Gladbach Training: Schlüsselspieler als „Schleicher“ im 4-4-2 System

Als Dieter Hecking im Januar seine Mission beim Bundesligisten Borussia Mönchengladbach aufnahm, haben ihm wohl viele zugetraut eine gewisse defensive Kompaktheit wiederherzustellen. Seine Qualitäten als „Arbeiter“ waren stets unumstritten. Er fordert immer Vollgas, das wussten die meisten von jeher.

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Dass seine Mannschaft aber mit der Zeit auch immer gefälliger nach vorne spielt, überrascht nun doch den ein oder anderen. Die Grundlagen des wiedergekehrten Offensivstils sind in der Trainingsarbeit zu beobachten. Zwei freie Tage nach dem letzten Bundesligaspiel hatte der Coach seinen Schützlingen gegeben, um dann in der Dienstagseinheit mit 18 Feldspielern und drei Torhütern gleich auf 100 Prozent Einsatz hochzufahren. Halbe Sachen sind nichts für den manchmal knurrig wirkenden Chef.

Individuelles Training für Schulz und Hazard

Als Hecking mit seinem Team wohl noch die Partie vom Wochenende analysierte, betraten Physio Andreas Bluhm sowie die beiden angeschlagenen Akteure Thorgan Hazard und Marvin Schulz bereits einen Nebenplatz für eine individuelle Einheit. Treppenläufe und weitere Trainingsformen zur Verbesserung des konditionellen Zustands standen auf dem Programm.

Kamps und Sommer analysieren letzte Partie

Etwa 20 Minuten vor dem Rest der Mannschaft nahmen die Torhüter Yann Sommer, Tobias Sippel und Christopher Heimeroth ihr Training auf, in dem Uwe Kamps den Schwerpunkt auf Koordination, besonders die Reaktions-, Orientierungs- und Umstellungsfähigkeit legte. Nach einem kurzen Warm-Up mit Sidesteps, Armarbeit und ähnlichen Übungen sowie einigen Dehnformen ging es zunächst um das Erlangen von Ballgefühl. Dazu schlugen Heimeroth und Sippel Flugbälle über den Platz hin und her, während Kamps mit Sommer die wichtigsten Szenen der letzten Begegnung besprach und der Gladbacher Nummer 1 teilweise Verbesserungsvorschläge gab. Danach folgten hohe Spannstöße zwischen allen Keepern im Dreieck.

Fokus der Keeper auf Koordination

Nach etwa zehn Minuten auf dem Rasen startete die spezifische Schulung des Torhüterspiels mit einer Form, in der Abschlüsse in schneller Abfolge aus drei verschiedenen Richtungen auf den Kasten kamen. Teils aus liegender, teils aus stehender Position musste der jeweilige Keeper parieren, alle anderen schossen Bälle – rechts, zentral beziehungsweise vom Tor aus. Nach drei Durchgängen wurde jeweils durchgewechselt.

Unterdessen verließen die Feldspieler die Kabine und präsentierten sich den wartenden Fans sowie Co-Trainer Dirk Bremser, der schon seit geraumer Zeit Hütchen für die Profis aufgebaut hatte. Dieter Hecking befand sich beim Herausgehen – ganz typisch – im intensiven Austausch mit seinen Spielern.

Die Torwarte mussten in der nächsten Übung zwei Bälle gleichzeitig im Auge behalten: eine Kugel sollte permanent abgewehrt, die andere überraschend zwischendurch eingestreut werden. Anschließend forderte Kamps, dass der Keeper im Tor einen Ball dauerhaft auf den Boden prellte. Ohne Kommando kam plötzlich ein Schuss auf das Gehäuse. Zusätzlich musste nach der Parade ein dritter Ball vor dem zweiten Aufprall aus der Luft gefischt werden.

Am Ende der Torhütereinheit stand eine Komplexform zum gewählten Trainingsschwerpunkt Koordination.

Profis arbeiten in zwei Gruppen am Passspiel

Die Feldspieler wurden zuerst in zwei Gruppen á neun Spieler aufgeteilt – eine betreut von Co-Trainer Dirk Bremser, die andere von seinem Kollegen Frank Geideck. Dieter Hecking pendelte zwischen beiden Teams. Bei Bremser lag der Fokus auf den sogenannten Basics des Passspiels: Zwei Spieler positionierten sich gegenüberstehend außen, in der Mitte bekam der dritte Mann abwechselnd von beiden Seiten Bälle zugespielt, die er zurückpassen sollte. Regelmäßige Positionswechsel wurden vollzogen.

