Flanke, Fallrückzieher, Tor – der Traum von Generationen

Der Fallrückzieher: Fußballspieler und Fans gleichermaßen sind Menschen mit hohem ästhetischen Anspruch an ihren Sport. Vor dem eigenen Sechzehner Beton anrühren und die Hoffnung eines eigenen Treffers in lange Bälle auf den Stürmer legen, kann erfolgreich sein und Erfolg gibt Zufriedenheit. Ein trockenes Kontertor ins lange Eck wird aber nie die Chance haben, zum Tor des Jahres gewählt zu werden – und zwar zurecht.

Es gibt drei Gründe, warum ein Tor im Kopf bleibt: Zum Beispiel wegen folgenschweren und gleichsam komischen Fehlern der verteidigenden Mannschaft oder immer dann, wenn der Treffer starke Emotionen bei den Fans auslöst. So ist den meisten sicher noch gut bekannt, dass Andy Brehme beim Elfmeter im WM-Finale 1990 den Ball gegen Sergio Goycochea unten links am Pfosten reinstreichelte. Kein besonders anspruchsvolles Werk, aber eines, das Deutschland zum dritten Weltmeistertitel führte.

Suchst Du innovative Trainingsübungen für Dein Training?

Als drittes bleiben solche Tore im Gedächtnis, die eine artistische Motorik, ausgereifte Schusstechnik und Mut gleichermaßen erfordern. Wer erinnert sich nicht an Zlatan Ibrahimovics Treffer beim 4:2 der schwedischen Nationalmannschaft gegeFallrückziehern die Three Lions aus England. Ein Treffer durch einen Fallrückzieher in einem Testspiel, der in der letzten Minute fiel, in der das Spiel eigentlich schon entschieden war. Nicht besonders wichtig, aber besonders sehenswert. Genau das sind die Treffer, von denen man seinen Mitspielern noch Jahre später im Vereinsheim erzählt.

Zugegeben- die hohe Kunst den Fallrückzieher ohne Lendenwirbelverletzung durchzuführen, gehört nicht zu den Grundkenntnissen, die im Fußball der F-Jugenden des Landes elementar sind. Solche Tore zu erzielen, ist eine Finesse, deren technische Anforderung der breiten Masse weder beigebracht werden kann, noch sollte. Um überhaupt in eine Spielsituation zu kommen, in der ein Tor über diesen vertikalen Drehschuss möglich wird, müssen schon viele Zufälle und/oder ein fabelhaftes Stellungsspiel zusammenkommen. Fotografen würden sagen, es handele sich um einen „One-in-a-million“-Shot, was begrifflich sehr gut auf den Fußball zu übertragen ist. Um diese eine Chance aber nutzen zu können, sollte der erforderliche Bewegungsablauf verinnerlicht werden, denn nur intuitiv kann jener kunstvolle Abschluss zum Erfolg führen. Er muss zur Reaktion werden, denn Zeit zum Überlegen bleibt selten. Als kleine Hilfestellung werden im Folgenden die spannendsten Infos über den Königsschuss im Fußball zusammengefasst.

Der kopfüber-rückwärts-no-look-Volleyschuss beim Fußball

Einige Komponenten sind bei allen Fallrückziehern (oder Versuchen) zwingend notwendig:

  • Erstens: Der Ball befindet sich in der Luft.
  • Zweitens: Der Spieler steht mit dem Rücken zum Ziel.
  • Drittens: Er weiß ohne weiteren Blick in welche Richtung die Murmel zu fliegen hat.

Treffen Nummer zwei und drei nicht zu, wird es für den Spieler peinlich. Liegt Nummer eins nicht vor, wird es sogar unmöglich. Nicht zwingend erforderlich, aber trotzdem dringend ratsam: In einem angemessenen Umkreis sollten sich keine Mit- oder Gegenspieler befinden. Es wäre fatal, wenn durch einen missglückten Versuch Verletzungen provoziert werden und es wäre ärgerlich, wenn der Schiri einen geglückten Versuch wegen gefährlichem Spiel abpfeift. Die eigene Position sollte daher vor dem Absprung sondiert werden. Sieht die Spielsituation es danach vor, kann der Versuch gestartet werden.

Kennst Du schon unser Trainingsplan-Tool?

Es gibt unzählige Kategorien, aber nur zwei Varianten des Fallrückziehers: Entweder man springt mit dem Fuß ab, der zum Schuss genutzt wird oder mit dem Anderen. Was sich zunächst einmal sehr profan liest, hat eine einschneidende Wirkung auf die Ausführung und Optik. Deutlich eleganter wirkt die erste Ausführung:

Emre Can, 1:0 Liverpool gegen Watford


Wie genau hat Deutschlands Nationalspieler das gemacht? Der schöne Chip von Liverpools Lucas Lieva führt zu einer Spielsituation, welche die oben genannten Anforderungen deckt: Der Ball befindet sich hoch in der Luft, der spätere Torschütze Can steht mit dem Rücken zum Ziel (zum Tor) und als mehrfacher Nationalspieler (und mittlerweile auch Confed-Cup-Sieger) weiß er genau, wie, wann und wo er der Ball zu treffen hat.

