Presse mit dem Begriff des „organisierten Chaos“ auch Jahre nach dieser Aussage noch in Verbindung gebracht. Doch was soll das genau bedeuten? Und was können Fußballer in diesem Bereich von Handballern lernen? Der Bestandteil eines Handballangriffes, mit dem sich diese Frage am besten beantworten lässt, ist die Vielzahl an Kreuzbewegungen, die innerhalb eines Spielzuges gelaufen werden. Sei es im Rückraum, das „nach innen Ziehen“ der Außenspieler oder ein Kreuzen des Kreisläufers, kaum eine Sportart erfordert so viel Verständnis über das Agieren auf anderen Positionen.


Im Fußball wird dieses Kreuzen oft gefordert, jedoch gerade im Amateurbereich meist nur in Ansätzen umgesetzt. Auch hier würde sich durch verstärktes Training eine große Möglichkeit bieten, da Kreuzbewegungen sowohl eine Abwehrkette vor eine große Herausforderung stellt, als auch in der Offensive viele Varianten, wie z.B. das Hinterlaufen ohne Ball eröffnet. Auch im Defensivbereich lässt sich die Variabilität und Einsetzbarkeit auf anderen Positionen im Fußball als bedeutsam einschätzen. Ist beispielsweise der Außenverteidiger im Eins-gegen-Eins geschlagen, muss oftmals der Innenverteidiger nach außen rutschen und einen riskanten Zweikampf führen, da das Zentrum solange unbesetzt ist, bis der Außenverteidiger eingerückt ist. Das Verständnis verschiedener Positionen kann also, auch in Kombination mit automatisierten Laufwegen, eine Fußballmannschaft sowohl defensiv als auch offensiv verbessern, womit der Handball auch in diesem Bereich als eine Art Vorbild gesehen werden darf.

6. Verhalten bei Über-/Unterzahlsituationen

Variabilität und Positionswechsel mit Kreuzbewegungen sieht man im Handball während eines Spiels sehr oft. Hauptgrund ist neben den taktischen Variationen natürlich auch die Zeitstrafenregelung. Mehrmals pro Halbzeit sind Teams gefordert in 1-Mann- oder sogar 2-Mann-Unterzahl zu agieren, was viel taktische Finesse erfordert. Dem Trainer bieten sich hierbei zig Möglichkeiten. In Unterzahl kann der Torwart durch einen Feldspieler ersetzt werden, um die Unterzahl im Angriff auszugleichen, die Aufstellung der Verteidigungslinien kann offensiver, also nicht in einer klassischen 6-0 Deckung, sondern z.B. in einer 5-1- oder 4-2 Deckung gestaltet werden. Auch hier spielen im Handball automatisierte Abläufe eine gewaltige Rolle.

Wieso diese Art von Abläufen also nicht auch im Fußball integrieren? Während man in Unterzahl meist tiefer stehen und auf Konter lauern sollte, versucht den Ball zu halten und größere Räume abdecken muss, bieten sich in Überzahl schon viel mehr Chancen. Stelle ich bereits die Verteidiger beim Abstoß zu oder versuche ich erst 30 Meter vorm gegnerischen Tor zu pressen? Schiebe ich meine Abwehrreihe bis zur Mittellinie hoch und spiele aggressives Pressing und Gegenpressing oder will ich etwas tiefer stehen, um nach einer Balleroberung mehr Räume nutzen zu können? Wie man sieht, sind die Variationen also durchaus bereits vorhanden. Das Detail, das der Handball dem Fußball in diesem Bereich voraushat, ist ganz einfach die automatisierte Umsetzung. Kann man diese einer Mannschaft zumindest teilweise implementieren, hat dies nicht nur einen direkten Effekt auf die Spielweise einer Mannschaft, sondern stabilisiert sie auch mental, da jeder Spieler auf solche Szenarien vorbereitet ist und weiß, wie er in gewissen Siuationen agieren muss.

7. Das Umschaltspiel

Wie ein Spieler in gewissen Szenarien agieren muss, zeigt sich im Handball auch im Umschaltspiel. Meist stoßen die Außenspieler im Vollsprint nach vorne, während ein schneller langer Ball über die gegnerische Linie zum schnellen Abschluss führen soll. Das schnelle und enorm explosive Umschalten im Handball, sowohl offensiv als auch in der Defensive (z.B. nach Ballverlust oder Offensiv-Foul) kann alleine schon aufgrund der Spielfeldlänge nicht eins zu eins auf den Fußball übertragen werden. Trotzdem wünschen sich viele Trainer gerade im Umschaltspiel hohes Tempo, das Eingehen von gewissen Risiken und im Optimalfall einen schnellen Torabschluss. In der Offensive bieten sich hier vielleicht sogar mehr Varianten als im Handball, da durch Hinterlaufen oder ein gewonnenes Dribbling viel Platz und somit eine neue Situation geschaffen werden kann.

Doch gerade im defensiven Umschalten hat der Handball die Nase vorn. Was auf den ersten Blick als wilde These gesehen werden kann, da im Tempogegenstoß viele Tore passieren, wird auf den zweiten Blick schon interessanter. In der Rückwärtsbewegung agiert der Handballer im vollen Sprint und weiß sofort, welche Position er einzunehmen bzw. gegen welchen Spieler er zu verteidigen hat. Hier zeigen sich im Fußball oft große Schwächen, da entweder die Rückwärtsbewegung zu langsam ist, Möglichkeiten zu taktischen Fouls verpasst werden oder das Stellungspiel, u.a. beim Versuch einer Abseitsfalle versagt. Auch hier spielt der Begriff der Automatisierung eine Rolle, wobei auch die Art der Vorbereitung auf den Gegner und seine Stärken von großer Bedeutung ist.

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Fazit

Insgesamt darf die Frage, was Fußballer von Handballern lernen können, mit vielen verschiedenen Aspekten beantwortet werden. Seien es die koordinativen Fähigkeiten im hohen Tempo oder bei großem Körpereinsatz, Robustheit oder vielerlei automatisierte Varianten – der Handball bietet viel Spielraum für den Fußball, sich einige Details abzuschauen und in die Fußball-Welt zu implementieren.

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Bildquelle:
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