Den Gegner lenken: sein Spiel aufzwingen und in Ballbesitz gelangen

Um den Ball erobern zu können, muss eine Mannschaft ihren Gegner in eine Situation bringen, in der dessen Ballverlust unvermeidlich wird. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn die Mannschaft, die den Ball erobern möchte, eine Überzahlsituation generieren kann, in der der Gegner wenig Zeit hat und keine guten Lösungsmöglichkeiten besitzt.
Um eine solche Situation zu erreichen, sollten verteidigende Mannschaften den Gegner lenken, ihn also zu einem Spielaufbau zwingen, der ihn in eine ausweglose Situation bringt und einen Ballverlust wahrscheinlich macht.

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Welches Ziel verfolge ich damit?

Zweikampfation findet, über die er einen Spielzug fortsetzen kann. Das ist nicht nur nervig und zehrt an der Konzentration, es bindet auch Kräfte, weil viele Läufe ohne Ball getätigt werden müssen.
Den Gegner lenken heißt auch, die Wahrscheinlichkeit auf einen eigenen Ballgewinn zu erhöhen. Doch dieses Ziel muss nicht das einzige sein. Je nach eigenem System und eigener Spielphilosophie kann ich über ein Lenken des Gegners Ballgewinne in Situationen erzwingen, in denen ich mir selbst eine gute Ausgangsposition für einen Angriff und einen möglichen Torerfolg schaffe. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ich einen Ball in der gegnerischen Hälfte erobere und einen entsprechend kurzen Weg zum gegnerischen Tor habe.
Wenn ich den Gegner lenken kann, bringt das zahlreiche Vorteile, die mein System deutlich unterstützen können.

Ziel Außenverteidiger

Die Frage ist nun, wohin bestenfalls ich den Gegner lenken sollte. Ein beliebtes Ziel ist der gegnerische Außenverteidiger, vor allem in einem 4-4-2- oder 4-2-3-1-System. Den Ball im Spielaufbau meines Kontrahenten zu dessen Außenverteidigern zu lenken hat mehrere Vorteile:
Die Seitenlinie neben ihm begrenzt sein Spielfeld und schließt bereits eine Seite von der Spielfortsetzung aus. Für die verteidigende Mannschaft ist das eine zusätzliche Unterstützung.
Das Lenken auf den Außenverteidiger beginnt, wenn ein Innenverteidiger im Spielaufbau in Ballbesitz ist. Eine wichtige Aufgabe spielen dabei die Stürmer.
Einer agiert etwas höher im Angriffszentrum und läuft den ballbesitzenden Innenverteidiger an, um ihn unter Druck zu setzen. Wichtig ist dabei, dass er ihn nicht frontal angreift, sondern einen Bogen nutzt, um ihm aus dem Zentrum des Spielfeldes anzulaufen. Damit zwingt er ihn nicht nur zum schnellen Handeln, sondern verstellt gleichzeitig den Passweg zu anderen Innenverteidiger.


Der zweite Stürmer bzw. in einem 4-2-3-1-System der zentrale Mann hinter der Spitze orientiert sich am gegnerischen Sechser, der theoretisch vom Innenverteidiger angespielt werden könnte, und stellt auch diesen Passweg zu. Er unterstützt damit sein eigenes zentrales Mittelfeld.
Der Innenverteidiger des Gegners kann nun nur unter höchstem Risiko flach ins Zentrum spielen, auch eine Verlagerung über den anderen Innenverteidiger ist nicht mehr möglich. Wir haben das Spielfeld bereits erfolgreich halbiert und den Gegner auf eine Seite gelenkt. Dort bleiben dem ballführenden Spieler drei Möglichkeiten.

