29. September 2011
Bass, Bass wir brauchen Bass? Nein – Huub, Huub Stevens, Digger. Das rappten die Fünf Sterne Deluxe während Stevens‘ Engagement in Hamburg, und die Schalker dachten das nun auch. Wie aber lässt Stevens Fußball spielen? Modern wie Ralf Rangnick oder getreu seinem alten Konzept, dass die Null stehen muss?
In Hamburg, so hat man es dieser Tage gehört, hätten sie gern einen gewissen Huub Stevens verpflichtet, doch in Hamburg, genauer gesagt beim HSV, machen sie es sich seit Jahren immer und überall, wo man hinschaut, unnötig schwer. Ein Trainer ohne Job, der mit gleich zwei Vereinen verhandelt? Offenbar ein absolutes No-Go für den Hamburger SV. Huub Stevens, mit vollem Namen Hubertus Jozef Margaretha Stevens, sprach nämlich gleichzeitig mit dem FC Schalke 04 und mit dem HSV, was man beim immer wunderlicher werdenden Club von der Alster zum Anlass nahm, dem Wunschkandidaten aus den Niederlanden mir nichts, dir nichts abzusagen.
Zum Ärger der Schalker war diese Absage nicht. Schalke hat nämlich nun einen Trainer, noch dazu einen, der 1997 mit eben jenem Club aus dem Revier den UEFA-Cup gewinnen konnte. Doch egal, welchen Bundesliga-Club Huub Stevens bisher auch trainiert hat (das waren neben Schalke immerhin eben der HSV, Hertha BSC Berlin und der 1. FC Köln): Das Credo des Niederländers lautete stets, dass „die Null stehen“ müsse. Da sich diese Ansicht kaum ins Gegenteil verkehrt haben dürfte in den letzten Jahren, stellt sich jetzt die Frage, ob sie noch zeitgemäß ist.
Fußball der 90er Jahre
Im ersten Training auf Schalke ließ Stevens erst einmal drei defensive Spieler aus der zweiten Mannschaft mitmachen und befand anschließend, dass es „lustig“ sei, dass man immer noch über seinen Satz mit der Null spreche. Dabei gibt es Fanzirkel im Pott, die die Verpflichtung des knorrigen Manns aus Sittard gar nicht so lustig finden. „Huub Stevens steht für Fußball der 90er Jahre“, vermeldete etwa das „Königsblog“ und erklärte Manager Horst Heldt für unfähig, weil der nach der Demission von Ralf Rangnick angekündigt hatte, einen Trainer holen zu wollen, der Rangnicks Philosophie des modernen Fußballs fortführe. Die gleiche Meinung herrscht im Blog schalkefan.de vor: „Wenn Huub Stevens auf Schalke ein zweites Mal die Herzen und Hirne der Fans erobern will, muss er ein Förderer der Jugend sein und modernen Offensivfußball spielen lassen“, war dort zu lesen.
Den Holländer ficht das erst einmal nicht an. „Ob es altmodischer oder moderner Fußball genannt wird, ist egal. Das war früher so und ist heute so“, ließ Stevens verlauten, und es ist kaum anzunehmen, dass er mit diesen Aussagen die Herzen der kritischen Schalker Fans im Sturm erobern wird. Auch, dass er schon nach sieben Spieltagen sagt, dass die Meisterschaft ja quasi schon an die Münchner Bayern vergeben sei, ist nicht unbedingt das, was man auf Schalke gern hören dürfte.
Bloß keine Experimente
Die Verantwortlichen beim Club aus Gelsenkirchen freilich sehen die Nummer in einem anderen Licht. „Wir haben eine schnelle und zugleich die beste Lösung gefunden“, meinte Horst Heldt, und damit ist nicht unbedingt das fußballerische Element gemeint. Man wolle keine Experimente, sondern Stabilität und Sicherheit, fügte Heldt noch an, und damit ist im Prinzip klar, dass die Schalker keinen Trainer wollten, der die Rangnick’sche Kombinationsphilosophie weiterführt, sondern der den Club kennt – und sich nicht erst groß einleben muss.
Dass man auf Schalke so pragmatisch dachte, könnte auch daran gelegen haben, dass der Club nach sieben Spielen schon zwölf Gegentore auf dem Konto hat. Wolfsburg und Augsburg haben sich auch schon zwölf Gegentreffer eingefangen, nur Köln (15), Mainz (15), Freiburg (22) und – natürlich – der HSV (18) haben mehr Tore kassiert. In Hamburg hätten sie einen wie Stevens, bei dem die Null stehen muss, vermutlich mit Kusshand empfangen. Auf Schalke muss sich erst noch erweisen, wie der Stil des Trainers die Mannschaft prägen wird und wohin dieser Weg für den FC Schalke 04 führt. Und ob die Fans sich auf mittlere Sicht damit identifizieren können.
