29. Juli 2011
Nachdem der bisherige Trainer des amerikanischen Fußball-Nationalteams Bob Bradley am gestrigen Donnerstag geschasst wurde, ist in den US-Zeitungen eine wilde Spekulationswelle über einen möglichen Nachfolger entbrannt. Einer der Namen, die als heiße Anwärter für den Nachfolger Bradleys durch die Medien kursieren, ist ein alter Bekannter: der 47jährige Jürgen Klinsmann, der selbst seit mehreren Jahren in Kalifornien lebt, soll zu den Favoriten im Rennen um den Posten des künftigen US-Nationaltrainers gehören.
Das ist nicht das erste Mal: Klinsmann wurde als langjähriger Insider des amerikanischen Fußballs und als Ex-Weltmeister bereits mehrfach als Anwärter für diesen Posten gehandelt. Momentan ist er nicht mehr als Trainer aktiv, nachdem ihn der Vorstand von Bayern München vor zwei Jahren vor die Tür gesetzt hatte, sondern ist als Berater für den MLS-Club Toronto FC eingespannt.
Neben Klinsmann werden allerdings noch weitere Namen genannt: so sollen auch der derzeitige türkische Nationaltrainer, der Niederländer Guus Hiddink, sowie Jason Kreis von Real Salt Lake im Gespräch sein.
Die Geschichte wiederholt sich also erneut – ob Jürgen Klinsmann das Rennen in den USA machen wird, ist derzeit noch völlig unklar, zumal es nicht das erste Mal ist, dass sich die US-Mannschaft Gedanken um Klinsi als Coach macht.
27. Juli 2011
Wie die Sky-Stiftung mitgeteilt hat, hat sie sich mit der Straßen-Fußballliga buntkicktgut auf eine neue Förderung geeinigt: insgesamt 30.000 Euro kommen dem sozialen Projekt so zugute, das bereits kurz vor der Jahrtausendwende beginnen hat, für interkulturelle Begegnung auf der Straße zu sorgen. Ursprünglich nahm buntkicktgut 1997 seine Arbeit als Betreuungsmöglichkeit in den Flüchtlingsunterkünften in München-Sendling und Neuhausen auf. Inzwischen hat sich das vom Flüchtlingsamt der Stadt München gegründete Projekt zu einem bedeutesamen Bestandteil des kulturellen Angebots in München entwickelt.
Inzwischen wurde der Spielbetrieb längst über die Grenzen Bayerns hinaus ausgedehnt, und so kommt die Förderung der Sky-Stiftung nicht nur der Stadtteilarbeit in München-Riem, sondern auch dem Straßenprojekt in der Heimat des amtierenden deutschen Meisters, Dortmund, zugute.
Im Fokus der Arbei von buntkicktgut steht das Miteinander. Werte wie soziale Kompetenz, Integration und das gewaltfreie Lösen von Konflikten stehen an erster Stelle – und hierfür eignet sich ein Mannschafts-Breitensport wie Fußball eben außerordentlich gut.
Rüdiger Heid von buntkicktgut freut sich über die Kooperation: “Die Förderung durch die Sky Stiftung sichert nicht nur den Fortbestand von buntkicktgut/die nordstadtliga dortmund und unsere Aktivitäten in München Riem. Die Sky Stiftung garantiert uns mit Sky vor allem den wichtigsten deutschen Medienpartner im Bereich Fußball und ermöglicht uns Kontakte zu den renommiertesten Spielern und höchsten Funktionären. Mit der stets wachsenden Beliebtheit von buntkicktgut wird die Handhabung unseres zentralen Instruments, der Kontinuität des Spielbetriebs, immer aufwändiger. Ein Partner wie die Sky Stiftung sorgt durch seine Unterstützung für die Aufrechterhaltung dieser Kontinuität.”
Nach dem Erfolg in der Saison 2010/11, den vielen Abgängen im Sommer und dem verflixten zweiten Jahr für die Talente droht dem 1. FC Nürnberg eine äußerst schwierige Spielzeit.