Selbige Form absolvierten die Kicker nachfolgend mit hohen Anspielen. Nach einer Vergrößerung des Abstandes schlossen eingestreute Flugbälle von den Außenspielern den Trainingsabschnitt ab.

Überzahl sechs gegen drei

Die Mitglieder der Gruppe unter Frank Geideck begannen nach einem kurzen sieben gegen zwei direkt mit einer Spielform ohne Tore mit drei Teams á drei Spielern, wobei jeder Equipe eine andere Mannschaft zugewiesen war, die bei Ballbesitz auf ihrer Seite kickte. Damit entstand eine stetige Überzahl von sechs gegen drei für die ballführende Auswahl. Die gleichen Regeln galten dann nach der Passübung auch bei Bremser. Marvin Schulz, noch im Aufbautraining, drehte dabei Runden um den Platz, Thorgan Hazard verschwand in die Katakomben.

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Spiel ohne Tore mit zwei freien Männern

Hecking versammelte schließlich die Mannschaft, richtete wie üblich ein paar eindringliche Worte an sie und beobachtete dann intensiv das acht gegen acht ohne Tore mit zwei freien Männern. Bei der Vorgabe von maximal zwei Ballkontakten pro Profi wählte er die neutralen Akteure nicht zufällig aus. In insgesamt drei Durchgängen á zweieinhalb Minuten schlüpften Stindl, Dahoud, Raffael, Sow, Strobl und Drmic in diese Rolle.

Schlüsselspieler im 4-4-2-System

Der Hintergrund der Maßnahme ist offensichtlich: Hecking ernannte genau die Spieler, die in seinem System zwischen den Reihen, sprich zwischen gegnerischer Abwehr und Mittelfeld schleichen sollen, um von dort aus gefährliche Bälle zu den einlaufenden Außenbahnspezialisten zu befördern. Gladbach-Fans wissen: So hatte es in der glorreichen Zeit unter dem Schweizer Lucien Favre zahlreiche Erfolge gegeben und nicht zuletzt die erfolgreichste Phase der jüngeren Vereinsgeschichte. Hecking konzentriert sich nach der wiedererlangten Stabilität zunehmend also auf das spielerische Element. Gleich am Anfang seiner Amtszeit hatte er das 4-4-2-System, das auch Favre durchgängig bevorzugte, wiedereingeführt.

Der größte Unterschied zwischen beiden Trainern: Hecking steht meist lautstark motivierend am Rand, während Favre sehr ruhig und analytisch dreinblickte. Wie die Fohlen aber allesamt in Interviews bestätigten, kommt Heckings Art hervorragend an. Nicht zuletzt widmet er sich jedem einzelnen regelmäßig und macht konkrete Ansagen, um seine Schützlinge zu entwickeln. Auch für das Innenleben des Teams scheint diese Nähe förderlich. Dabei fordert der Coach mehr als bloßes Zuhören: Er will Leader, die ihm und der Mannschaft ihre Meinung sagen und auch in schwierigen Situationen vorweggehen. Als Konsequenz kann man beobachten, dass nicht nur Hecking ein Lautsprecher ist, sondern auch die Kommunikation auf dem Spielfeld zwischen den Profis deutlich zugenommen hat.

Klare Ansagen beim Abschlussspiel kommen an

Vor dem Abschlussspiel wandte sich Hecking erneut mit der klaren Ansage an sein Team: „Entwickelt Spielfreude, die Kontakte bleiben unbegrenzt!“ Zwei gemischte Mannschaften agierten anschließend zwar mit viel Tempo und Willen, es fehlte jedoch vorerst der konsequente Zug zum Tor. Grund genug für den Cheftrainer umgehend zu unterbrechen. „Da stehen zwei Tore auf dem Platz, ich will Bälle darin zappeln sehen!“

Prompt erzielte Jonas Hofmann das 1:0, das umjubelt wurde wie ein Pflichtspieltreffer. Auch sonst lief der Ball fließender durch die Reihen, mehr Torchancen wurden erarbeitet. Wieder und wieder intervenierte Hecking mit konkreten taktischen Anweisungen zu Laufwegen.

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Nach drei Durchgängen á vier Minuten und insgesamt einer guten Stunde Training war Feierabend am BORUSSIA-PARK. Das Verliererteam „durfte“ nach der Abschlussbesprechung komplett abbauen. Sieg und Niederlage zählen für den Trainer nicht nur, wenn es um Punkte geht, sondern in jeder Einheit. Dass dieser Ehrgeiz sich auf die Spieler überträgt, ist zu spüren. Die Stimmung wirkt fokussiert und gelöst zugleich. Neben starken Laufleistungen als Grundlage ist zudem die Spielfreude zurückgekehrt.

Von Tom Trilges

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