10. Januar 2012

Fußball auf Bewährung


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Renaissance – das Wort stammt zwar aus dem Französischen, doch ihren Anfang genommen hat diese Stilepoche in Italien. Es ist mit „Wiedergeburt“ übersetzbar, und dieser Begriff kann momentan auf den italienischen Clubfußball angewandt werden. Eine Bestandsaufnahme.

Ein Blick auf die Tabelle der Serie A, der höchsten Spielklasse im italienischen Fußball, zeigt: Der AC Milan und Juventus Turin belegen punktgleich die Plätze eins uns zwei. Ein Bild, wie es aus den vergangenen Jahrzehnten wohlbekannt ist, als die Weltstars noch bevorzugt auf dem Stiefel kickten, für horrende Gehälter, und selten nach England oder Spanien wechselten. Weil dieser Zustand den Club-Granden naturgemäß gut gefallen hat, haben sie dieses System mit Geld gestützt – und wie 2006, vor der WM in Deutschland (bei der Italien dennoch Weltmeister wurde), herauskam, mit unlauteren Mitteln, mit Bestechung, Amtsanmaßung und, und, und. In den seither vergangenen fünf Spielzeiten darbte die Serie A, außer einem einzigen, gleichwohl nicht zu verachtenden Triumph in der Champions League, 2010 durch Inter Mailand, spielten die vormals so großen Clubs in Europa so gut wie keine Rolle mehr.

Die großen Stars verließen die Liga zumeist fluchtartig, und das schadete auch den Vereinen, weil sich deren Nachwuchs nicht mehr mit den Großen der Zunft messen und an ihnen wachsen konnte. Es dauerte eine Weile, bis sich manche Vereine dazu durchringen konnten, einen anderen Ansatz zu wagen als den permanenten Erwerb der besten, in jedem Fall aber teuersten Spieler, die auf dem Weltmarkt grad zu haben waren. Das beste Beispiel dafür ist Juventus Turin, in Italien nur „la Juve“ oder „la vecchia signora“ genannt, die „Alte Dame“.

Juventus hat den Umbruch vollzogen

Doch gerade diese „Alte Dame“ war es, die, zutiefst in den Skandal des „calciopoli“ verstrickt, als erstes den Neuanfang wagte. Zwangsabstieg 2006, viele Spieler gingen, doch einige blieben ihrem Verein treu und verzichteten auf einen Haufen Gehalt, Gianluigi Buffon etwa oder Alessandro del Piero, der damals sagte: „Eine Dame verlässt man nicht.“ Es waren Signale wie diese, die Platz für ein Umdenken machten in Fußball-Italien. Juve musste sparen und konnte dennoch Geld beiseitelegen, um ein neues Stadion zu bauen, eins der modernsten in Europa, gleichzeitig setzte der Club weitestgehend auf junge, hungrige Spieler. Die verpassten 2011 zwar als Siebter die Qualifikation zur Europa League, doch jetzt ist Turin in 17 Ligaspielen in dieser Saison noch ungeschlagen. Das Stadion heißt weiterhin „Stadio delle Alpi“ (und nicht etwa wie eine Bankengruppe), und weil es keine Randale mehr gibt, kommen auch wieder Familien ins Stadion. Der Prozess der Selbstreinigung bei Juventus ist vollzogen.

Dass ausgerechnet jene beiden Mailänder Clubs, nach wie vor patriarchalisch geführt, den Einzug ins Achtelfinale geschafft haben, hat damit zu tun, dass sich die Mäzene hier noch immer Weltstars halten können, wie sie wollen: Zlatan Ibrahimovic, Robinho, Clarence Seedorf, Antonio Cassano, Alessandro Nesta (AC Milan); Julio Cesar, Javier Zanetti, Dejan Stankovic, Wesley Snijder, Diego Forlan (Inter Mailand). Beim SSC Neapel, dem dritten Club aus Italien, der im Achtelfinale steht, kann man höchstens Marek Hamsik, Ezequiel Lavezzi und Edinson Cavani zu dieser Kategorie zählen, allein schon darum ist Napoli nicht mit Milan und Inter vergleichbar. Kein anderes Land ist in der ersten K.O.-Runde mit drei Vereinen vertreten. Ein Zeichen, dass sich der italienische Fußball erholt hat?

