Für alle Fälle Thomas Müller

Thomas Müller ist ein Phänomen. Der schlaksige Münchner spielt und spielt und spielt, er spielt eigentlich durch – überspielt hingegen wirkt er nie. Er ist fast immer ein entscheidender Baustein seiner Mannschaft – erst recht in der Nationalelf.

Eigentlich hätte die EM-Qualifikation jetzt auch noch ein paar Spiele dauern können. Zu gut drauf war diese deutsche Mannschaft nämlich, als dass noch irgendwo Punktverluste gedroht hätten, und der Rekord, in zehn Spielen zehn Mal gewonnen zu haben, hätte sich leicht ausbauen lassen. Mesut Özil war wieder fit gegen Belgien, er erzielte ein Tor selbst, leitete das zweite intelligent ein und legte das dritte direkt auf – nur die Frage, ob Özil in der Türkei wirklich so schlimm verletzt war, wie alle im Dunstkreis der Nationalelf taten, rückte wieder in den Mittelpunkt. Doch das ist erstens ein anderes Thema, weil es zweitens fast schon egal ist, ob Özil spielt. Die Betonung liegt auf fast – mit ihm hätten die Deutschen in Istanbul sicher nicht schlechter abgeschnitten. Sein Ersatz war Mario Götze. Ersatz – das ist ein seltsames Wort für einen wie Götze. Und ein Fremdwort für Thomas Müller.

Dieser Müller spielt und spielt und spielt, und weil er gegen Belgien in der Offensive kaum benötigt wurde, hat er sich vornehm zurückgehalten und den eigentlichen Superstar der Mannschaft – Mesut Özil – machen lassen. Das lag aber nun nicht daran, dass Müller vielleicht auch mal „überspielt“ wäre, wie es in der Sprache der Fußballer gern heißt. Weil Mario Götze in der Türkei kein berauschendes Spiel geboten hatte, sondern eher ein durchschnittliches (was bedeutet, dass ihn dennoch keiner der Türken hätte stoppen können), sah Thomas Müller in Istanbul dort gezwungen, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. Man könnte es so sagen: Müller hat den Deutschen das Spiel gewonnen, und das wäre nur ein kleines bisschen unfair gegenüber Götze, Gomez und Schweinsteiger. Wirklich nur ein kleines bisschen.

Konkurrenzkampf in der Nationalelf – aber nicht für Müller

Denn Müllers Werte lasen sich wie folgt: Das 1:0 für Mario Gomez per exzellentem Pass über 50, 60 Meter aufgelegt. Das 2:0 auf Vorlage von Götze selbst erzielt. Und als es hinten raus fast noch einmal eng wurde, hat Müller sich im Strafraum nach Feindberührung ein wenig fallen lassen, Schweinsteiger brauchte nur noch den Elfmeter zu versenken.

Thomas Müller ist gesetzt. Bei seinem Verein, dem FC Bayern München, und in der Nationalmannschaft unter Joachim Löw. Seit einiger Zeit ist es der Journalisten liebste Aufgabe, durchzuspielen, welcher Spieler welchen Spieler auf welcher Position herausfordert: Schürrle bedrängt Podolski, Kroos bedrängt Khedira, Höwedes fordert Boateng heraus, Hummels greift Mertesacker an, Gomez macht Klose Druck, Götze allen Offensivspielern. Dabei stimmt das gar nicht, denn obwohl Löw es noch nicht ausgesprochen hat, gibt es wohl mehr gesetzte Spieler, als man erst einmal denkt: Neuer, Badstuber, Lahm, Schweinsteiger, Podolski, Özil und Klose dürften immer spielen, wenn sie denn gesund sind. Und was Löw erst recht noch nicht ausgesprochen hat: Thomas Müller auch. Gegen Belgien lieferte Müller ein unauffälliges Spiel, aber was heißt das schon; Müller hat immer noch genug Szenen, die ihn auffallen lassen, und das nicht nur wegen seines bisweilen komisch anmutenden Umgangs mit dem Ball, was eher seiner Schlaksigkeit geschuldet ist. Müller ist ein Spieler, der vordergründig erst auffällt, wenn er gar nicht mitspielt, so geschehen beim 0:1 gegen Spanien im WM-Halbfinale. Die heute gängige Meinung ist, dass die Deutschen ohne Müller keine Chance hatten; mit Müller hätte das anders ausgesehen, sagen die meisten.

Auf einmal vermissten ihn alle

Ob das stimmt oder nicht – wer weiß das schon. Fakt ist nur, dass die angesprochene Vordergründigkeit falsch gesehen wird, im Spiel in Istanbul war das wieder einmal zu beobachten. Ja, es gibt Spiele, da nimmt sich Müller seine Auszeiten, aber wer will es ihm verdenken? Denn Müller spielt und spielt und – Sie wissen schon. Jupp Heynckes vertraut ihm ebenso wie Löw, ob gegen Hamburg oder Machester City, ob gegen Aserbaidschan, Österreich oder Belgien.

Wer Thomas Müller zum ersten Mal Fußballspielen sieht, könnte denken: wieso hat der jetzt den Ball behauptet? Er springt ihm manchmal etwas weit vom Fuß; oft ist er im Dribbling schneller als der Ball, hin und wieder will er zu viel. Als ich Müller vor zweieinhalb Jahren zum ersten Mal gesehen habe, ich gebe es zu, da dachte ich auch (genau wie Hoeneß): Was wollen die mit dem in der Nationalmannschaft? Mit 19 Jahren noch dazu. Gebt dem Jungen Zeit, dachte ich, und dann spielte dieser Müller eine Bomben-WM, wurde Torschützenkönig und im Spiel gegen die Spanier vermissten ihn auf einmal alle. Ich auch. Und inzwischen ist er nicht mehr wegzudenken aus der Nationalelf. Ja, vielleicht haben einige etwas aufgeholt, das mag sein. Doch eines muss auch mal gesagt werden: Dieser Bursche ist im September gerade einmal 22 geworden. Und man traut ihm durchaus zu, dass er sich um einiges verbessern kann. Dabei ist er neben Götze und Özil schon jetzt der unberechenbarste deutsche Fußballspieler.

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