20. September 2011
Fußball, das sei ein Ergebnissport, hört man zurzeit landauf, landab die Cheftrainer in der Bundesliga sagen. Wenn die Resultate ausbleiben, wird darum nun oft von einer „Ergebniskrise“ gesprochen. Ist das das Symptom des Deutschen Meisters aus Dortmund – oder geht die Krise noch viel tiefer?
3:1 gegen den HSV. 0:1 in Hoffenheim. 2:0 gegen Nürnberg. Dann ein 0:0 in Leverkusen, kein wirklich meisterlicher Start, aber auch kein schlechter für Borussia Dortmund – aber dann: 1:2 gegen Hertha BSC, und schließ- und endlich ein 1:2 bei Hannover 96, nach einer 1:0-Führung, die immerhin bis zur 87. Minute Bestand hatte. Es war eines dieser seltsamen Spiele, Dortmund drückte und hatte durch Hummels, Lewandowski, Blaszczykowski, Perisic und Gündogan allein in der ersten Halbzeit ausreichend Torchancen, um vielleicht sogar zwei Spiele damit zu gewinnen. Als die Borussia dann in der zweiten Hälfte genauso weiter spielte und in der 63. Minute endlich durch Kagawa in Führung ging, dachte wohl jeder Beobachter: Okay, das Spiel ist gelaufen. Dortmund war am Drücker, und schließlich hatte das Team von Jürgen Klopp fünf Tage zuvor Arsenal an die Wand gespielt und mit eisernem Willen zwei Minuten vor Schluss noch den mehr als verdienten Ausgleich zum 1:1 geschafft. Was dann jedoch in Hannover geschah nach dieser 63. Minute, gibt wohl nicht nur Klopp einige Rätsel auf.
Dortmund begann, sich zurückzuziehen, plötzlich war trotz der Führung alles Selbstvertrauen wie weggeblasen. Es wirkte so, als hätte Goliath gemerkt, dass David noch nicht gänzlich am Ende ist, mit schnellen Kontern wollte Dortmund den Niedersachsen dann den Gnadenstoß verpassen, allein: der Plan misslang völlig. An einem neuralgischen Punkt einer Partie, nach dem Führungstor, hätte die Borussia der Vorsaison erst recht weiter nach vorn gespielt und die Entscheidung gesucht. Haderten die Dortmunder mit ihrer Chancenverwertung, die schon in den Spielen zuvor eklatant schlecht war, insbesondere gegen Arsenal? Wenn man bedenkt, dass schon in der Meistersaison ausgerechnet Dortmund die meisten Großchancen liegen ließ, ist das gar nicht so unwahrscheinlich. Darum stellt sich die Frage, ob es fair ist, die aktuelle Krise des Vorjahreschampions an Personen festzumachen – Top-Torjäger Lucas Barrios hatte im Vorjahr auch viele vergebene Chancen zu verzeichnen, traf aber zuverlässig immer dann, wenn es nötig war. Das ist eine Qualität, die den anderen Offensivspielern – allen voran Robert Lewandowski und Mohamed Zidan – definitiv abgeht. Auch Shinji Kagawa und Mario Götze lassen Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor derzeit vermissen.
Das Fußballspielen hat keiner verlernt in Dortmund
Viel interessanter als diese Erörterungen ist jedoch die Frage, warum eine in sich ziemlich gefestigte Mannschaft, die in der Champions League mehr als nur gut mitgehalten hatte ein paar Tage zuvor, nach einer Stunde und dem Führungstreffer Angst vor der eigenen Courage bekommt; das Fußballspielen jedenfalls verlernt ja keiner von einer Minute auf die andere. Sicher, jene Leichtigkeit, die die Dortmunder durch die letzte Saison getragen hat, ist auf einmal nicht mehr da, aber das müssen sie bei der Borussia vorher gewusst haben. Plötzlich hat die Borussia etwas zu verlieren. Ging letzte Saison ausnahmsweise mal ein Spiel in die Binsen, dann hatte Klopps Credo immer Gültigkeit – jenes Credo, demzufolge man „von Spiel zu Spiel“ denke. Damit haben die Dortmunder damals die Kurve immer wieder gekriegt. Nun sieht es so aus, als sei diese Klopp’sche Maxime nicht länger das Gebot der Stunde, auch wenn er sie seinen Spielern immer und immer wieder einbimst.
