Verdienter Sieg im Stade de France

Miro Klose. Marko Reus. Mario Götze. Marcel Schmelzer. Bastian Schweinsteiger. Der freiwillige Verzicht des Bundestrainers auf Manuel Neuer. Gleich sechs Spieler, die sich als Stamm- bzw. Kernspieler der deutschen Nationalelf fühlen dürfen, waren beim Test vor den Toren von Paris nicht dabei. Viele Beobachter fürchteten daher schon vor dem Anpfiff, es könnte zu einer ähnlichen Schmach kommen wie knapp ein Jahr zuvor in Bremen, als die Deutschen gegen les Bleus mit 1:2 verdient den Kürzeren gezogen hatten. Löw tat so, als sei nichts, und brachte Gomez für den Sturm, Gündogan für Schweinsteiger auf der Sechs, Benedikt Höwedes als linken Verteidiger, Lukas Podolski (und nicht André Schürrle) spielte links vorn für Reus bzw. Götze. Zwischen die Pfosten kehrte nach mehr als zwei Jahren Abstinenz René Adler zurück. Das System schaute aus wie gewohnt, Löw schickte – wie sein Gegenüber Didier Deschamps – ein 4-2-3-1 auf den Platz. Bei gegnerischem Ballbesitz zogen sich Thomas Müller, der rechts im Mittelfeld agierte, und Podolski zurück (Mesut Özil jedoch des Öfteren auch) und verwandelten das System so in ein 4-4-2.
Beide Teams waren mit dieser Formation auf ein schnelles Umschalten nach Ballgewinn aus, was vor allem Deutschland über weite Strecken der ersten Halbzeit mustergültig und oft zeigte. Weil auch die defensiven Spieler wie Höwedes und Lahm rasch mit aufrückten (bei den Franzosen agierten Evra und Sagna genauso), entstanden bei einem Ballverlust in der Offensive bei beiden Teams oft große Räume, in die Ribéry einerseits über links, Özil andererseits zentral vorstießen und stets gefährliche Aktionen einleiteten. Dabei suchte Özil meist den über rechts startenden Müller, da Podolskis Laufwege nicht immer glücklich waren und er zudem kaum Unterstützung vom offensiv sehr schwachen, defensiv aber stets aufmerksamen Höwedes erfuhr. So spielte sich in der ersten Halbzeit alles auf der Seite von Lahm und Müller bzw. Ribéry und Evra ab, nur selten suchten die Teams Entlastung auf dem anderen Flügel.
Khedira geht in die Spitze
Insgesamt wirkten die Deutschen in der Spielanlage etwas reifer, ließen jedoch zahlreiche Chancen ungenutzt, was sich nach einer Unaufmerksamkeit in der Abwehr kurz vor der Pause rächte, als Valbuena die Führung für die Hausherren erzielen konnte. In der zweiten Halbzeit ging es unverändert weiter, und eine der zahlreichen Balleroberungen und –verteilungen von Ilkay Gündogan war der Ausgleich zu verdanken (Müller in der 51. Minnute). Überhaupt, dieser Gündogan spielte auf der Sechs gegen wechselweise Sissoko, Ribéry, Cabaye und Valbuena so überragend, als hätte er schon 50 Länderspiele auf dem Buckel. In Wahrheit sind es erst fünf, nach dem Frankreich-Spiel wohlgemerkt. Gündogan war stets auf der Höhe, neben ihm konnte sich der ansonsten überzeugende Khedira als Balleroberer manchmal sogar etwas ausruhen bzw. mit in die Spitze gehen, wo er später auch das 2:1 erzielte. Gündogan wurde von den Mitspielern gesucht, als wäre schon immer er es gewesen (und nicht Bastian Schweinsteiger), der in der Nationalelf auf dieser Position spielte.

Sportplatzbedarf in großer Auswahl

Nach etwa einer Stunde nahm Löw Gomez vom Platz und brachte in Toni Kroos einen sechsten Mittelfeldspieler, was zunächst eher bei der DFB-Elf Unruhe ins Spiel brachte. Für wenige Minuten stimmten die Laufwege untereinander nicht mehr, und Özil, der nun am weitesten vorn von allen sechs spielen sollte, war dort merklich unwohl zumute. Doch Frankeich konnte in den paar Minuten kein Kapital schlagen aus den schwachen Momenten der Deutschen, die aber spätestens mit dem Treffer durch Khedira, dem ein herrlicher Pass von Özil in die Schnittstelle vorausgegangen war, wieder das Zepter übernahm im Stade de France.
Ein variables System, aber mit defensiven Schwächen
Das Spiel mit der falschen Neun, wie es im Fachjargon neuerdings heißt, praktizieren die Spanier aber immer noch besser als die Deutschen, vor allem defensiv. In erster Linie deswegen, weil Kroos und Özil, wenn sie gemeinsam auf dem Platz stehen, zu wenig Druck auf die ballführenden Abwehrspieler des Gegners ausüben, was Klose und Gomez als echte Stürmer deutlich besser machen. Gegen Frankreich hatte dies nur aus jenem Grund keine negativen Auswirkungen, weil die französischen Innenverteidiger (in der zweiten Halbzeit waren das Rami und Sakho) dem Spielaufbau aufgrund technisch-taktischer Mängel keine Impulse setzen konnten. Gegen Vierer, die hier erfahrener sind, muss die Defensivarbeit jedoch schon ganz vorn beginnen, was mittelfristig immer noch für das „alte“ System mit echtem Stürmer spricht. Das System der falschen Neun ist dagegen bei eigenem Ballbesitz variabler, weil alle Mittelfeldakteure dann schnell rochieren und kreative Laufwege ergreifen, teilweise eben auch direkt ins Sturmzentrum sprinten.
Wenigstens also ein paar Erkenntnisse, die Löw gewonnen hat, allem voran natürlich die Abgeklärtheit, mit der Gündogan, aber auch Hummels und Mertesacker defensiv agierten. Und ein 2:1 in Frankreich, das durch die spielerischen Vorteile der Deutschen erzwungen worden ist, kann sich ebenfalls sehen lassen. Dass die Überlegenheit trotz der Ausfälle und trotz der fehlenden linken Seite (auch Schürrle konnte nicht überzeugen, nachdem er für Podolski gekommen war) zu sehen war, sollte also erst einmal für Ruhe sorgen beim DFB nach den Diskussionen um das 1:2 gegen Italien und um das 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden. Immerhin wurde eine Top-Mannschaft bezwungen, und das noch nicht einmal mit dem „ersten Anzug“. Das ist hierzulande eine elend lange Zeit schließlich überhaut gar nicht denkbar gewesen.

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