Die Liste der Spieler, die den Verein aus der mittelfränkischen Metropole in diesem Sommer verlassen haben, ist lang und mit klangvollen Namen versehen. Abwehrchef Andreas Wolf wechselte zu Werder Bremen genauso wie Mehmet Ekici; Stürmer Julian Schieber kehrte zum VfB Stuttgart zurück; Ilkay Gündogan zog es als Ersatz für Nuri Sahin zum BVB. Und auch Pascal Bieler und Marek Mintal haben dem 1. FC Nürnberg den Rücken gekehrt – Bieler wechselte nach Wiesbaden und Mintal versucht sich nun bei Hansa Rostock im Sturm. Das eigentlich Dramatische für den Club ist nicht, dass es die großen Namen sind, die nun nicht mehr für die Franken auflaufen. Es sind die Leistungsträger, die weg sind; jene Spieler, die den absolut entscheidenden Anteil daran hatten, dass Nürnberg letztes Jahr eine hervorragende Saison spielte und am Ende auf Platz sechs landete.
Sicher, die Nürnberger oder besser gesagt Trainer Dieter Hecking und Sportdirektor Martin Bader haben auch ein paar Spieler verpflichten können. Daniel Didavi kommt wie im Vorjahr Julian Schieber als Ein-Jahres-Ausleihe vom VfB Stuttgart, Markus Feulner aus Dortmund (wo er in zwei Jahren selten gespielt hat) und Tomas Pekhart von Sparta Prag. Dazu ein paar so gut wie Unbekannte, was die Frage aufwirft, wer um alles in der Welt die Lücken füllen soll, die Ekici, Gündogan, Schieber und Wolf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hinterlassen werden.
Eine prima Vorbereitung, aber die zählt bald nicht mehr
In der Vorbereitung war zwar nichts davon zu merken, in sechs Spielen siegte der Club fünf Mal und hielt, nach einem 0:0 nach 90 Minuten, den spanischen Erstligisten Racing Santander immerhin im Elfmeterschießen nieder. Gar nicht übel. Doch dürften gerade die Spanier in der Vorbereitung noch mindestens drei Wochen Rückstand gehabt haben. Und auch die anderen Sparringspartner waren keine schweren Kaliber. Gegen den österreichischen Fünftligisten gab es ein 6:0 (Stuttgart etwa besiegte den gleichen Gegner ein paar Tage danach mit 14:0), die Bayernligisten von Eintracht Bamberg wurden mit 4:0 bezwungen und die schwäbisch-bayrischen Bezirksoberligisten mit 11:1. Ein Ausreißer nach oben war sicher das 2:0 gegen Ajax Amsterdam, das 2:1 gegen Slovan Liberec hingegen schon eher selbstverständlich.
Doch wenn es ernst wird, wenn er in der Bundesliga bald knallhart um Punkte geht, wird ein anderer Wind wehen als im Testspiel, und gerade die eingespielte Achse Wolf – Ekici/Gündogan – Schieber dürfte den Nürnbergern an allen Ecken und Enden fehlen. Wolf als kompromissloser Verteidiger, der letzte Saison obendrein drei Tore schoss und eines auflegte; Ekici als Mittelfeldarbeiter (drei Tore, neun Vorlagen letzte Spielzeit); Gündogan als Herzstück des fränkischen Spiels mit fünf Toren und drei Assists 2010/11; und schließlich Julian Schieber als Sturmtank, der vergangene Saison sieben Mal traf und acht Mal servierte. Macht zusammen einen Verlust von 18 Toren und 21 direkten Torvorlagen. Wenn sie die Nachfolger der Abtrünnigen nicht mächtig ins Zeug legen, um diese Quote auch nur annähernd zu erreichen, muss man kein Prophet sein, um zu konstatieren, dass es für den Club schwer werden wird. Sehr schwer vielleicht sogar.
Wiederholt sich die Geschichte?