Der Gegner in der Falle

  • Erstens kann er einen langen Ball nach vorn schlagen, dieser ist jedoch von einer Viererkette gut zu verteidigen, also in den meisten Fällen ein Ballverlust.
  • Zweitens kann er auf seinen Torhüter zurückpassen und den eigenen Angriff damit stoppen. Damit gewinnt er allerdings keinen Raum, sondern muss von vorn beginnen.
  • Dritte Möglichkeit bleibt der Pass auf den Außenverteidiger. Dieser wird dann besonders wahrscheinlich, wenn die verteidigende Mannschaft den defensiven Außenbahnspieler nicht zu eng deckt, sondern einen gewissen Freiraum suggeriert. Zu weit wegstehen darf ich jedoch ebenfalls nicht, denn sobald der Ball gespielt wird, muss der Außenverteidiger unter Druck gesetzt werden.

Jetzt sind die Voraussetzungen gut, den Ball zu erobern! Entweder gelingt das schon im direkten Zweikampf gegen den Außenverteidiger oder eine Aktion später.
Der gegnerische Akteur, der neu in Ballbesitz kommt, hat erneut kaum gute Möglichkeiten der Spielfortsetzung.
Der Rückpass auf den Innenverteidiger verbietet sich, weil dieser von dem Stürmer, der ihn eben angelaufen hat, zugestellt ist.
Ein Pass ins Zentrum ist ebenfalls zu gefährlich, weil dort nicht nur die gegnerischen Mittelfeldspieler, sondern auch der zweite Stürmer das Spiel engmachen.
Noch dazu ist ein Ballverlust im Zentrum vor der Abwehr besonders gefährlich, weshalb der Außenverteidiger sich eher nach vorn orientieren wird.

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Optimal für die Mannschaft, die den Gegner lenken will, wäre ein Flachpass die Linie entlang zum Außenstürmer. Dieser steht mit dem Rücken zum gegnerischen Tor und würde sofort vom Außenverteidiger unter Druck gesetzt. Der eigene Außenstürmer würde sein gegnerisches Pendant von oben anlaufen, die Sechser den Raum nach innen schließen. Ein Ballgewinn ist unvermeidlich. Oft greifen Außenverteidiger, wenn sie so unter Druck gesetzt werden, auch zum Mittel des langen Balles ins Sturmzentrum oder an der Linie entlang. Beide Situationen sind relativ ungefährlich, wenn sich die eigene Viererkette intelligent verhält und rechtzeitig nach hinten absetzt.

Individuelles Verhalten gegen den Ball

Damit wären wir beim individualtaktischen Verhalten der Spieler, die den Gegner lenken sollen. Das Verhalten der Stürmer wurde bereits beschrieben, wichtig ist nun für den Außenbahnspieler, der den gegnerischen Außenverteidiger anläuft, dass er ihm anfangs etwas Platz lässt, beim Pass aber unmittelbar mit hohem Tempo anläuft. Kurz bevor er ihn erreicht, stoppt er ab und baut gezielt Druck auf, statt draufzustürzen und leicht ausgespielt zu werden.
Alle Versuche, den Gegner zu lenken, schlagen fehl, wenn der Außenverteidiger die Möglichkeit bekommt, mit einer einfachen Aktion an seinem Gegenspieler vorbeizugehen und Platz nach vorn zu haben. Das darf nicht passieren.
Wichtig ist auch das Verhalten der Viererkette. Prinzipiell soll diese hochstehen, um das Spielfeld eng zu machen, gerade der Außenverteidiger muss sofort da sein, wenn ein flacher Pass die Linie entlang gespielt wird, weil sich der gegnerische Außenstürmer auf keinen Fall mit Ball am Fuß drehen darf. Wenn aber an der Ausholbewegung des gegnerischen Außenverteidigers erkennbar ist, dass ein langer Ball folgt, muss sich die Kette nach hinten absetzen, um nicht überspielt zu werden. Aus dieser Ausgangsposition können lange Bälle dann problemlos verteidigt oder angelaufen werden.

Den Gegner ins Zentrum lenken

Nicht immer ist es sinnvoll, den Gegner auf die Außenbahn zu locken, vor allem dann nicht, wenn ich selbst ein System spiele, dass auf das Spielfeldzentrum fokussiert ist.

  • Das kann ein 4-4-2 mit Raute im Mittelfeld sein
  • oder ein 3-5-2, das defensiv zu einem 5-3-2 wird.