Die Spieler verkrampfen
Dortmund hat etwas zu verlieren. In der Champions League wollen sie als Deutscher Meister natürlich weiterkommen, alles andere wäre für die Fans eine Riesenenttäuschung – das erhöht den Druck auf die Spieler. Ein Druck, den sie nicht kennen, letzte Saison gab es keinen Druck. Und in der Bundesliga sieht es genauso aus. Der Meister liegt nur auf Platz elf, schon acht Punkte hinter den Bayern und immerhin drei Punkte hinter Platz sechs, der wenigstens die Teilnahme an der Europa League bedeutet. Die Dortmunder haben stets betont, dass der Kader auch ohne den zu Real Madrid gewechselten Nuri Sahin mindestens ebenso stark sei wie der Kader des Vorjahres, daran müssen sie sich messen lassen. Und es stimmt ja: der Kader ist gleich stark. Die Spieler wissen das, und genau deswegen verkrampfen sie mehr und mehr, weil sie ins Grübeln kommen, wenn es auf einmal nicht mehr so gut läuft. Es sind dies die typischen Phänomene, die der VfB Stuttgart und der VfL Wolfsburg in den Jahren nach deren Meisterschaften 2007 und 2009 ebenfalls durchliefen.
Momentan ist es nur eine Ergebniskrise in Dortmund. Doch wenn die Borussia nicht die mentale Stärke hat, die ihr nach wie vor zuzutrauen wäre, wenn sie anfängt, sich nicht erst nach 63, sondern nach 33 Minuten zu verstecken, wenn sie weiterhin klarste Tormöglichkeiten vergibt und noch mehr ins Grübeln kommt, dann wird aus der Ergebniskrise schnell eine Schaffenskrise. Es sei denn, die Dortmunder schaffen es, schnell wieder Klopps Vorgabe zu folgen – und einfach immer nur an das nächste Spiel zu denken. Alles andere hat im Fußball sowieso selten zu etwas Gutem geführt.
13. September 2011
Dass Barça seit ein paar Jahren den besten Fußball auf der Welt spielt, wird wohl niemand ernsthaft abstreiten können, außer Jose Mourinho vielleicht. Doch was führt dazu, dass die Katalanen so dominant sind? Einblicke in das Training des besten Clubs der Welt.
Im abschließenden Teil dieser kleinen Serie wollen wir, wie angekündigt, das technische Konzept beleuchten, mit dem Barcelona es schafft, absolut dominant zu agieren. Dazu muss man wissen, dass diese Dominanz auf der Philosophie des Clubs beruht, möglichst immer den Ball in den eigenen Reihen zu halten; eine Philosophie, die im Grunde seit der Ankunft von Johan Cruyff 1973 im Verein herrscht. Der einfache Gedanke dahinter: Wenn die Mannschaft selbst den Ball hat, fällt schon mal kein Gegentor, es ist denkbar einfach. Für das Offensivspiel ist es damit nicht getan. Die Taktik, den Ball stets zu kontrollieren und auch noch nach vorn gefährlich zu werden, setzt voraus, dass im Prinzip alle Spieler aller Mannschaftsteile technisch absolut beschlagen sind, da der Ball meist direkt zum Mitspieler gepasst werden muss und das alles fast immer auf engstem Raum, weil die Gegner sich weit in die eigene Hälfte zurückziehen.
Es ist in jedem Barça-Spiel zu beobachten, wie es den Spielern gelingt, diese Situationen zu lösen, das Geheimnis lautet: Dreiecke. Überall dort, wo zwei Spieler von Barcelona von zwei Spielern des Gegners attackiert werden, taucht wie aus dem Nichts ein dritter Barça-Spieler auf und bildet den dritten Eckpunkt des nun entstandenen Dreiecks. Weil sie technisch allesamt so beschlagen sind, schaffen sie es, per Direktspiel und mit der so hergestellten Überzahl das Problem zu lösen. Im nächsten Spielzug genau das gleiche Bild. Doch woher kommt die technische Beschlagenheit aller Akteure?
Wer was am Ball kann, ist willkommen
Alle Jungs, die mit dem Fußball beginnen, wollen nur eins: Tore schießen, die die Mannschaft zum Sieg führen. Andererseits lautet eine der Grundregeln nahezu jeder Ballsportart, dass die Offensive die Treffer markiert, die Defensive hingegen den Erfolg bringt. „Offense wins games, defense wins championships“, so das komplette Zitat. Also beginnen die Clubs, ihre Jugendspieler, die irgendwann einmal in der ersten Mannschaft reüssieren sollen, positionsgetreu auszubilden. Wer in der E-Jugend Außenverteidiger lernt, so die Philosophie, hat diese Position so verinnerlicht, dass er sich 15 Jahre später im Schlaf noch spielen könnte. Die Vereine gehen wie folgt vor: Die technisch beschlagenen Jungs spielen von Anfang an in der Offensive, die aus eher gröberem Holz geschnitzten Jungs müssen in der Verteidigung ran.