Denn schon in der letzten Saison war es nicht die Torausbeute, die dafür sorgte, dass Nürnberg Sechster wurde. Es war eher die Abwehr. Mit einem Torverhältnis von 47:45 und einer prima Effizienz schafften es Heckings Schützlinge, sich relativ weit oben zu platzieren. Bei nur sieben bis zehn weniger erzielten Treffern wäre es schon letztes Jahr eng geworden: Schalke und Wolfsburg lagen mit Tordifferenzen von minus sechs bzw. minus fünf nur unmittelbar über dem ominösen Strich. Wenn dann noch ein paar Gegentore mehr hinzukämen, ausgelöst durch den Weggang von Andreas Wolf, bekommen die „Clubberer“ ernsthafte Probleme.
Die sollen hier nun natürlich nicht herbeigeschrieben werden, keine Frage. Aber warum man in Nürnberg sehenden Auges die Besten gehen lässt und nicht bereit zu sein scheint, die Lücken zu stopfen, leuchtet eben nicht zwingend ein. Von Trainer Hecking indes hört man keine Klagen diesbezüglich, womöglich hat er auch keinen Grund dazu. Hecking ist mit absoluter Sicherheit ein klasse Trainer, allerdings weiß wohl auch er nur zu gut, welche Probleme so ein sorgenfreies Jahr wie das letzte bei einem Verein auslösen kann, wenn der zu Saisonbeginn ein paar Mal vielleicht nicht gewinnt.
Nachzufragen bei seinen Vorgängern am Valznerweiher. 2007 wurde Nürnberg Pokalsieger und beendete die Bundesliga auf Platz Sechs, wie auch vier Jahre später wieder. Dann, 2007/08, holte der Club aus den ersten neun Spielen gerade einmal sechs Punkte und befand sich auf dem vorletzten Platz – so richtig erholen konnten sich die Clubberer nicht mehr von dem Fehlstart. In der Rückrunde wurde Hans Meyer dann von Thomas von Heesen ersetzt, was schlussendlich auch nichts mehr half – der Club stieg nach einer erfolgreichen Vorsaison und als Pokalsieger ab. Damit ist der 1. FC Nürnberg wohl der mit Abstand gefährdetste Club nach einer guten Vorsaison. Denn er ist auch der einzige deutsche Verein, der als amtierender Deutscher Meister abstieg. Das ist zwar lange her (1968/69), doch allzu sicher sollten sie sich beim Club nicht sein, dass sich die Geschichte nicht doch ab und an irgendwie wiederholt. Denn wie sagen die Nürnberger Fans gern über die eigene Mannschaft? Richtig: „Der Glubb is a Depp.“ Bliebe in ihrem Sinne zu hoffen, dass sie nicht Recht behalten.
25. Juli 2011
Die Diskrepanzen zwischen Lukas Podolski und dem FC Köln wurden immer größer. Und in der vergangenen Woche wurde deutlich: Poldi gibt seine Kapitänsbinde nicht freiwillig ab. Nun tat der neue Köln-Coach Solbakken das, was ein Trainer bisweilen tun muss, und traf eine unpopuläre Entscheidung: er nahm dem Kölner Stürmerstar die Binde ab und reichte sie weiter an Geromel. Als wäre diese Entscheidung nicht schwer genug, setzte er anschließend Newcomer Sascha Riether als Stellvertreter ein.
Poldi wollte sich in der folgenden Pressekonferenz nicht zu den Vorgängen äußern und lächelte stattdessen wortlos in die Kameras. Anders die Fans bei Facebook, die dafür sorgten, dass Solbakken vermutlich bei dem Club einen schweren Stand haben wird – denn in Köln laufen die Uhren nach wie vor etwas anders als in anderen Bundesliga-Vereinen. Kein Club ist dermaßen traditionsdurchzogen, kein Verein so leidgeprüft, und nirgendwo anders nehmen die Fans dermaßen Einfluss auf die Vorgänge in einem Verein wie in Köln.
