Kinder- und Jugendfußball: Realistische und entwicklungsorientierte Ziele setzen

Fußball ist mehr als nur ein Spiel – gerade im Kinder- und Jugendbereich ist er ein wichtiger Ort der sozialen Begegnung, der körperlichen Aktivität und der persönlichen Entwicklung. Doch zunehmend geraten auch junge Spieler/innen unter Druck: Erwartungshaltungen von Eltern, Trainer/innen oder sogar Vereinen können dazu führen, dass der Spaß am Spiel verloren geht. Schon im frühen Alter wird über „Talente“ gesprochen, Leistung verglichen und selektiert – oft mit dem Ziel, den nächsten Profi zu „formen“. Dabei vergessen viele, worum es im Kinder- und Jugendfußball eigentlich gehen sollte: um Freude, um Lernen, um Entwicklung. Fußball in jungen Jahren ist keine Miniaturversion des Profisports, sondern ein eigener, schützenswerter Raum.

Hier geht es nicht um Tabellenplätze oder Torschützenlisten, sondern darum, Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, sich in einem sicheren und positiven Umfeld zu entfalten – sportlich wie persönlich. In diesem Artikel soll es darum gehen, was realistische Kinderfußball Ziele ausmachen, wie man sie sinnvoll setzt und wer dabei welche Rolle spielt. Denn: Nur wenn Ziele altersgerecht, nachvollziehbar und entwicklungsorientiert sind, können sie junge Menschen auf ihrem Weg stärken – und ihre Begeisterung für den Fußball langfristig erhalten.

Kinderfußball Ziele

Entwicklungsstufen verstehen – Fußball ist kein Erwachsenensport in klein

Einer der häufigsten Fehler im Kinder- und Jugendfußball ist die Annahme, dass junge Spieler einfach „kleine Erwachsene“ sind – und dementsprechend trainiert oder bewertet werden können. Wer Kinder wie Profis behandelt, läuft jedoch Gefahr, sie zu überfordern oder ihre natürliche Entwicklung zu blockieren. Deshalb ist es entscheidend, die verschiedenen Entwicklungsstufen im Nachwuchsfußball zu kennen und zu respektieren. Ein Sechsjähriger tickt anders als ein Zwölfjähriger – und ein Zwölfjähriger anders als ein Jugendlicher in der U17. Die motorischen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten entwickeln sich phasenweise und nicht immer linear. In den sogenannten „goldenen Lernjahren“ (etwa zwischen 7 und 12) saugen Kinder Bewegungen und Techniken regelrecht auf – sie wollen ausprobieren, toben, kreativ sein. Taktische Konzepte sind in dieser Phase zweitrangig.

Es geht darum, das Ballgefühl zu schulen, das 1-gegen-1 zu fördern, Spaß an Dribblings zu wecken und Selbstvertrauen aufzubauen. Ab der Pubertät verschieben sich die Prioritäten. Spieler/innen entwickeln mehr Spielverständnis, nehmen komplexere taktische Inhalte besser auf und hinterfragen mehr. Gleichzeitig ist die Pubertät auch eine Phase großer Unsicherheit – körperlich wie psychisch. Hier braucht es eine gute Balance zwischen klarer Struktur und individueller Begleitung. Ein starres Leistungssystem ohne Rücksicht auf die persönliche Entwicklung wird dem nicht gerecht. Wer als Trainer oder Verein altersgerechte Entwicklungsziele setzt, schafft damit die Grundlage für langfristige Begeisterung, bessere Leistungen – und vor allem gesündere junge Menschen. Fußballerische Reife braucht Zeit, und die sollte man jedem Kind geben.

Ergebnisziele vs. Entwicklungsziele – Warum Gewinnen allein kein Ziel sein darf

Im Fußball geht es ums Gewinnen – klar. Aber im Kinder- und Jugendfußball ist das Ergebnis nie der Maßstab für gute Arbeit. Wer als Trainer nur auf das nächste 3:0 schielt oder Kinder auf Positionen „verplant“, nur um das Spiel zu gewinnen, verliert das Wesentliche aus dem Blick: Entwicklung. Hier lohnt es sich, zwischen Ergebniszielen und Entwicklungszielen zu unterscheiden. Ergebnisziele sind kurzfristig messbar: „Das Spiel gewinnen“, „Erster in der Liga werden“, „mehr Tore schießen“. Sie klingen greifbar und motivierend – und das können sie auch sein. Aber sie sind nicht nachhaltig. Denn was passiert, wenn das Spiel verloren geht? Oder wenn der Gegner einfach stärker ist? Entwicklungsziele hingegen richten sich nicht auf das Resultat, sondern auf die Verbesserung von Fähigkeiten, Verhaltensweisen und Prozessen. Sie sind individuell, lernorientiert und geben Kindern konkrete Hinweise, woran sie wachsen können. Beispiele:

  • „Du versuchst heute mindestens dreimal, ins 1-gegen-1 zu gehen.“

  • „Achte darauf, dass du den Mitspieler mit dem schwachen Fuß anspielst.“

  • „Wir wollen heute als Team alle Einwürfe schnell und clever ausführen.“

Das Schöne an Entwicklungszielen: Sie sind unabhängig vom Endstand. Auch wenn das Spiel verloren geht, können Spieler/innen und Trainer gemeinsam Fortschritte erkennen – und genau das ist es, was Kinder motiviert: Das Gefühl, besser zu werden, etwas zu lernen, sich etwas zuzutrauen. Im Training wie im Spiel sollten Entwicklungsziele immer im Vordergrund stehen. Natürlich darf man gewinnen wollen – das ist Teil der Sportkultur. Aber der Weg dorthin sollte nicht mit kurzfristigem Erfolgsdenken gepflastert sein, sondern mit Neugier, Spielfreude und einer Lernhaltung. Wer heute Mut zum Fehler zeigt, hat morgen die Nase vorn.

Die Rolle der Trainer/innen – Entwicklungsbegleiter statt Ergebnistreiber

Im Kinder- und Jugendfußball ist die Trainerrolle eine der wichtigsten überhaupt. Es geht nicht darum, die perfekte Taktik auszutüfteln oder auf Sieg zu coachen – sondern darum, junge Menschen in ihrer fußballerischen und persönlichen Entwicklung zu begleiten. Gute Trainer/innen erkennen, was ein Kind in seiner aktuellen Phase braucht – und nicht, was sie selbst gerne sehen würden. Viele Nachwuchstrainer/innen starten mit großer Leidenschaft, aber wenig Erfahrung. Der Wunsch, „alles richtig zu machen“, ist da – doch was dabei oft fehlt, ist ein langfristiges Entwicklungsverständnis. Wer jedes Wochenende das Ergebnis bewertet, wer „schwächere“ Spieler/innen weniger einsetzt oder ständig laut korrigiert, sendet eine klare Botschaft: Leistung steht über Lernen. Und das demotiviert – selbst bei talentierten Kindern. Realistische Zielsetzung beginnt mit realistischer Beobachtung. Trainer/innen sollten sich fragen:

  • Was kann dieses Kind gut – und woran kann es arbeiten?

  • Wie kann ich eine Umgebung schaffen, in der sich alle trauen, Fehler zu machen?

  • Wie formuliere ich Ziele so, dass sie konkret, verständlich und motivierend sind?

Ein Beispiel: Statt „Heute musst du besser spielen“ – lieber: „Versuch heute mal, bei Ballverlust direkt umzuschalten und den Ball zurückzuerobern.“ Das ist greifbar, erreichbar – und gibt dem Kind eine klare Orientierung. Ebenso wichtig ist das Verhalten auf dem Platz. Kinder spiegeln, was sie erleben. Wer als Trainer ständig ruft, korrigiert oder negativ reagiert, verhindert selbstständiges Spiel und verunsichert. Wer hingegen lobt, anfeuert, geduldig erklärt und Raum für Entscheidungen lässt, fördert genau das, was langfristig wichtig ist: Spielintelligenz, Selbstvertrauen und Eigenverantwortung. Kurz gesagt: Gute Trainer/innen im Nachwuchsbereich sind Entwicklungsbegleiter. Sie kennen nicht nur Spielsysteme, sondern auch Menschen. Sie stellen nicht sich selbst in den Mittelpunkt, sondern ihre Spieler/innen – und geben ihnen das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden.

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Die Rolle der Eltern – Zwischen Unterstützung und Überforderung

Wenn wir über realistische Ziele im Kinder- und Jugendfußball sprechen, dürfen wir eine Gruppe nicht ausklammern: die Eltern. Sie sind – im positiven wie im negativen Sinne – ein entscheidender Faktor dafür, wie sich ein junger Spieler oder eine junge Spielerin entwickelt. Und: Sie meinen es fast immer gut. Das Problem ist nur, dass gut gemeint nicht immer gut gemacht ist. Viele Eltern möchten ihre Kinder fördern, sie motivieren, ihnen helfen, „alles aus sich herauszuholen“. Doch was daraus entsteht, ist oft das Gegenteil: Druck. Wenn das Gespräch nach dem Spiel nur um Fehler geht, wenn Taktik analysiert wird, als wären wir in der Champions League, oder wenn die Frage kommt, warum das eigene Kind „schon wieder“ nicht durchgespielt hat, wird der Spaß am Spiel zur Nebensache. Kinder fühlen sich nicht ernst genommen, sondern wie kleine Leistungsträger, die Erwartungen erfüllen müssen. Dabei brauchen sie etwas ganz anderes: Vertrauen, Verständnis und Rückhalt. Wer als Elternteil realistische Ziele fördern will, sollte sich fragen:

  • Geht es mir gerade um mein Kind – oder um meine eigenen Wünsche?

  • Kann ich mich auch über kleine Fortschritte freuen, unabhängig vom Ergebnis?

  • Was sendet mein Verhalten am Spielfeldrand eigentlich für ein Signal?

