Was Trainer von Straßenfußballern lernen können

Zico, Rivaldo und Neymar: Diese drei großartigen Fußballspieler werden nicht nur durch ihre brasilianische Herkunft geeint, sie verbindet darüber hinaus eine weitere Eigenschaft – sie alle lernten das Kicken auf der Straße. Allgemein gelten Südamerika und insbesondere Brasilien als die Hochburgen solcher Straßenfußballer, aber auch im europäischen Raum gibt es Spieler, die ihren Traum von ganz unten begannen. Ein Beispiel dafür ist der englische Nationalspieler Jamie Vardy, dessen kometenhafte Karriere ebenfalls auf dem Beton startete.

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Selbstverständlich schafft es nur ein Bruchteil derer, die den großen Traum vom Fußballprofi hegen, doch dieser verschwindend geringe Prozentsatz weist Qualitäten auf, die durch den Straßenfußball geprägt wurden. Dazu gehören neben technischen und spielerischen Fähigkeiten auch Stärken im Umgang miteinander. Was genau den Straßenfußball ausmacht, welche Eigenschaften ein solcher Spieler mitbringt und welche Spielformen von der Straße in das gewöhnliche Fußballtraining übertragen werden können – darum soll es in diesem Text gehen.

Was Straßenfußball überhaupt bedeutet

Straßenfußball

Straßenfußball wird in erster Linie mit ärmeren Gegenden in Verbindung gebracht, vor allem mit weiten Teilen Südamerikas sowie Afrika. Häufig stimmt diese Vorstellung auch, da gut ausgebaute Plätze und sogar Fußbälle häufig nicht vorhanden sind. Stattdessen wird sich anderer Hilfsmittel bedient: Die Umrisse des Tores werden aufgemalt, der Ball aus Stoffresten gebildet. Somit kann Straßenfußball überall praktiziert werden und besteht aus wesentlich mehr Elementen als das normale Kicken.
Wird gegeneinander gespielt, müssen die Teams ohne Schiedsrichter auskommen und die Regeln selbst ausführen. Dafür gibt es eine Vielzahl verschiedener Spielformen, die miteinander, in Teams oder auch in Einzelwertungen praktiziert werden können. Damit steckt hinter dem Begriff Straßenfußball viel mehr, als das eigentliche Wort aussagt. Von den Spielern werden Kreativität, Fairness und Anpassungsfähigkeit verlangt.

Die typischen Eigenschaften eines Straßenfußballers

Im Straßenfußball ist das Miteinander das wichtigste. Schließlich trifft sich hier in der Regel keine Mannschaft zum Training, sondern vielmehr zufällig ein paar Leute zum Spielen, die sich oftmals zuvor nicht gekannt haben. Da man also auf die Mitspieler angewiesen ist, begegnet man sich freundlich und fair gegenüber. Diese zwei Eigenschaften werden außerdem verstärkt ausgeprägt, da kein Trainer oder Schiedsrichter anwesend ist. Die Spieler bestimmen also selbst über sämtliche Elemente der Spielform. Dabei lernen die Fußballer schon früh, dass Rücksicht auf den Einzelnen genommen werden muss und in Zweifelsfällen immer die Mehrheit und niemals eine einzelne Person entscheidet.

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Im normalen Fußballtraining bietet es sich also an, die Spieler regelmäßig selbst über die Spielformen entscheiden zu lassen. Außerdem sollte sich der Trainer auch bei der Einhaltung der Regeln zurückhalten und möglichst wenig von außen zu korrigieren versuchen – die Spieler selbst sollen dafür sorgen, dass das Spiel von beiden Seiten fair ausgetragen wird.