Dementsprechend wird Poldi als Märtyrer gefeiert, während der Kurs der Fans bereits deutlich wird: “Mal sehen wie lang Solbakken Trainer in Köln ist… Ein Trainer, der diese Unruhe in den Verein bringt, wird es nicht gerade leichter haben als seine Vorgänger.” Doch auch Fans müssen akzeptieren, dass der Trainer das letzte Wort in solchen Personalfragen hat…
22. Juli 2011
Fußball findet nicht nur auf dem Rasen, sondern auch im Kopf statt – mit diesem Bewusstsein sollte ohnehin jedes Fussballtraining stattfinden. Neu sind dabei wohlklingende Namen wie “Brain Kinetik”, die alle dasselbe beinhalten: eine Schärfung des Bewusstseins, ein mentales Training, das die Spieler auf aktuelle Spielsituationen, mögliche Züge und die mögliche weitere Entwicklung vorbereitet.
Ein solches Training ist beispielsweise auch Bestandteil des Fußballtrainings im Internat Kirchberg, das den Schülern zusätzlich die Einbindung ins Vereinstraining des TSV Crailsheim ermöglicht. Gerade für Mädchen eine interessante Perspektive: die B-Juniorinnen des Clubs sind auf einem guten Weg, in der kommenden Saison in die Jugend-Bundesliga aufzusteigen. Ein Schnupperkurs zeigt den Kids mögliche Perspektiven und zeigt gerade Details aus dem mentalen Training auf. Denn das steht beim Internats-Training im Mittelpunkt und sorgt dafür, dass das Training nicht nur rein körperlich abläuft, sondern auch der Geist gefordert wird.
Längst sind die Zeiten vorbei, als Fussballtraining rein körperorientiert abläuft – wir leben schon lange nicht mehr in Zeiten, als stupides Geholze auf dem Rasen zum Vereinsalltag gehörte. Das Bewusstsein hat sich verändert – auch in kleineren Clubs wird inzwischen Wert auf physiologisch orientiertes und auch mentales Training gelegt, um für Fitness in Körper und Geist zu sorgen…
21. Juli 2011
Argentinien und Brasilien sind bei der Copa America im Viertelfinale ausgeschieden und entfernen sich immer weiter von der Spitze des Weltfußballs. Warum nur? Eine Spurensuche.
Die Aufstellungen lesen sich wie das Who Is Who des Weltfußballs, und sie sind es auch. Argentinien spielte gegen Uruguay u.a. mit: Zanetti, Milito, Burdisso, Mascherano, Gago, di Maria, Messi, Aguero, Higuain, Tevez. Brasilien spielte gegen Paraguay immerhin noch mit: Maicon, Lucio, Thiago Silva, Pato, Robinho, Neymar, Fred und Elano. Fast könnte man meinen, es handle sich jeweils um eine Weltauswahl. Ganz von der Hand zu weisen ist diese Vorstellung jedenfalls nicht, und darum ist es umso erstaunlicher, dass beide Favoriten bereits im Copa-Viertelfinale die Segel streichen mussten. Warum? Versuch einer Spurensuche.
Beginnen wir mit der „Albiceleste“, der argentinische Nationalmannschaft. Die stand unter enormem Druck, weil der Copa-Titel letztmalig vor 18 Jahren nach Argentinien ging und weil die Argentinier als Gastgeber dieses Mal Heimrecht hatten. Ein Selbstläufer sollte es werden und wurde es nicht, und das hat viel damit zu tun, dass die Erwartungshaltung der Fans einerseits enorm ist, sie andererseits jedoch kein Verständnis aufbringen für die Spieler aus Europa, die fünf der letzten sechs Spielzeiten durchspielen mussten. 2006: WM in Deutschland. 2007: Copa America in Venezuela. 2008: Olympische Spiele in Peking. 2009 war spielfrei, 2010 WM in Südafrika und nun eben die Copa. Wer will da erwarten, dass Messi, Tevez, Gago, Mascherano und Co. fit und spritzig sind? Zumal die Belastung durch die nationalen Ligen und die Champions League schon während der normalen Saison enorm hoch ist. Jedes Jahr.
