Deutschland kommt sich spanisch vor

Weil die deutschen Gegner bisher sehr defensiv agieren und weil das auch so bleiben dürfte, musste die Mannschaft von Joachim Löw umdisponieren. Weg vom schönen und schnellen Konterfußball und hin zum geduldigen Quergeschiebe vor dem gegnerischen Tor. Das sieht zwar hin und wieder nicht sehr attraktiv aus, doch wird Löw nicht den Fehler begehen, dem Team ab jetzt bedingungslose Offensive zu verordnen.

Wenn Özil auf Khedira passt, der Schweinsteiger sucht und Schweinsteiger Müller bedient, wenn Müller via Özil die Seite wechselt und der Podolski bedient, wenn Podolski dann auch keinen Raum hat und zu Khedira und der dann wieder zu Schweinsteiger passt, alles vor dem Strafraum des Gegners und in nicht besonders hohem Tempo – dann ist Europameisterschaft. Bitte, das soll nicht negativ klingen, es ist halt einfach so. Deutschland tut sich schwer. Deutschland weiß jetzt, wie Spanien sich fühlt, wie Spanien sich in wirklich fast jedem Spiel fühlt, wenn das gegnerische Team tief in der eigenen Hälfte steht. So tief, dass sich sogar die einzig nominelle Spitze – wie etwa Bendtner im Spiel der Deutschen gegen Dänemark – viele Meter hinter der Mittellinie befindet. Zumindest wissen das nun auch wir Zuschauer, nur einer hat es noch früher gewusst. Der Mann heißt Joachim Löw.

Während die Fans nach den beiden dürftigen Testspielen gegen die Schweiz und gegen Israel unruhig geworden sind, immerhin gab es sieben Gegentreffer in zwei Spielen, blieb der Bundestrainer die Ruhe selbst. Er musste einfach jede Chance nutzen, diesen neuen taktischen Stil zu verfeinern, den er selbst geprägt hat. Löw wusste, dass die deutschen Gruppengegner anders spielen würden als die Brasilianer im August 2011 und die Holländer im vergangenen November. Jeder Trainer, der auch nur einen Hauch von Ahnung hat vom Fußball, würde sein Team bei der EM anders agieren lassen, und so kam es ja auch. Portugals Coach Bento versuchte, die deutsche Taktik der WM 2010 zu kopieren, Hollands van Marwijk ließ deutlich defensiver spielen als im Herbst in Hamburg – und Dänemarks Olsen musste sich auf der Pressekonferenz nach dem 1:2 gegen Deutschland von Löw anhören, dass dieser nicht den Eindruck gehabt habe, dass die Dänen das Spiel gewinnen wollten. Was sie zum Weiterkommen aber mussten.

Löws Rechnung geht bis hierhin auf

So arrogant diese These zunächst klingt, so richtig ist sie gewesen. Das Dänemark-Spiel steht exemplarisch dafür, an welchen taktischen Ideen Löw in den vergangenen Monaten gefeilt hat und wie diese die Mannschaft verändert haben. Plötzlich wird klar, warum der Chefcoach Hummels Mertesacker vorzieht – weil Hummels blitzschnell die Chance ergreifen kann, das Umschaltspiel einzuleiten, sollte sich doch einmal eine Konterchance auftun. Und weil Hummels den Ball auch selbst weit in die Hälfte des Gegners treiben kann. Plötzlich wird klar, weswegen Lahm nun wieder auf links spielt – weil er auf dieser Seite die bessere Offensivveranlagung hat und zudem das Zusammenspiel mit Podolski aus dem Effeff kennt, zudem kann der kleine Münchner häufiger nach innen ziehen, um entweder selbst in den Strafraum einzudringen oder um zwei Gegenspieler auf sich zu ziehen, die dann entweder die Bewachung Podolskis oder Özils vernachlässigen müssen.

Und plötzlich wird auch klar, warum Khedira auf der Sechs kaum zu ersetzen ist. Der Ex-Stuttgarter hat in Madrid gelernt, Bälle zu erobern und zu verteilen wie sonst kein Zweiter, er sorgt dafür, dass in Ballnähe ständig Überzahl herrscht, auch im vorderen Bereich des Spielfelds. Zudem ist Khedira wesentlich stärker geworden in jenem Passspiel, das fast immer dann stattfindet, wenn die Deutschen den Schnellangriff abbrechen müssen, weil der Gegner sie dicht gestaffelt empfängt. Noch dazu ist klar geworden, dass nach Löws Meinung genügend spielstarke Leute in der Startelf stehen und er einen Miroslav Klose (spielstark) durch einen Mario Gomez (weniger spielstark, dafür wuchtiger) ersetzt hat. Bis jetzt ist die Löw’sche Rechnung aufgegangen.

So unattraktiv ist das deutsche Spiel ja auch wieder nicht

Vermutlich wird sich zumindest gegen Griechenland kein völlig anderes Bild bieten als das von dieser Europameisterschaft bisher gewohnte. Freunde des Hurra-Fußballs sind eher unzufrieden und schwelgen nostalgisch im WM-Jahr, als der deutsche Fußball der attraktivste aller Teilnehmer war. Aus ästhetischen Gründen kann man nachvollziehen, dass einige nicht zufrieden sind, aus taktischen Gründen natürlich nicht. Was nämlich passiert, wenn man etwa gegen die Griechen vollkommen aufmacht, haben diese die Russen beim 1:0 im letzten Gruppenspiel am Samstag gelehrt. Und wenn eine solche Mannschaft erst einmal führt, zieht sie sich in der Defensive noch kompakter zusammen.

Mit der neuen Art, wie Deutschland spielt, weil es von den Gegnern gezwungen wird, so zu spielen, gewinnt man keine Schönheitspreise, aber das war und ist auch nicht Löws erklärtes Ziel. Den inoffiziellen Preis für die anmutigste Spielweise hat seine Mannschaft vor zwei Jahren gewonnen, ein Titel ist dabei nicht herausgesprungen. Das soll sich nun ändern, das deutsche Ziel ist es, am 1. Juli in Kiew den Pokal zu empfangen. Und bei allem Lamento: So unattraktiv, wie viele Beobachter das sagen, ist die deutsche Spielweise ja nun auch wieder nicht. Im Rahmen der taktischen Vorgaben, die die Mannschaft bestens umsetzt, gab es auch schon längere Phasen, in denen schöne Kombinationen stattfanden und in denen diese Kombinationen auch zu Toren führten, gerade gegen die Holländer war das zu beobachten. Diese haben der deutschen Mannschaft bis dato aber auch am meisten Platz gelassen. Und sind mit null Punkten im Gepäck am Montag nach Hause gereist.

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