Die Vor- und Nachteile im Straßenfußball

Vorteile

Einige der Vorteile, die ein Straßenfußballer mit sich bringt, wurden bereits erwähnt:

  • Dazu gehört ein überhöhtes Maß an Toleranz, Fairness und Kreativität, aber natürlich noch weitere Fähigkeiten und Eigenschaften.
  • Aufgrund des oftmals schlechten Untergrundes und Materials (zum Beispiel auch bei den Schuhen) besitzen Straßenfußballer in der Regel eine enorm gute Technik. Sie führen den Ball eng am Fuß und können mit Unebenheiten auf dem Platz besser umgehen als solche, die an einen frisch gemähten Rasen oder Kunstrasen gewöhnt sind.
  • Dadurch werden die Reflexe geschult und das Improvisationstalent gesteigert.
  • Zudem findet Straßenfußball häufig auf engem Raum statt. Dadurch wird das Verhalten im Zweikampf verbessert und die Spieler lernen sich aus schwierigen Situationen zu befreien – und das auf spielerische Art und Weise, Befreiungsschläge gibt es im Straßenfußball nicht.
  • Auf der anderen Seite spielt der offensive Zweikampf eine große Rolle. Der Gegenspieler soll nach Möglichkeit ausgetrickst, danach sofort der Abschluss gesucht werden. Somit wird ein gewisser Drang geweckt, immer mehr Tore schießen zu wollen.

Nachteile

  • Als negative Ausprägung kann sich hierbei allerdings natürlich auch ein zu großer Egoismus entwickeln und ein besser positionierter Mitspieler übersehen werden.
  • Straßenfußball besteht im Normalfall nur aus einer Richtung. Wer den Ball hat, will ihn sofort und auf dem direktesten Weg nach vorne treiben. Dabei behalten die Spieler den Kopf oben und den Ball eng am Fuß, etwaige Ballverluste werden hingegen postwendend bestraft.
  • Denn eines wird im Straßenfußball häufig vergessen – die Defensive. Kaum einer derer, die auf der Straße kicken, spielt gerne in der Abwehr. Jeder will sich vorne zeigen, den Gegner austanzen und vor allem die Tore schießen. Somit ist vielen Profis, die ursprünglich aus dem Straßenfußball kommen, zu Beginn nicht bewusst, wie wichtig die Defensivarbeit im Team ist.
  • Als Trainer, der verschiedene Spielformen aus dem Straßenfußball in sein Training übernehmen will, muss man daher darauf achten, dass die Spiele nicht immer nur aus Sturm und Drang bestehen. Zwar liegen Spielspaß und Offensive in der Natur des Straßenfußballs, dabei sollte hin und wieder aber eben auch an die Rückwärtsbewegung gedacht werden.

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    Typische Spielformen aus dem Straßenfußball

    In seiner reinsten Form wird Straßenfußball natürlich ganz normal in gleichgroßen Teams gegeneinander gespielt. Neben dieser ursprünglichen Spielform haben sich über die Jahrzehnte hinweg allerdings weitere Spiele entwickelt und durchgesetzt, die auch im gewöhnlichen Fußballtraining gut untergebracht werden können.

    1. Hochhalten

    „Hochhalten“ ist wohl fast jedem, der schon einmal Fußball gespielt hat, bekannt. Der Ball wird mit allen Körperteilen außer den Händen in der Luft behalten, wobei der Spieler so viele Kontakte wie möglich zu erzielen versucht, ehe der Ball den Boden berührt. Im Team kann dies natürlich auch gespielt werden: Die Teilnehmer stellen sich im Kreis auf und spielen sich – ohne, dass der Ball Kontakt zum Boden hat – den Ball zu. Wer den Ball nicht erwischt oder ihn auf den Boden spielt, scheidet aus. Im Straßenfußball nutzen die Akteure diese Gelegenheit häufig für die Demonstration spezieller Tricks, für das Training bieten sich allerdings andere Alternativen an. So kann zum Beispiel die Regel eingeführt werden, dass pro Spieler lediglich ein Ballkontakt erlaubt ist.
    Im normalen Fußballtraining kann diese Variante vor allem zu Beginn der Einheit eingesetzt werden, bestenfalls im Anschluss an das Aufwärmen ohne Ball. So bekommen die Spieler direkt zu Beginn ein gutes Gefühl für den Ball.

