Geschichte der Viererkette

Im Jahre 1863 als die ersten Fußballregeln aufgestellt wurden dachte wohl noch niemand an einer Viererkette oder gar ballorientierter Verteidigung. Doch wenn man sich die Geschichte des Verteidigens ansieht, erkennt man darin gleichzeitig auch die Geschichte des Fußballs. Lange Zeit hat es gedauert bis das scheinbar perfekt Abwehrsystem gefunden wurde. Es hat bis zu der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich gedauert, dass der Großteil der Mannschaften sich zum ballorientierten Verteidigen innerhalb einer Viererkette entschied. Jetzt im Jahr 2009 spielen quasi alle Profimannschaften der Welt mit einer ballorientierten Verteidigung.

Charles William Alcock führte die verschiedenen Mannschaftsteile im Fußball ein

Die ersten Anzeichen der ballorientierten Verteidigung, bzw. der Raumdeckung findet man bereits recht früh im Fußball. Man muss wissen, dass man in den Anfangstagen des Fußballs auf Abwehrspieler verzichtete und mit bis zu neun Angreifern agierte. Im Laufe der Zeit stellte sich aber heraus, dass man mehr im Ballbesitz ist, wenn man auf einige Angreifer zugunsten von Abwehrspielern verzichtet. Also entwarf der Brite Charles William Alcock um 1870 ein Spielsystem mit Abwehrspielern und Mittelfeldspielern und gewann mit seinem Klub The Wanderes zwischen 1872 und 1875 fünfmal den nationalen Pokal. Das zu seiner Zeit revolutionäre 2-2-6 -System setzte sich sehr schnell gegenüber dem alten 0-1-9-System durch. In diesem neuen System standen nun zwei bis vier Abwehrspieler sechs Angreifern gegenüber. Um diese Unterzahlsituation nun einigermaßen zu meistern, musste man mit der Raumdeckung spielen.

Ein weiterer großer Schritt Richtung der heutigen Viererkette war die sogenannte Schottische Furche. In diesem bis 1925 praktizierten System wurden erstmals die heute bekannten Mannschaftsteile eingeführt, wie auch das geordnete Zusammenspiel. Zuvor waren im Fußball robuste Einzelkämpfer gefragt die sich durch die hohe Anzahl an gegnerischen Spielern in Ballnähe durchsetzen konnten. Jetzt aber mit dem neuen 2-3-5-System wurde das Kombinationsspiel und das Zusammenwirken der einzelnen Mannschaftsteile in der Vordergrund gestellt. Die Spieler hatten von nun an offensive und defensive Aufgaben zugleich, die sie auf gedachten Linien im Spielfeld erfüllen sollten. Ein Nachteil der Schottischen Furche aus Sicht des modernen Fußballs war die Einführung der Manndeckung. Dadurch dass die Zahl der Abwehrspieler erhöht wurde, war die Raumdeckung nicht mehr zwingend erforderlich.

In der Schottischen Furche agierte die Mannschaft zum ersten mal als Kollektiv

1925 erfolgte eine bedeutende Regeländerung im Fußball. So mussten sich zwischen Passgeber und Torlinie nicht mehr mindestens drei Spieler befinden, damit der Passempfänger nicht im Abseits steht, sondern nur noch zwei. Man entschied sich für diese Regeländerung, da immer mehr Mannschaften die Abseitsfalle so gut beherrschten, dass immer weniger Tore fielen. Mit der neuen Abseitsregel waren auch neue Taktiken gefragt. So entstand das sogenannte WM-System mit denen Deutschland 1930, 1934 und 1954 bei der Fußball-Weltmeisterschaft antrat. Es wurde mit drei manndeckenden Abwehrspielern gespielt. Das neue 3-2-5-System war damit das erste System welches mit einer richtigen Abwehrkette agierte.