In all jenen Systemen verfüge ich nicht über einen Außenbahnspieler, der im eigenen Defensivverhalten den gegnerischen Außenverteidiger anlaufen könnte. Die Wege wären zu weit. In solchen Systemen ist es wenig sinnvoll, die Seitenauslinie als Unterstützung zu nutzen, vielmehr sollte man den Gegner in die Spielfeldmitte locken, wo man in Überzahl zuschlagen kann.
Im Gegensatz zu vorhin öffnen die Stürmer nun den Passweg zwischen den beiden Innenverteidigern und stellen stattdessen die Wege zu den Außenverteidigern zu, sie positionieren sich also zwischen Innen- und Außenverteidigern.

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Wird ein Innenverteidiger angespielt, läuft der jeweilige Stürmer ihn seitlich so an, dass er ihn gleichzeitig unter Druck setzt und den Außenverteidiger im Deckungsschatten behält, damit er nicht anspielbar ist. Der andere Stürmer reagiert nun auf die Aktion des ballführenden Innenverteidigers. Spielt dieser den anderen Innenverteidiger an, setzt er ihn ebenfalls von außen unter Druck, probiert er den schwierigen Ball auf den gegenüberstehenden Außenverteidiger, fängt er diesen ab oder setzt den Außenverteidiger sofort bei Ballannahme unter höchsten Druck.
Ziel ist es, dass die Innenverteidiger den Ball nach vorn spielen müssen. Dort ist die lenkende Mannschaft sehr gut aufgestellt, um den Ball zu erobern, weil sie eine klare Überzahl herstellen kann.
Lange Bälle werden problemlos von der Viererkette verteidigt, kurze Anspiele können vom massiven Mittelfeld erobert werden.

Die Bedeutung des Mittelfeldpressings

Bei flachen Anspielen ins Zentrum ist es sehr wichtig, Druck auszuüben und den Ballgewinn zu forcieren. Der Gegner wird versuchen, den Stürmer, der mit seinem Laufweg den Pass nach außen verhindert, über ein Dreieck mit dem zentralen Mittelfeld zu überwinden. Der Innenverteidiger spielt also einen Sechser so an, dass der möglichst direkt zum aufrückenden Außenverteidiger weiterleiten kann. Damit wäre der Stürmer aus dem Spiel und der Außenverteidiger würde den Ball in den Lauf nach vorn gespielt bekommen, könnte also Tempo aufnehmen. Weil die verteidigende Mannschaft im Zentrum zusammengezogen ist, sind die Außenbahnen recht frei, so dass der ballführende Außenverteidiger viel Platz vorfände, was eine gefährliche Situation herbeiführen könnte, zum Beispiel einen Grundliniendurchbruch im Zusammenspiel mit dem Außenstürmer oder eine Flanke aus dem Halbfeld.
Prinzipiell ist das der Grund, warum viele Mannschaften, die Gegner lenken wollen, eher ein Anspiel der Außenbahnen erzwingen wollen. Allerdings hat das Lenken in die Mitte den großen Vorteil, dass Ballgewinne im Zentrum vor der gegnerischen Abwehr fast immer sofort eine gute Torchance bedeuten.


Das Mittelfeld ist dann bereits überspielt, man kann auf die Viererkette zulaufen und mit einem Pass in die Schnittstelle große Torgefahr erzeugen. Es gibt kaum Situationen, die schwieriger zu verteidigen sind.
Vor allem in Phasen, in denen man ein schnelles Tor braucht, ist es eine gute Möglichkeit, den Gegner ins Zentrum zu locken.
Auch in Pressingphasen bietet es sich an, für eine komplette Partie ist es allerdings nicht unbedingt zu empfehlen, weil es für die Mittelfeldspieler einen hohen Aufwand bedeutet, jedes Anspiel in den Sechserraum aggressiv zu verteidigen.