Die Situation und seine Chance erkannt, setzt er seinen rechten Fuß zum Absprung auf, nutzt das linke Bein um Schwung aufzubauen um mit der notwendigen Präzision und seiner rechten Klebe den Fußball über Watfords Keeper ins lange Eck zu befördern. Diese Art von Fallrückzieher erscheint vor dem geistigen Auge der meisten Fußball-Verrückten, wenn sie an die schönsten Tore der vergangenen Jahre denken.

Bei der zweiten Variante geht der Fuß am schwingenden Bein zum Schuss hin, was das Gesamtgebilde etwas hölzerner wirken lässt:

Philippe Mexes, 0:2 Anderlecht gegen Milan


Die lange Flanke in den Rücken des Franzosen Mexes lässt dieser zunächst mit der Brust in die Höhe prallen, um den Ball von dort mit einem tadellosen Bicycle Kick (englischer Ausdruck) ins lange Eck zu schlenzen. Was der Milanese dabei anders macht als Emre Can: Er startet zwar mit derselben Bewegung, springt also mit seinem linken Fuß ab, um dann aber mit dem schwingenden rechten Bein den Kunstschuss abzufeuern. Durch den fehlenden Fußwechsel im Sprung spart sich der Spieler Zeit. Aus diesem Grund ist die letztgenannte Variante häufig auch bei Rettungstaten im eigenen Sechzehner zu beobachten, wo Abpraller ggf. noch kurzfristiger aus der Gefahrenzone zu bringen sind. In diesen Zehntelsekunden wäre der Wechsel von Schwung- zu Sprungbein eventuell der Augenblick, der den Ball unerreichbar werden lässt.

Fallrückzieher – Kann doch jeder?

Von wegen. Fußball ist ohnehin eine Sportart, die eine breite Wahrnehmung vom Spieler erfordert. Dies spitzt sich beim Fallrückzieher dramatisch zu: Zahlreiche, parallel abzuspulende Elemente machen den Fallrückzieher zu einer raren aber sehr sehenswerten Sensation. Auch, wenn selbst in den Kreisligen mitunter wunderschöne Tore auf diese Weise erzielt werden – das Talent, einen „Kopfüber-Rückwärts-Kick“ mit zufriedenstellender Genauigkeit bei konstanter Qualität bewusst ins Ziel zu bringen, haben vermutlich bis auf wenige Ausnahmen nur die Eliten.
Die größte Schwierigkeit ist sicher, den fliegenden Ball mit dem Spann so zu treffen, dass er seine Flugbahn in die gewollte Richtung ändert. Das Ganze hat zu erfolgen, während man kopfüber ohne Bodenkontakt schwebt, wohlwissend, dass im Anschluss ein harter Aufprall auf dem Rasen wartet. Um eine Position zu erreichen, die den Schuss überhaupt ermöglicht, ist zu allem Überfluss auch noch die anspruchsvolle Koordination von beiden Beinen und dem Oberkörper zu meistern. All dies muss in Bruchteilen von Sekunden entschieden und ausgeführt werden.
Gepaart mit den nahezu exotischen Voraussetzungen an die Spielsituation scheint es da wenig verwunderlich, wie selten ein solches Unterfangen wirklich zum Torerfolg führt.

Kennst Du schon unsere Montagseinheiten?

Wer hats erfunden? Jedenfalls nicht die Schweizer

Der erste Fallrückzieher der Welt fand vermutlich in einem Hinterhof irgendeines südamerikanischen Landes statt. So schwer das zu belegen ist, ist auch der tatsächliche Urheber des Fußball-Meisterstückes zu ermitteln. So schön die Geschichte auch wäre – es war auch nicht Klaus Fischer, der den Salto-Kick erfunden hat. Seine entsprechenden Länderspieltore 1977 und 1982 (Fußball Weltmeisterschaft-Halbfinale gegen Frankreich) sind zwar gerade den Deutschen in guter Erinnerung, der Ursprung ist dennoch weit tiefer in den Annalen des Fußballs zu suchen – und zu finden.


In ihrem Artikel vom 13.01.2014 nennt „Die Zeit“ den damals 19-jährigen Exilchilenen Ramon Unzaga als Erfinder, oder zumindest als denjenigen, der „Das Kunststück unter den Fußballtoren“ (so der Titel des Artikels), den Fallrückzieher, erstmals nachweislich vollbracht hat. Zuerst hat er den Schuss in 1914 der Öffentlichkeit präsentiert, der breiten Masse gab er dann 1920 bei den Südamerika-Meisterschaften noch eine Zugabe.


Auch, wenn sich Peruaner und die Väter des Fußballs, die Briten, um die Urheberschaft gleichermaßen streiten, gibt es keine Überlieferungen, dass vor dem Jahr 1914 jene hohe Kunst in irgendwelchen dokumentierten Fußballspielen zum Einsatz kam, und so bleibt bis heute Ramon Unzaga der (zumindest in Peru und Großbritannien) umstrittene Erfinder von dem, wovon Generation von Nachwuchskickern seit Jahrzehnten träumen. Auch das macht den Fußball zu der magischen, faszinierenden Sportart, die sie ist.

Newsletter!

Du willst mehr Infos zum Thema „Fallrückzieher“ und allgemein weitere Tipps für Dein Fußballtraining? Dann melde Dich in unserem Newsletter an!

Ihre Eingabe stimmte nicht mit dem Captcha überein
Hilfe

Bildquelle:
lklyt / www.fotolia.de