Das ist schwer zu beantworten, weil Inter und Milan den Umbruch noch vor sich haben. Sicher, die ganz großen Schwergewichte, die geschätzte zehn Millionen Euro im Jahr verdienten, sind auch hier inzwischen verschwunden, etwa Samuel Eto’o oder Ronaldinho. Gerade der AC Milan hat es geschafft, mit Kevin-Prince Boateng oder Alexandre Pato schon früh zukünftiges Spitzenpersonal aufzubauen. Leistungsträger sind die beiden schon heute. Doch um zu verstehen, wie weit der Wandel im italienischen Fußball tatsächlich schon gediehen ist, muss man unbedingt einen Blick auf die Nationalelf werfen.

Frischer Geist auch in der Nationalmannschaft

Nach zwei enttäuschenden Auftritten bei der EM 2008 (Aus im Viertelfinale) und der WM 2010 (Aus in der Vorrunde) trat der alte Haudegen Marcello Lippi ab und machte Platz für neue Ideen und einen frischen Geist, der in Form von Cesare Prandelli, vormals Trainer der Fiorentina, über die „Squadra Azzurra“ kam. Nicht scheint ihm mehr zuwider, als der alte Catenaccio, mit dem die Nationalmannschaft immer noch in Verbindung gebracht wird. Es begann damit, dass Prandelli Schluss machte mit dem System, demzufolge immer nur Spieler von Juve, Inter und Milan in der Elf auftauchten. Prandelli lässt die Besten spielen. Die Qualifikation für die EM 2012 gelang ohne Niederlage. Der Fußball unter dem neuen Trainer ist um ein Vielfaches attraktiver geworden. Prandellis Ansatz ist idealistisch, aber nicht utopisch.

Vielleicht ist es ja noch ein wenig zu früh, von einer „Renaissance“ zu sprechen, doch die Zeichen deuten darauf hin, dass der italienische Fußball verstanden hat, sich nach und nach von alten Marotten zu befreien. Dass Ende 2011 neue Verdachtsmomente von verschobenen Spielen aufgetaucht sind, muss dieser Behauptung nicht zuwiderlaufen. Während frühere Skandale gar nicht oder erst Jahre später öffentlich wurden, scheint nun eine offenere Fußballkultur Einzug zu halten, die die alten Zöpfe abschneidet, bevor diese in die Länge wachsen. Doch noch muss sich der neue „Calcio“ erst einmal bewähren.

4. Januar 2012

Umstellung der Laufwege


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Nach einem ziemlich holprigen Start hat sich Per Mertesacker vom FC Arsenal an die Premier League gewöhnt – sowohl in taktischer Hinsicht als auch in punkto Schnelligkeit. Nur die Laufwege und die Bulligkeit der gegnerischen Stürmer bereiten ihm noch einige Probleme, wie er selbst zugibt.

Nur eine der vier großen europäischen Ligen kennt sie nicht – die Winterpause. Während in Spanien, Deutschland und Frankreich der Ball von kurz vor Weihnachten bis mindestens zum ersten Samstag im neuen Jahr ruht, absolviert die englische Premier League im gleichen Zeitraum bis zu vier Spieltage. Zeit genug, um einmal nachzusehen, wie einer der beiden deutschen Profis inzwischen in England zurechtkommt: Per Mertesacker. Denn Robert Huth, einst Mertesackers Nebenmann als Innenverteidiger in der deutschen Nationalmannschaft, dürfte sich nach über elf Jahren auf der Insel inzwischen recht heimisch fühlen, bei seinem Club Stoke City FC ist er eine feste Größe. Mertesacker indes musste sich erst noch zurechtfinden bei den „Gunners“, einem der Topteams der höchsten englischen Spielklasse.