Bei der Weltmeisterschaft 1938 kam ein weiteres revolutionäre Spielsystem auf, nämlich der sogenannte Schweizer Riegel. Dieses von Karl Rappan erfundene System sah vor, dass durch schnelles Umschalten bei Balleroberung, bzw. Ballverlust stets eine Überzahlsituation in Ballnähe geschaffen wird. Bei einer Balleroberung seiner Mannschaft schaltete sich, bis auf ein Spieler, alle Spieler in den Angriff ein. Dieser zurückgebliebene Spieler kann man durchaus als Vorläufer des späteren Liberos bezeichnen. Die Schweizer Nationalmannschaft schafften es mit diesem System bis ins WM-Viertelfinale.

Anfang der 50er-Jahre entstanden weitere bahnbrechende Spielvarianten im Fußball. Die stärkste Mannschaft jener Zeit – die Ungarn – spielten mit einer 4er-Abwehrkette und dem Torwart Gyula Grosics als Ausputzer dahinter. Die Brasilianer nicht minder eifrig den damaligen Fußball zu perfektionieren, führten bei der WM 1950 das Prinzip der Absicherung in der Defensive ein. Hinter der Abwehr agierte nun ein freier Mann (Libero) der sich ballorientiert hinter seinen Abwehrspielern schob.

Die WM acht Jahre später könnte man als Geburtsstunde der modernen Viererkette bezeichnen. Die Brasilianer übernahmen das ungarische 4-2-4-System und je nachdem ob man in Ballbesitz war oder nicht, spielte man mit sechs Angreifern, bzw. sechs Abwehrspielern. Dieses System erforderte eine Menge Laufarbeit der zwei Mittelfeldspieler. Die Viererkette der Brasilianer agierte vom Tor entfernt mit der Raumdeckung und in Tornähe mit der Manndeckung. Mit dem 4-2-4 wurde Brasilien 1958 Weltmeister und viele Mannschaften versuchten das neue brasilianische System zu kopieren.

In den 70er- und 80er-Jahren wurde der Fußball immer mehr kultiviert. So agierten hauptsächlich zu jener Zeit die sehr erfolgreichen niederländischen und belgischen Klubs mit Raumdeckung, Pressing, Abseitsfalle und Viererkette. Alles Attribute die heute den modernen Fußball ausmachen. Auch die niederländische Nationalmannschaft um Rinus Michels spielte bei der WM 1974 mit einer Viererkette und sogar offensiv ausgerichteten Außenverteidigern und wurde so mit einem attraktiven Fußball Vizeweltmeister.

Louis van Gaal ist einer der Wegbereiter der modernen Viererkette

Den letzten Schritt zur modernen Viererkette machte Louis van Gaal in der 90er-Jahren mit dem 3-4-3, dem sogenannten Ajax-System. Abgesehen von zwei manndeckenden Abwehrspielern, agierte die gesamte Mannschaft mit der Raumdeckung und dem Ziel in Ballnähe eine Überzahlsituation zu schaffen. Der Torwart übernahm hier einige Funktionen des eingemotteten Liberos, indem es z.B. zu seinen Aufgaben zählte Steilpässe abzufangen.

Bei der Weltmeisterschaft 1998 war es nun soweit, dass die meisten Mannschaften auf das ballorientierte Verteidigen innerhalb einer Viererkette setzten. Die Außenverteidiger wurden nun mit der Aufgabe vertraut bei Ballbesitz offensive Akzente zu setzen. Die deutsche Nationalmannschaft verschlief leider den Trend und ging 1998 mit Libero und einer 0:3 Niederlage gegen Kroatien im Viertelfinale sang- und klanglos unter. Der Weltmeister Frankreich agierte mit einer derart guten Viererkette, dass man dieses Turnier durchaus als Durchbruch des ballorientierten Verteidigens innerhalb einer Viererkette bezeichnen könnte.

Erst bei der WM 2002 in Japan und Südkorea spielte die deutsche Nationalmannschaft mit moderner Viererkette und war damit fast die letzte Nation die noch mit dem klassischen Libero spielte.

© Martin Hasenpflug

One thought on “Geschichte der Viererkette”

  1. MarkDollar says:

    Kannst du mir eine Quelle nennnen, wo du diese Infos her hast? Finds nämlich sehr interessant!

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