Zum Abschuss freigegeben
Bei den Argentiniern kam erschwerend hinzu, dass eine Mannschaft auf dem Platz steht, die sich eigentlich kennt, der es aber durch die Trainerrochaden seit 2004 – Pekermann, Basile, Maradona, Batista – an Führung und Stabilität fehlt. Die argentinische Lösung in jedem Spiel heißt darum: Lionel Messi. Sie geben ihm stets den Ball, warum auch nicht, schließlich klappt es bei Barça ja auch; und wenn es schiefgeht, dann heißt es hinterher nicht etwa, dass ihm die exzellenten Partner fehlen (Pedro, Xavi, Iniesta, Busquets, Villa etc.), sondern dass er abtauche und keine Leistung bringe. Messi wird in Argentinien inzwischen fast verachtet, ein „Spanier“ sei er, urteilt die Öffentlichkeit, der nur für die Albiceleste auflaufe, damit er parallel seine Familie in Rosario besuchen kann.
Soll das positive Motivation sein? Eigentlich kein Wunder, dass Messi in diesem Zwei-Fronten-Krieg aufgerieben wird. In Barcelona wird er vom Trainer gestützt, von der Mannschaft gestärkt, damit er das Team mitreißt – in Argentinien wird er sinnbildlich zum Abschuss freigegeben. Die Albiceleste versagte nicht aufgrund fehlenden Könnens, sondern ging am Druck zugrunde, wie schon bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010. Was außerdem nahezu jeder übersieht: Argentinien scheiterte nicht an irgendjemandem, sondern am WM-Vierten von 2010, an Uruguay.
In jeder Sommerpause ein Turnier – seit knapp zwei Jahrzehnten
Und wie sieht es beim Nachbarn und Erzrivalen unter dem Zuckerhut aus? Die These mit der Müdigkeit muss hier noch viel mehr gelten als für Argentinien. Die Brasilianer hatten ihren letzten freien Sommer im Jahr – 1992! Natürlich spielt längst kein Teilnehmer der Copa America von 1993 mehr mit in der „Seleçao“, doch das Dilemma ist klar: Brasiliens Nationalkicker haben im Prinzip keine Zeit zur Erholung. Robinho etwa: Seit 2003 spielt er in der gelb-blauen Auswahl, und bis auf 2004 und 2008, als in der jeweilige Trainer nicht mit zu den Olympischen Spielen in Athen und Peking nahm, musste er in jeder Sommerpause bei einem Turnier mitspielen. Und was soll da erst Lucio sagen? 2001, 2002, 2003, 2005, 2006, 2009 und 2010 hatte der im Sommer nicht frei, ähnlich ergeht es Spielern wie Maicon und mit Abstrichen Torwart Julio Cesar.
Im Viertelfinale spielten die Brasilianer Paraguay förmlich an die Wand, hatte Chance um Chance und scheiterte jedes Mal kläglich am Torwart – bevor es grotesk wurde: Von vier Strafstößen brachte die Seleçao tatsächlich keinen einzigen im paraguayischen Tor unter; dem Gegner genügten somit zwei Elfmetertore, um Brasilien auszuknocken.
Die Verlierer des Weltfußballs
Wer nun denkt, alles sei also nur Pech gewesen für Brasilien, der irrt: Schon in der Vorrunde wankte der Riese. Im dritten Spiel gegen Ecuador ging es um alles oder nichts. Brasilien gewann 4:2, hatte dabei aber wie schon in den ersten Gruppenspielen (0:0 und 2:2 gegen Venezuela und ebenfalls Paraguay) keinen guten Eindruck hinterlassen. Selbstkritik war aus dem brasilianischen Lager nicht zu hören: Alles sei Teil eines größeren Plans, der auf die WM 2014 im eigenen Land zugeschnitten sei.