Der FC Barcelona verfolgt nun kein technisches Konzept, das dieser Prämisse grundlegend zuwider läuft. Und doch gibt es einen radikalen Unterschied. In der cantera, also in der Ausbildung, werden diejenigen, die technisch nicht hoch begabt sind, wieder nach Hause geschickt, seit Ewigkeiten geht das so in Barcelona. Die Jungs, die am Ball wirklich was drauf haben, sollen erst einmal ein paar Jahre in der Barça-Jugend spielen, wo sie durch das Training nach und nach von Rohdiamanten zu technisch feingeschliffenen Juwelen werden. Erst dann, im nächsten Schritt und im schon etwas fortgeschrittenen Alter (es gibt keine genauen Zahlen, ab wann, doch im Schnitt vermutlich mit elf bis dreizehn Jahren), werden einige der durchweg offensiv denkenden Jungs zu Defensivspielern umgeschult. Das erklärt, warum auch alle defensiven Akteure des FC Barcelona, ja sogar der Torwart, ziemlich außergewöhnliche Fähigkeiten im Umgang mit Ball besitzen.
Wer nicht ins Konzept passt, muss bald wieder gehen
Und so werden bei Barça die stets gleichen, sich nur in Nuancen verändernden Übungen trainiert, wie in Teil zwei beschrieben. Die Philosophie der technischen Überlegenheit und der Dominanz ist nichts, was Pep Guardiola oder Frank Rijkaard im Club eingeführt haben – sie haben sie nur weiter perfektioniert. Seit Rinus Michels 1970 in die katalanische Hauptstadt gekommen war, orientiert sich der Club am Leitbild des „totaal voetbal“, dessen Idee es ist, dass jeder Spieler im Prinzip alles können muss. Vor allem am Ball. Und mit diesem Leitbild werden schon die Jüngsten konfrontiert, die nach La Masia kommen. Und auch jene Profis, die Barcelona für das Profiteam hinzukauft, müssen diesem Ideal entsprechen. Wer es nicht erfüllt wie etwa Zlatan Ibrahimovic, muss eben nach einem Jahr wieder gehen – trotz seiner 16 Tore in 29 Punktspielen.
12. September 2011
Außer den verletzen Spielern und den Nationalspielern absolvierte der Großteil der Mannschaft eine Komplexübung, die mehrere Stationen beinhaltete. Im Fokus standen Torschüsse. Trainingsmethodischer Schwerpunkt war die Handlungsschnelligkeit vor dem Tor. An der Strafraumgrenze postierte sich ein Stürmer, der kurz nacheinander Bälle von beiden Seiten im Tor verwerten musste. Wobei die eine Außenbahn von nur einem Spieler besetzt und die andere Seite durch mehrere Spieler belaufen wurde. Letztere spielten sich in kurzen Passfolgen den Ball zu, immer den Stürmer im Blick. Nach dem dieser die erste Flanke abgenommen hatte, spielt einer in der Gruppe befindlicher Spieler einen zweiten Ball auf Selbigen. Für den Stürmer gilt es, schnell zu reagieren. Der größte Fehler, den Spieler in dieser Situation machen, ist abzuschalten. Eine Handlung ist abgeschlossen und „hallt“ im Kopf noch zu lange nach. So gelingt es dem Spieler nicht, adäquat auf eine neue Spielsituation zu reagieren. Besonders ein Stürmer muss immer mit neuen Situationen und letztendlich auch Torchancen rechnen.


Natürlich kann der Schwierigkeitsgrad dieser Übung entsprechend erhöht werden. So ist es beispielsweise möglich, dass die Außenspieler, die „Pause“ zwischen den zwei Flankenbällen kürzer gestalten. Die Folge: Der Stürmer ist gezwungen, noch schneller zu reagieren. Eine andere Möglichkeit wäre, die Flanken mit Absicht ungenau zu schlagen oder den Verlauf des Balles zu erschweren. Technische Mittel sind zum Beispiel ein Effetball oder eine Flanke, die kurz vor dem Stürmer noch mal aufsetzt. Um die die Prämisse „variantenreich“ zu fördern, könnten beide Flanken aus dem Außenraum unterschiedlich getreten werden und gewissermaßen ein „Kontrast“ darstellen. Beispiel: Von links scharfer Flachpass der noch einmal aufsetzt und im Anschluss eine „Bananenflanke“ von der anderen Seite. Die Gesamtübung läuft im Kreis ab. Die 4er Gruppe im Außenraum schlägt sowohl die Flanke auf den Stürmer als auch einen langen Linienpass auf den Außenstürmer, der diesen Pass schnell verwertet und sofort in eine Flanke umwandelt. Auch hier könnte durch Änderung der Aufgabenstellung der Zeitdruck für die handelnden Spieler erhöht werden.