    2. Hoch hinein oder Luftkönig

    Dieses Spiel hat eine Vielzahl von Namen und ist vor allem in Deutschland weit verbreitet. Die Regeln ähneln in der Grundidee denen des „Hochhaltens“, diese Spielform ist aber ein wenig ausgeprägter. Zunächst wird ein Spieler ausgewählt, der als Erster in das Tor muss. Im Anschluss versuchen die übrigen Spieler Tore zu erzielen, allerdings nur aus der Luft – der Ball muss also volley oder per Kopf im Tor untergebracht werden. Sich den Ball selbst vorzulegen ist dabei nicht erlaubt, außerdem bietet sich ein Mindestabstand an, von dem aus Tore geschossen werden dürfen. Für jeden Treffer wird dem Torwart ein Punkt abgezogen. Sollte ein angreifender Spieler über oder neben das Tor schießen, muss er selbst zwischen die Pfosten. Wer keine Punkte mehr hat, scheidet aus. Am Ende bleiben also zwei Spieler übrig, die den Sieger zum Beispiel durch Elfmeter unter sich ausmachen.
    Als zusätzliche Regel kann zum Beispiel bestimmt werden, dass gewisse Aktionen einen höheren Punktabzug bedeuten. Wird beispielsweise ein Tor per Seit- oder Rückfallzieher erzielt, werden dem aktuellen Torwart zwei Punkte statt nur einem abgezogen.
    Da sich in dieser Spielform nur wenig bewegt wird, eignet sich dieses Spiel aus dem Straßenfußball zum Abschluss eines normalen Fußballtrainings oder aber an besonders heißen Tagen.

    3. Elfmeterkönig

    Auch dieses Spiel ist in Deutschland bekannt und populär und hat sich seinen Weg auch bereits in das eine oder andere Training gebahnt. Die Regeln sind schnell erklärt: Es gibt einen Torwart, den die übrigen Spieler per Elfmeter zu überwinden versuchen. In der ersten Runde dürfen alle ihr Glück versuchen – wer trifft, ist eine Runde weiter, wer verschießt, ist raus. So geht es Runde für Runde weiter, bis nur noch ein Akteur übrig ist.

    4. Panna-K.O.

    Der sogenannte „Panna-K.O.“ hat seinen Ursprung definitiv im Straßenfußball. Es treten zwei Spieler im direkten Duell gegeneinander an, es gibt keine Tore und nur ein Ziel: Den Gegner zu tunneln und dabei nach Möglichkeit besonders alt aussehen zu lassen.

    5. WM

    Dieses Spiel ist unter mehreren Namen bekannt, der Ablauf aber stets gleich. Es wird auf ein Tor mit einem Torhüter gespielt und es gilt die Devise: jeder gegen jeden. Wer ein Tor erzielt, ist eine Runde weiter, der Letzte scheidet aus. So dünnt sich das Feld immer weiter aus, bis nur noch zwei Akteure verbleiben, die dann im Finale gegeneinander antreten. Je nach Spieleranzahl bietet sich im gewöhnlichen Training auch die Bildung von Teams aus zwei Spielern an, sodass mehrere Duos gegeneinander auf ein Tor spielen. Besonders knifflig wird es, wenn es außerdem noch einen zweiten Ball gibt.

    Fazit

    Straßenfußball zeichnet sich durch eine Vielzahl von Faktoren aus, die es im normalen Fußball nicht in einer solchen Ausprägung gibt. In erster Linie geht es darum, sich mit besonders feiner Technik von den Gegenspielern abzuheben, ohne dabei jemals unfair zu sein. Straßenfußball lebt von seiner Fairness, da kein unparteiischer Schiedsrichter oder Trainer dabei ist, der die unterschiedlichen Spielformen leitet. Die Spieler im Straßenfußball sind vollständig voneinander abhängig und auf den Sportsgeist des jeweils anderen angewiesen – nur so kann auf der Straße gespielt werden. Da in vielen Übungen Spieler ausscheiden, bietet sich für das Fußballtraining in der Regel eine Kombination aus verschiedenen Spielen an, sodass niemand über einen längeren Zeitraum warten muss.

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    Bildquelle:
    Butch / www.fotolia.de