Brasilien und Argentinien sind momentan die Verlierer im Weltfußball, sie schaffen es seit vielen Jahren nicht mehr nach ganz oben. Beide schieden bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 jeweils im Viertelfinale aus. Doch statt grundsätzliche Überlegungen anzustellen, wie es weitergehen soll, wird hier wie dort versucht, nur etwas Farbe über den abblätternden Putz zu streichen in der Hoffnung, dass es schon keiner merkt. Nutznießer sind momentan andere südamerikanische Fußballländer wie Paraguay und Uruguay, die sich aus dem Windschatten der beiden Großen gelöst haben. Irgendwie ist das ja auch ganz gut für den Fußball, und nicht für Fußball nur den in Südamerika.
20. Juli 2011
Die Bundesliga hat ihren Auftakt noch gar nicht genommen, da beginnen bereits im Liga total!-Cup die ersten Auseinandersetzungen auf dem Grün. Stein des Anstoßes bei der Partie zwischen dem HSV und den Bayern in der Allianz-Arena war ein böses Foul von Badstuber an Son in der 54. Spielminute: Son befindet sich im Ballbesitz und setzt zu einem Pass an, da grätscht Badstuber mit ausgestrecktem Bein dazwischen, verfehlt aber den Ball und trifft stattdessen Son, der schmerzverzerrt zu Boden geht. Danach gingen die Emotionen außergewöhnlich hoch.
Ob Badstubers Blutgrätsche beabsichtigt war, ist zweifelhaft – unsportlich war sie in jedem Fall und wurde vom Schiri zu seinem Glück nur mit Gelb geahndet. Die HSV-Spieler hatten jedoch weniger Nachsicht, und umgehend kam es um den Schiri herum zur Rudelbildung, Kacar will handgreiflich werden, wurde jedoch von Bayern-Kapitän Lahm zurückgehalten. Die anschließende Deeskalationfiel dem Unparteiischen sichtlich schwer, und anschließend trat der HSV in seinem Twitter-Account nochmals nach und wertete das Foul wutentbrannt als “Mordanschlag”. Das freilich ist deutlich übertrieben, doch zeigt es, wie hoch die Emotionen nach dieser Aktion gingen – Michael Oenning zeigte sich in seinen Äußerungen etwas differenzierter: das Badstuber-Foul war “völlig unnötig” – eine nachvollziehbare Wertung. In offiziellen Kanälen sollten sich die Verantwortlichen allerdings im Sinne der Deeskalation ein wenig zurückhalten und nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer gießen, wenn sie keinen Wert auf anschließende mögliche Ausschreitungen unter Fans legen…
19. Juli 2011
In der deutschen Bundesliga hatte es nicht geklappt: im März hatte der Vorstand von Eintracht Frankfurt recht überraschend Trainer Michael Skibbe geschasst und dafür noch überraschender Christoph Daum zurück ins Bundesliga-Karussell geholt. Der gewünschte Erfolg blieb allerdings auch – auch Daum konnte den Abstieg des Clubs nicht aufhalten, und natürlich blieben auch entsprechende gegenseitige Schuldzuweisungen nicht aus. Michael Skibbe scheint nach seinem anderthalbjährigen Ausflug zurück in die deutsche Bundesliga von eben dieser nun endgültig genug zu haben und kehrt dem Land den Rücken, um erneut in der Türkei zu arbeiten.
Medienberichten zufolge soll Skibbe am Bosporus nun einen Dreijahresvertrag mit dem türkischen Erstligisten Eskisehirspor unterschrieben haben, nachdem er bereits zuvor den Rekordclub Galatasaray Istanbul in Form gebracht hatte – das wäre sein erster mehrjähriger Vertrag seit einigen Jahren. Nach einem Jahr in Istanbul wechselte er zur Eintracht, wo seine Zusammenarbeit nicht von Erfolg gekrönt war – anders als zuvor, als er drei Jahre lang bei Bayer Leverkusen erfolgreich tätig war.
Ex-Eintracht-Verteidiger Marco Russ trat derweil nach seinem Wechsel nach Wolfsburg nochmals nach:”Die letzten eineinhalb Jahre unter Michael Skibbe waren eher lau, da haben wir nicht viel gemacht. Wir waren nicht topfit, das hat man uns angemerkt”, kritisierte er das Training von Skibbe. Es bleibt ihm zu wünschen, dass er in der Türkei etwas friedlicher arbeiten kann.