Jetzt ganz einfach das eigene Training verbessern:

8. September 2011
Dass Barça seit ein paar Jahren den besten Fußball auf der Welt spielt, wird wohl niemand ernsthaft abstreiten können, außer Jose Mourinho vielleicht. Doch was führt dazu, dass die Katalanen so dominant sind? Einblicke in das Training des besten Clubs der Welt.
Dauerläufe und Zirkeltraining ist es also genauso wenig wie der Medizinball, mit dem die Mannschaft des FC Barcelona ein Spiel über 90 und mehr Minuten zu beherrschen lernt im Training; die 70 oder teilweise 80 Prozent Ballbesitz, die das Team in einem Spiel hat, setzen allerdings eine ungeheure Fitness voraus, das ist klar. Wie schon im ersten Teil kurz angerissen: Schnelligkeit, Schnellkraft, Ballbeherrschung in höchstem Sprinttempo und anaerobe Ausdauer sind die Grundlagen für das Barça-Spiel. Fünf Prozent des Trainings bestünden aus Sprints ohne Ball, wie Ronald Reng schon 2006 für die Süddeutsche Zeitung recherchiert hat, das war noch unter Trainer Frank Rijkaard, und es ist kaum anzunehmen, dass sich seit 2008 unter Pep Guardiola daran grundsätzlich etwas geändert hat.
Es wurde in Barcelona vielmehr die „Fitnessschulung ins Balltraining integriert“, schreibt Reng, und weiter: „Barças Spieler merken nicht, wenn sie die Physis trainieren“. Mehr Anti-Magath geht nicht. Mit dem Ball am Fuß und hin und wieder auch ohne ziehen die Stars, die doch alle so bescheiden wirken, ziehen also Xavi, Messi, Villa, Pedro, Iniesta und Co. Sprints an auf engem Raum, dann bremsen sie abrupt, schlagen einen Haken wie um einen imaginären Gegenspieler herum, passen davor den Ball und bekommen ihn sofort wieder.
Die Belastung wird gar nicht bemerkt
Und auch, wenn Zirkeltraining nicht stattfindet, durch diverse Parcours müssen sie in jedem Training hindurch, es hilft nichts, aber es ist nicht die Art von Parcours, mit der fitnessversessene Jugendtrainer hierzulande ganze Generationen von Talenten dazu bringen, nicht mehr im Training zu erscheinen. Ein Parcours in Barcelona, so Reng sehe eher so aus: „Zum Beispiel beginnt ein Spieler an der Mittellinie mit einem Pass nach außen. Dann fliegt er über vier niedrige Hürden, kriegt den Ball zurück, sprintet damit um Slalomstangen, und so weiter, bis er zum Torschuss kommt.“
Weil alles mit Ball abläuft, macht so ein Parcours auch mit unzähligen Varianten Spaß, und die Spieler bekommen höchstens nebenbei mit, dass sie „gleichzeitig Schnellkraft, Ballbeherrschung auf Höchsttempo, anaerobe Ausdauer“ trainieren, wie Reng schreibt – „Ballverliebt wie Fußballer sind, denken sie nur an den Pass, den Torschuss“, die in die Übungen integriert sind.
Wie der Hase hinter dem Igel
Während Fußballer nach ausgiebigen Trainingsdauerläufen richtig pumpen müssen, also die Muskeln so schnell wie möglich wieder mit roten Blutkörperchen via Sauerstoffzufuhr eindecken müssen, ist die Zeit, die die Spieler nach einem solchen Parcours zur Erholung brauchen, verschwindend gering. Deutsche Trainer hört man oft, wenn sie sich darüber beschweren, dass in einem Spielrhythmus Samstag – Mittwoch – Samstag gar keine Zeit bleibe, um ordentlich zu trainieren. Die Antwort auf diesen Satz kann nur heißen, dass in dem Fall eben falsch trainiert wird. Barça spielt im gleichen Rhythmus, und wenn am Mittwochabend ein Champions League-Spiel war, geht das Team am nächsten Tag auf den Platz und erholt sich quasi beim Training. Pass, Spurt, Drehung, Bremsen, Doppelpass, Sprint, Abbremsen, Finte, Torschuss.