Eltern, die ihre Kinder ermutigen, loben, trösten und begleiten – ohne zu bewerten –, schaffen eine stabile Basis. Und genau die brauchen junge Spieler/innen, um sich sportlich und persönlich zu entwickeln. Trainer/innen und Vereine tun gut daran, Eltern mitzunehmen: mit kurzen Gesprächen, klarer Kommunikation und Einblicken in das Trainingskonzept. Wer erklärt, warum Entwicklung wichtiger ist als Tabellenplätze, kann viel Missverständnis vorbeugen. Denn die meisten Eltern wollen das Beste für ihr Kind – sie müssen nur verstehen, was das im Fußballkontext tatsächlich bedeutet.

Teamgeist und Motivationssprüche im Fußball

Vereinsstrukturen und langfristige Entwicklung – Der Rahmen macht den Unterschied

Ein einzelner Trainer kann noch so engagiert sein – wenn die Vereinsstruktur nicht mitzieht, stößt gute Entwicklungsarbeit schnell an Grenzen. Um realistische Ziele im Kinder- und Jugendfußball zu ermöglichen, braucht es nicht nur kompetente Trainer/innen, sondern einen Verein, der Entwicklung auch wirklich will – und fördert. Viele Breitensportvereine orientieren sich noch immer stark an Spielklassen, Ergebnissen oder der Außendarstellung ihrer „Erfolgsteams“. Doch echte Nachwuchsarbeit misst sich nicht an der Tabellenplatzierung der U13 – sondern daran, ob Kinder lange im Verein bleiben, sich stetig weiterentwickeln und sich wohlfühlen. Es braucht ein Umdenken: Weg vom kurzfristigen Siegen – hin zum langfristigen Lernen. Was bedeutet das konkret?

  • Altersgerechte Trainings- und Wettkampfformen: Der DFB hat mit der Reform der Wettbewerbsformate im Kinderfußball (z.B. Funino, Kleinfeld) den richtigen Impuls gegeben. Wer im Verein trotzdem weiter auf „große“ Ergebnisse setzt, verpasst die Chance, Kindern den Raum zu geben, den sie brauchen.

  • Trainerentwicklung: Breitensport bedeutet nicht, dass man auf Ausbildung verzichten sollte. Vereine sollten junge Trainer/innen gezielt fördern, Lizenzen unterstützen und den Austausch untereinander ermöglichen. Nur wer weiß, was realistische Ziele sind, kann sie auch vermitteln.

  • Fehlertoleranz und Geduld: Nicht jedes Kind bringt mit 9 Jahren schon eine Top-Technik mit – das ist auch nicht notwendig. Was zählt, ist Entwicklung über die Jahre. Vereine sollten individuelle Wege zulassen, statt starr zu selektieren. Wer zu früh aussortiert, verliert oft Potenzial.

  • Ganzheitlicher Blick: Fußball ist mehr als Technik und Taktik. Vereine, die auch Werte wie Teamgeist, Respekt und Eigenverantwortung fördern, stärken ihre jungen Mitglieder über den Sport hinaus – und genau das ist der Auftrag im Jugendbereich.

Langfristige Entwicklung ist kein Zufallsprodukt. Sie braucht klare Prinzipien, offene Kommunikation und eine Kultur, in der Lernen wichtiger ist als kurzfristiger Erfolg. Wenn ein Verein diesen Rahmen bietet, können Trainer/innen und Kinder ihr Potenzial wirklich entfalten.

Kinderfußball – Realistische Ziele als Schlüssel zu echter Entwicklung

Realistische Ziele im Kinder- und Jugendfußball zu setzen, ist kein „Nice-to-have“ – es ist die Grundlage für nachhaltige Entwicklung. Kinder und Jugendliche kommen in den Fußball, weil sie spielen, sich bewegen und dazugehören wollen. Wer in dieser Phase zu stark auf Leistung, Tabellen und Ergebnisse fokussiert, verliert den wichtigsten Faktor aus dem Blick: die Begeisterung. Trainer/innen, Eltern und Vereine haben gemeinsam die Verantwortung, junge Spieler/innen so zu begleiten, dass sie ihr Potenzial entfalten können – ohne Druck, aber mit klaren Leitplanken. Das bedeutet: altersgerechtes Training, individuelle Entwicklungsziele statt reiner Ergebnisorientierung, Geduld, Offenheit und eine Kultur, in der Fehler erlaubt und Fortschritte gefeiert werden.

Kinder sind keine Profis – und sie sollten auch nicht wie solche behandelt werden. Wer realistische Ziele setzt, denkt nicht nur an das nächste Spiel, sondern an den Menschen hinter dem Spieler oder der Spielerin. Denn am Ende zählt nicht, wer mit 12 die meisten Tore geschossen hat. Sondern wer mit 18 noch mit Freude und Überzeugung auf dem Platz steht – und den Fußball als Teil seiner Persönlichkeit begreift. Und genau dafür lohnt es sich, umzudenken.

Autor: Marius Thomas / Redaktion: Goetz & Media | Sport

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Kinderfußball Ziele realistisch