18. Juli 2011
Sportlichkeit allein steht nicht immer im Fokus – auch in den Medien sichtlich nicht. Anstatt tatsächlich den Besseren zu feiern und ihm respektvoll seinen Sieg gönnen, herrscht auch in den Medien dieselbe Missgunst, wie sie mitunter unter Fans und anderen Gruppen aufkommt. So titelte eine große deutsche Boulevard-Zeitung nach dem Elfmeter-Sieg der japanischen Elf im WM-Finale: “Warum jubelte Neid für die Japaner?”. Die Antwort bleibt das Blatt zwar schuldig – unter Sportlern könnte sie leichter zu beantworten sein.
Sportlichkeit ist ein möglicher Grund, der dem Autor nicht in den Sinn kommt. Er ergeht sich in polemischen Neiddebatten und schwadroniert stattdessen über den vermeintlich größeren Glanz des deutschen WM-Aus gegen den neuen amtierenden Weltmeister. “Japan gewinnt den WM-Pokal, den eigentlich unsere Frauen holen sollten. Die Bundestrainerin und ihre Mädels klatschen jubelnd Applaus. Verrückte WM, verrücktes Finale…” – zu diesem Schluss kommt der namenlose Schreiber. Doch halt – wir besinnen uns: war es nicht Sinn einer Weltmeisterschaft, den wahren Weltmeister – der natürlich mitunter auch ein Quentchen Glück, aber dafür auch eine Menge Taktik benötigt – auszumachen? Oder ist es das Privileg des Gastgebers, sich für den Titel zu qualifizieren? Sicher ist, dass unsere Elf Schwächen gezeigt hat. Sicher ist auch, dass ihr das nötige Quentchen Glück nicht zuteil wurde. Sicher ist auch, dass eine Spielzüge der japanischen Elf im Viertelfinale gegen Deutschland fragwürdig waren.
Eine solche Abkanzlung aber einer Mannschaft, die sich regelkonform zum Sieger emporgearbeitet hat, ist nur eines: unsportlich.
Die deutsche U17-Nationalelf scheitert in Mexiko nur an sich selbst – und begeistert die Zuschauer in Mittelamerika. So, wie es aussieht, wächst da eine goldene Generation heran.
Eine einzige Niederlage hat die deutsche U17-Mannschaft bei der WM in Mexiko hinnehmen müssen – ausgerechnet im Halbfinale, ausgerechnet gegen den Gastgeber, ausgerechnet durch einen Gegentreffer zum 2:3 in der 90. Minute, den – ausgerechnet – jener Mexikaner (Gomez) erzielte, den das Stadion schon zuvor frenetisch gefeiert hatte. Gomez musste mit einer Platzwunde vom Platz, und weil Mexiko schon drei Mal gewechselt hatte, banden sie ihm einen Turban um den Kopf, wie sie es bei den Bayern weiland mit Dieter Hoeneß getan hatten, und unter gewaltigen Applaus kehrte Gomez auf das Spielfeld zurück. Das Publikum drehte natürlich durch, als das Sieg bringende Tor für die Mexikaner fiel, und die Deutschen? Vergruben ihre Gesichter in den Händen, schluchzten, manche weinten hemmungslos – und waren kurze Zeit später beinah schon wieder stolz auf das Erreichte, was letztendlich im einer Bronzemedaille mündete. Nach einem grandiosen 4:3 gegen den Nachwuchs aus Brasilien.
25 Tore haben die Schützlinge von Trainer Steffen Freund in sieben Spielen erzielt, mehr als jede andere U17 bei jeder anderen WM zuvor. Allein elf waren es in den drei Spielen der Vorrunde, allerdings gegen Gegner minderer Gewichtsklassen: Panama, Burkino Faso, Ekuador. Doch auch in den K.O.-Spielen trafen Yesil und Co. beinahe so, wie sie wollten. 4:0 gegen die USA, 3:2 gegen England, und dann kamen das Halbfinale und das Spiel um Platz drei.