Francisco Seirullo ist seit Jahren Fitnesstrainer bei der derzeit besten Mannschaft der Welt, und wie er dem Journalisten Reng 2006, kurz vor Barcelonas Champions League-Sieg gegen den FC Arsenal, erklärt hat, sind jene Teams, die klassisch Kraft und Kondition bolzen im Training, gegen Barça in der ersten Halbzeit nach etwa 25 Minuten kaputt. In der zweiten, nachdem sie sich in der Pause erholt hätten, seien es gar nur noch 15 Minuten, bis der Gegner einbricht. Ein Teil der Wahrheit ist eben nicht nur, dass die Art des Trainings die Spieler fit hält, sondern auch der Geist. Und wer gegen Barcelona nur hinterherrennt wie der Hase dem Igel, weil Barça Ball und Gegner laufen lässt und kaum Bälle verliert, der bekommt sicher auch irgendwann mentale Probleme.
Im nächsten Teil gehen wir näher auf genau dies ein: Wie schafft es Barcelona, Ball und Gegner so laufen zu lassen, dass sie 70 bis 80 Prozent Ballbesitz haben? Einblicke in das technische Konzept, das Philosophie und Training der Katalanen zugrunde liegt.
5. September 2011
Die Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer – wohl auch, weil sie ungute Erinnerungen an einen prominenten Fall geweckt hat: Markus Miller trat vor die Presse und erklärte, er fühle sich mental erschöpft und wird auf unbestimmte Zeit in stationäre Behandlung gehen. Ausgerechnet er, der Nachfolger von Robert Enke, der sein Leben im Jahr 2009 auf einem Bahnübergang beendete. Die Diskussion über Leistungsdruck entfacht damit erneut.
Vielleicht ist sie nötig, die Diskussion über Spitzensportler, bei denen angesichts Millionengehälter nur wenige Menschen Verständnis zeigen, dass auch sie unter Druck stehen. Und psychische Ausgeglichenheit lässt sich mit keinem Geld kaufen – es liegt bei Mannschaft und Trainer, die Spieler im Auge zu behalten und zu intervenieren, wenn es Probleme gibt. Lange Zeit galten solche Themen als tabu – spätestens seit dem aufsehenerregenden Fall von Robert Enke aber gelangte das Thema an die Öffentlichkeit und wurde kontrovers diskutiert. Die Robert Enke-Stiftung hat sich als Ziel gesetzt, weitere Fälle wie den ehemaligen Hannover-Torwart zu verhindern und zu sensibilisieren.
Der Ersatzkeeper wechselte vom Karlsruher SC nach Hannover – bislang war er nicht zum Einsatz in der Bundesliga gekommen, und er ließ wissen: “Seit einiger Zeit habe ich immer seltener das Gefühl, dass ich der Mannschaft wirklich helfe oder etwas Wesentliches bewirke”. Mit diesen Worten trat er seinen schweren Weg vor die Presse an, um sie zu informieren – und Mirko Slomka bekräftigte Millers Schritt: “Wie er seine Situation angenommen hat, sich aktiv um Hilfe bemüht hat und für sich selbst die Entscheidung getroffen hat, die Öffentlichkeit in Kenntnis zu setzen, ist imponierend.” Vielleicht fällt das Tabuthema doch irgendwann…
1. September 2011
Dass Barça seit ein paar Jahren den besten Fußball auf der Welt spielt, wird wohl niemand ernsthaft abstreiten können, außer Jose Mourinho vielleicht. Doch was führt dazu, dass die Katalanen so dominant sind? Einblicke in das Training des besten Clubs der Welt.
FC Barcelona – der Name steht seit Jahrzehnten für offensiven und spektakulären Fußball. Und seit Pep Guardiola Trainer ist in Kataloniens Metropole, steht der Name erst recht auch wieder für Erfolg, für Dominanz, aber auch für Eleganz. Das ist alles soweit klar, und dennoch überrascht es einen immer wieder, dass Barça in nahezu jedem Spiel den Gegner nach Belieben beherrscht. Dabei wird die Mannschaft oft nur auf die Abteilung Attacke reduziert, auf Pedro, Iniesta, Xavi, Villa und – sowieso – auf Lionel Messi. Dabei lautet das Geheimnis, nein, die Formel des Erfolgs auch in Barcelona: Defense wins Championships. Dieses Team ist wahnsinnig kreativ, wenn es bei Ballbesitz nach vorn spielt, aber die wahre Begründung für die Einzigartigkeit, mit der Barça auftritt, liegt in dem Wort „Ballbesitz“.