Die richtige Situation erkennen

Den Gegner lenken ist schwer zu trainieren und geschieht vor allem im Kopf. Die entscheidende Frage ist:
Wann habe ich die Gelegenheit, den Gegner lenken zu können?
Wenn ich den Gegner in die Mitte zwingen möchte, ist das von der Grundpositionierung her recht leicht. Ich kann meine Stürmer von Beginn an breit stehen lassen, schon dann, wenn der Ball noch beim Torhüter ist. Ich lasse diesen den Innenverteidiger anspielen und lauf dann an. Der Pass ins Mittelfeldzentrum ist für mich das Signal, ins Pressing überzugehen.
Etwas komplizierter ist die Zustellung des Außenverteidigers für den offensiven Außenbahnspieler und die Stürmer der verteidigenden Mannschaft beim Lenken nach außen.
Dafür können einige Grundprinzipien eingeführt werden:

  • Das Lenken beginnt beispielsweise erst 15 Meter vor der Mittellinie, weil es weiter vorn die eigene Mannschaft zu sehr auseinander ziehen und damit Lücken reißen würde.
  • Das Signal zum seitlichen Anlaufen des Innenverteidigers durch den Stürmer kann ein Pass des einen Innenverteidigers auf den anderen mit Zug, also leicht diagonal nach vorn gespielt, sein.

  • Der angespielte Abwehrspieler dribbelt so nach vorn und muss angelaufen und von der anderen Spielfeldhälfte abgeschnitten werden.
  • Auch wenn ein Innenverteidiger den Ball mit dem ersten Kontakt nach vorn mitnimmt, kann das Lenken beginnen. Jetzt wird ein Pass nach außen wahrscheinlich und der offensive Außenbahnspieler muss ein gutes Timing finden, um zu attackieren. Er lässt also erst etwas Platz und läuft beim Anspiel sofort scharf an.

Gegner lenken im Training

whistle of a soccer or football referee on black board with tactical diagramWo laufe ich hin, wenn der Gegner nach außen spielt?

All das sind Fragen, die nicht nur theoretisch behandelt werden dürfen, sondern auch auf dem Platz einstudiert werden müssen. Das kann zunächst durchaus in einer passiven Spielform geschehen. Die Spieler sollen ihre Laufwege absolvieren, ohne wirklich scharf auf den Ballgewinn zu gehen. Sie sollen lediglich die taktischen Grundmuster erkennen und in die Köpfe bekommen.
Später kann das Spiel aktiv vollzogen werden. Auch sind kleinere Spielformen denkbar, in denen Ballgewinne in unterschiedlichen Bereichen des Spielfeldes unterschiedlich gewertet werden, also zum Beispiel ein Ballgewinn im Zentrum mehr Punkte bringt als auf der Außenbahn.
Genauso kann die Aufgabe formuliert werden, bestimmte Spieler zu jagen, also dann eine Balleroberung anzustreben, wenn ein bestimmter Spieler in Ballbesitz kommt. Das individuelle Verhalten wird im Zweikampftraining geschult. Schließlich muss man auch in der eigenen Viererkette mitunter Gegenspieler im direkten Zweikampf lenken, als Außenverteidiger zum Beispiel nach außen. Entscheidend dafür ist die richtige seitliche Stellung, um einen Durchbruch durch die Mitte zu verhindern und gegen einen Durchbrauch über außen schnell Tempo aufnehmen zu können.

Kommunikation ist die halbe Miete

Besonders wichtig, um einen Gegner lenken zu können, ist die Kommunikation. Vor allem erfahrene Führungsspieler, aber auch Akteure in zentralen Positionen müssen die Mannschaft coachen, also vor allem das Zeichen zum Lenken geben. Wenn beim Lenken nach außen der Pass vom Innen- auf den Außenverteidiger gespielt wird, muss die ganze Mannschaft zuschieben – und das funktioniert am besten, wenn laut Stimmung gemacht wird.
Kurzes Kommandos reichen dabei in der Regel vollkommen aus. Insgesamt werden Mannschaften deutlich größere Chancen haben, ein Spiel zu gewinnen, wenn sie einen Gegner lenken können, weil sie öfter in Ballbesitz sind und dem Gegner ihr Spiel aufzwingen – selbst dann, wenn sie nicht in Ballbesitz sind.

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