Ausgerechnet der 94er Jahrgang
Eine wahrhaft goldene Generation ist es, die da heranwächst, sie spielt bei Bayern München wie Kapitän Emre Can, bei Bayer Leverkusen wie Samed Yesil und Okan Aydin, bei Werder Bremen wie Cimo Roecker und Levent Aycicek, bei Schalke 04 wie Kaan Ayhan und Noah Korzowski, bei Borussia Dortmund wie Koray Günter, beim 1. FC Köln wie Mitchell Weiser (der Sohn des früheren Bundesliga-Profis Patrick Weiser) und beim VfB Stuttgart wie Torwart Odisseas Vlachodimos, Rani Khedira (Samis Bruder) und Robin Yalcin. Experten sagen, es ist dies der beste deutsche Jahrgang aller Zeiten, und wenn man sie gesehen hat in Mexiko, könnte man dazu neigen, den Experten in ihrer Meinung zu folgen.
Ausgerechnet der 94er Jahrgang, könnte man sagen. 1994 war so etwas wie ein Traumajahr für den deutschen Fußball. Effenberg zeigte dem US-Publikum bei der WM den berühmten Finger und dann flog die deutsche Mannschaft auch noch im Viertelfinale aus dem Turnier – gegen Bulgarien. Das Jahr gilt im Rückblick als Einleitung des Niedergangs; zwar wurde Deutschland bekanntermaßen noch einmal Europameister zwei Jahre später, doch dann kam die bescheidene WM 1998 in Frankreich (Aus im Viertelfinale gegen Kroatien), die EM 2000 mit dem Aus in der Vorrunde, der Ausrutscher nach oben 2002 in Japan und Südkorea und das abermalige Vorrundenaus 2004 bei der EM in Belgien und den Niederlanden.
Trotz aller Klasse ist noch Luft nach oben
Wenn es einige der aufgezählten Talente in die Bundesliga und in die Nationalelf schaffen sollten, wird dem Jahr 1994 der Schatten genommen werden, der auf ihm liegt. Nach sportlichen Gesichtspunkten dürfte kaum etwas dagegen sprechen, die Spieler sind zu gut, um es nicht zu schaffen, und schon beginnt der türkische Fußballverband, die Spieler mit türkischem Migrationshintergrund zu umwerben – und von denen gibt es einige in der Mannschaft. Der DFB wäre gut beraten, dagegenzuhalten und einige von ihnen lieber zu früh als zu spät an sich zu binden, sonst endet die Geschichte wie bei Nuri Sahin. Steffen Freund allerdings hatte sinngemäß gesagt, er denke, die Spieler würden sich für Deutschland entscheiden. Bleibt zu hoffen, dass es Recht behält.
Sie verfügen allesamt über außerordentliche Begabungen in Sachen Technik, Übersicht, Spielintelligenz und Tempo. Es klingt reichlich seltsam, aber genau jener Überschuss im Tempospiel war es, der die Niederlage gegen Mexiko veranlasste. Anstatt zwischen durch die Geschwindigkeit herauszunehmen, gingen die Deutschen nach dem Ausgleich auf Teufel komm raus auf das 2:1, und als das Tor nach der Pause endlich gefallen war, da schien es so, als würden ihnen die Kräfte etwas schwinden. Eine etwas ökonomischere Spielweise hätte wahrscheinlich zum Sieg und damit zum Finaleinzug gereicht. Andererseits ist es vielleicht ganz gut so, wie es ist. Die Spieler haben gemerkt, dass sie trotz aller Klasse noch Luft nach oben haben und an sich arbeiten müssen. Im Hinblick auf ihre Entwicklung ist das vielleicht viel mehr wert als mit 17 einen Weltmeistertitel geholt zu haben. Die Jungs werden das mit dem nötigen Abstand vermutlich auch so sehen.