Barcelona hat fast immer den Ball, und sie bekommen ihn auch nach einem Ballverlust schnell wieder, weil sie ein Forechecking spielen, wie es keine andere Mannschaft auf der Welt beherrscht. Woher das kommt? Die Antwort lautet: durch hartes Training, auch und gerade weil es so unglaublich einfach aussieht, wie die Offensivabteilung schon am gegnerischen Strafraum verteidigt und dort die Bälle gewinnt.
Schuften im Steinbruch
La cantera ist Spanisch und bedeutet übersetzt so viel wie Steinbruch. Dort wird geschuftet bis zum Umfallen, und in Barcelonas „cantera“ schuften sie noch ein bisschen mehr als anderswo. Steinbruch nennen sie in Spanien die Nachwuchsabteilungen der Fußballclubs, die in der katalanischen Hauptstadt La Masia genannt wird und nur ein paar Meter entfernt liegt vom Stadion Camp Nou. Von der F-Jugend an bläuen sie dort den Spielern das System des FC Barcelona ein, das alle – tatsächlich alle – Mannschaften von den Bambini bis hin zu den Profis spielen. Was in der Jugend noch nicht trainiert wird, ist das, was man inzwischen die Kommunikation per Pass nennt: Die Art und Weise, wie Xavi den Ball zu Iniesta weitergibt, enthält einen Code, den die Mitspieler und nur die Mitspieler lesen können, die Gegner nicht. Spielt er ihn einfach ein paar Meter quer, heißt das „wir warten ab“; spielt er ihn nach hinten auf Busquets, bedeutet das so viel wie „wir stehen noch nicht richtig“; verlagert er das Spiel mit einem weiten Pass auf die andere Seite, dann sagt er seinen Mitspielern um ihn herum, dass sie zu wenig laufen. Spielt er den Steilpass auf Messi, Pedro oder Villa, wissen alle sofort, dass jetzt die Post abgeht, sie müssen nachrücken.
Dass so etwas nur durch jahrelanges Training geübt werden kann, ist logisch. Bei Barça trainiert Guardiola keine Übung ohne einen Ball, Dauerlauf und Medizinball, das sind Worte, die es im Katalanischen wahrscheinlich gar nicht gibt. Die Spieler kennen so etwas nicht. Sie üben den Sprint im richtigen Moment und in die richtige Gasse, sie üben, sich danach wieder zu sortieren, und sie üben das alles meist auch noch mit dem Ball am Fuß, anders könnte es gar nicht sein, dass jeder Einzelne so unglaublich ballsicher ist, angefangen beim Torwart Victor Valdes. In die meisten Übungen ist auch noch der Torabschluss integriert, auch logisch, und das erklärt, warum Barça in der Saison 2010/11 in 38 Spielen 95 Tore geschossen hat und in den 13 Spielen in der Champions League noch einmal 30.
Hauptsache, man kann was am Ball
Schnelligkeit, Schnellkraft, Ballbeherrschung in höchstem Sprinttempo und anaerobe Ausdauer ist das, was man auf dem Trainingsgelände La Masia den Spielern wieder und immer wieder einimpft. Eine normale Fußballmannschaft, die einen Trainer hat, der Kondition bolzen lässt, bricht nach einer halben Stunde ein gegen den FC Barcelona, der die Gegner in unzählige kurze Sprints verwickelt, dann das Tempo drosselt, den Ball quer spielt und im nächsten Moment den nächsten Zweikampf im Sprinttempo angeht, alles in Atem raubender Geschwindigkeit. Nicht einmal ein Warmlaufen ist in Barcelona zu beobachten, die Spieler spielen eine Art Fangen, weil ja auch da gesprintet werden muss, abgebremst und dann wieder angezogen wird.
In Barcelona interessiert es niemanden, ob einer 1,90 oder 1,65 groß ist, ob einer eine Pferdelunge hat oder ob er breit oder eher schmächtig ist. Wer etwas mit einem Ball am Fuß anzufangen weiß, der ist richtig aufgehoben in La Masia, den Rest bekommt er durch spielerisches Training verpasst, bis ein zweiter Messi, ein zweiter Xavi, ein zweiter Iniesta dabei herauskommt, wobei man fairerweise dazusagen muss, dass alle drei einzigartig sind. Bis zum 16. Lebensjahr sehen die Nachwuchstalente bei Barça keinen Kraftraum von innen und auch später nur sehr selten, Dauerläufe und Zirkeltraining kennen sie, wenn überhaupt, dann nur als Foltermethoden aus einer anderen Welt. Und wie nun genau trainiert wird in Barcelona, stellen wir im nächsten Teil dieser Serie vor.