Dem baumlangen ehemaligen Hannoveraner und Bremer eilte beim Wechsel nach London der Ruf voraus, zu ungelenk für die schnellen Angreifer der Premier League zu sein, und am Anfang behielten die Skeptiker Recht. Mertesacker konnte dem taktisch extrem schwer zu praktizierenden Verschieben der Viererkette, wie Arsenal-Coach Arsène Wenger es verlangt, kaum folgen. Ein so genannter TV-Experte der BBC und früherer Profi von Leicester City, Robbie Savage, sagte, dass er Mertesacker nicht gut fände – schließlich habe der bei Real Madrid ja kaum gespielt. Zwar verwechselte Savage den blonden Deutschen mit dessen früheren Nebenmann in der Nationalmannschaft, Christoph Metzelder. Doch anfangs tat Mertesacker all seinen Kritikern den Gefallen und schien tatsächlich zu langsam dafür, um in der traditionell hoch stehenden Arsenal-Abwehrkette richtig aufgehoben zu sein. Ein ums andere Mal wurde er von gegnerischen Stürmern ganz einfach überlaufen.

Häufiger in Situationen Mann gegen Mann als in der Bundesliga

Doch schien er Per Mertesacker selbst schnell erkennen, wo der Hund begraben lag. Wie er der „Süddeutschen Zeitung“ sagte, ist die Umstellung auf die Premier League bei ihm vom technischen Können her kein großes Problem gewesen. An die Schnelligkeit des Spiels könnte man sich ebenfalls gewöhnen, das konnte man zumindest zwischen den Zeilen herauslesen. Einzelne Gegenspieler bereiten ihm dennoch Probleme, wie er zugibt, denn diese sind entweder extrem schnell oder einfach bullige Typen, die man nicht einfach so ablaufen könne. Also musste Mertesacker die aus der Bundesliga gewöhnten Laufwege peu à peu umstellen, was während der Saison naturgemäß nicht einfach ist. Dazu kam, dass der 1,98 Meter große Verteidiger erst zu den Gunners stieß, als bereits drei Spieltage absolviert waren und Arsenal mit einem Punkt und einer Tordifferenz von 2:10 auf dem viertletzten Platz stand. Wengers Mannschaft, vor allem der verteidigende Teil davon, war zu diesem Zeitpunkt völlig verunsichert.

In der Folge wurde Arsenal stabiler, doch nahezu jede Woche war zu sehen, dass Per Mertesackers Bemühungen, sich umzustellen, nur langsam vorankamen. Doch langsam merkte er, was Wenger von seiner Viererkette fordert: Möglichst weit weg vom eigenen Tor stehen, um die Räume im Mittelfeld zusätzlich zu verengen, das gestattet dem Gegner meist nur hohe und weite Bälle – genau das Gegenteil des Konzepts von Arsène Wenger. Der predigt One Touch Football, und dieser One Touch Football ist dem Kick and Rush, wie ihn britische Teams teils noch immer fabrizieren, haushoch überlegen. Mertesacker musste sich also nun darauf einstellen, nicht mehr so oft im Raum zu verteidigen wie früher, sondern die Situationen im Eins gegen Eins besser zu lösen.

Der entscheidende Schritt erfolgt früher

Anhand seiner Selbstanalyse, der zufolge er jetzt also die Laufwege seiner Gegenspieler neu berechnen musste, gelang ihm Schritt für Schritt die Umstellung. Noch agiert er nicht gänzlich souverän, es fehlt ihm die Selbstverständlichkeit in den Aktionen, doch ist gut zu erkennen, dass er sich nicht mehr so unwohl fühlt wie noch zu Beginn der Saison. Das Spiel nach vorn wird Mertesackers Stärke wohl eh nicht mehr werden, auch wenn ihm neulich beinahe das erste Tor gelungen wäre für seinen neuen Verein. Doch dafür hat ihn Wenger ohnehin nicht geholt.

Die physische Schnelligkeit, die ein Innenverteidiger in der Premier League eigentlich benötigt, die fehlt Per Mertesacker, das ist kein Geheimnis. Doch ist der blonde Hüne schlau genug, in einem Zweikampf seine Erfahrung auszuspielen, und diese Erfahrung trägt dazu bei, dass er im Geist meist antizipiert, was als nächstes passiert – und dann macht er den entscheidenden Schritt einfach schon ein wenig früher. Auch das ist es wohl, wenn Mertesacker von der Umstellung seiner Laufwege spricht.