Freistöße und Eckstöße
Im zweiten Teil des heutigen Trainings trainierten die Dortmunder Profis Standardsituationen. Eckstöße standen als erstes auf dem Programm. Dabei wurden unterschiedliche Variationen durchgespielt. Eine Unterscheidung lag in der Wahl des auszuführenden Beines. Zuerst war es die Aufgabe, vom Tor weg zu flanken. Das erfordert von den im Strafraum positionierten Spielern ein besonderes Anpassungsverhalten. So hat der Torwart insbesondere darauf zu achten, dass er die getretenen Ecken richtig einschätzt. Bei Bällen, die vom Tor weg geschlagen werden, läuft der Torwart Gefahr, den Ball zu unterlaufen. Durch besondere Windverhältnisse oder einen bestimmten Effet kann es sein, dass die Flugbahn des Balles unberechenbar werden kann. Auch die Spieler, sowohl die Abwehrspieler als auch die Stürmer, sind gezwungen, sich auf diese spezielle Eckenvariation einzustellen. Normalerweise landet ein vom Tor weg getretener Eckball im hinteren Strafraum in der Nähe des langen Pfostens. Meist schließt ein Ziel führender Kopfball diese Standardaktion ab. Der Vorteil für den Stürmer: Der Ball fliegt genau auf ihn zu und kann in seiner Geschwindigkeit eins zu eins auf das Tor geköpft werden.


Danach wurden die Eckbälle zum Tor hin geschlagen. Solche Varianten sind für einen Stürmer schwer zu „verarbeiten“ – im Gegenzug dafür aber für einen Torwart noch schwerer einzuschätzen. Oftmals entstehen sogar Situationen, bei denen der Ball ohne oder nur mit leichter Berührung direkt seinen Weg in das Tor findet. Häufig kommt hier das taktische Mittel einer Ballverlängerung zum Einsatz, die entweder durch einen nachrückenden Spieler verwertet oder direkt auf das Tor geleitet wird.
Eine andere Standardsituation wurde durch Freistöße hergestellt, die aus dem Halbraum, mal vom Tor weg, mal zum Tor hin, geflankt wurden. Auch hier entstehen ähnliche Situationen wie bei den zuvor erwähnten Eckbällen. Allerdings erhalten aufgrund der Torentfernung und der spezifischen Ballkonstellation sowie der daraus entstehenden Gefahrensituation die Bälle den Vorzug, die zum Tor hin geschlagen werden.
Koordinationsprogramm Patrick Owomoyela
Patrick Owomoyela absolvierte einen separaten Laufparcours, bei der die Beweglichkeit und Koordination im Vordergrund standen. An der Stadion 1 absolvierte der Spieler einen einfachen Slalomlauf ohne Ball. Das Ziel bestand darin, die Stangen möglichst geschmeidig, schnell und ohne Berührung zu durchlaufen. Anspruchsvoller könnte man diesen Abschnitt gestalten, indem man den Stangen-Parcours auch rückwärts durchläuft. Die Station zwei beinhaltet kurze, schnelle Schritte über die horizontalen Stangen, die in einem Abstand zwischen 40 und 50 cm positioniert sind. Hier bieten sich sowohl seitliche als auch gerade Schritte in die Laufrichtung an. Schwerer wird diese Koordinationsübung, wenn man die Schritte an spezielle Vorgaben oder Folgen anpasst. So ist es denkbar, zwei Schritte nach vorne einem Schritt nach hinten folgen zu lassen oder auch mal zwei Stangen mit einem Schritt zu passieren.


Die dritte Station im Koordinationsprogramm von Owomoyela gestaltete sich ähnlich – nur das hier die Füße innerhalb der einzelnen Schrittfolgen weniger angehoben werden müssen. Auch hier können die Schrittfolgen kreativ ablaufen. Der Koordinations-Parcours fand seinen Abschluss in einem einfachen Schlusssprung über ein Hürden-Hinderniss. Der Parcours besteht aus einer Reihe von Stationen, die jede für sich unterschiedliche Trainingsziele zum Gegenstand haben, in ihrer Gesamtheit aber eine komplexe Übung darstellen, welche die koordinativen und bewegungsnahen Abläufe in einem Fußballspiel simulieren. Die Anforderungen an Schnelligkeit, Koordination und Beweglichkeit im modernen Fußball werden immer größer – so dass gerade solche Übungen verstärkt im Trainingsalltag Platz finden sollten.
Jetzt ganz einfach das eigene Training verbessern:
