Alle Jahre wieder

Mit dem erschreckend schwachen 2:4 im DFB-Pokal beim Drittligisten Karlsruher SC nährt der Hamburger SV die Zweifel daran, ob diese Saison tatsächlich besser wird als die vergangene. Nicht wenige Beobachter meinen, dass es für die Norddeutschen noch enger werden könnte als letztes Jahr. Und das hatte der traditionsreiche HSV auf Platz 15 abgeschlossen.

Ein Klassenunterschied, nein, der sei nicht zu erkennen gewesen, urteilte die Hamburger „Morgenpost“, das ebenfalls in der Hansestadt erscheinende „Abendblatt“ unkte hingegen, dass sich der HSV einfach „mal wieder“ blamiert hat. In der ersten Runde im diesjährigen DFB-Pokalwettbewerb gilt das gleich für ein Drittel aller Bundesligisten, sechs Vertreter der höchsten Spielklasse in Deutschland sind nicht mehr dabei. Ein schlechtes Bild haben Bremen, Frankfurt, Fürth und Nürnberg abgegeben, das runderneuerte Hoffenheim hat sich beim 0:4 beim Berliner AK richtig blamiert. Und eben auch der HSV beim Zweitligaabsteiger KSC.

Denkbar knapp war es schon letzte Saison, und wenn sich fortsetzt, was in Karlsruhe am Wochenende zu beobachten war, dann wird es in dieser Spielzeit noch knapper. Dabei wurde die taktische Linie, die Trainer Fink im Badischen vorgegeben hatte, von den Spielern sogar umgesetzt, jedenfalls 25 Minuten lang. Mit dem 1:1 für Karlsruhe, erzielt von Koen van der Biezen nach 31 Minuten, rutschten den Hamburgern dann die Herzen in die Hosen. Die Probleme des Clubs gleichen denen des Vorjahrs so, wie eineiige Zwillinge einander gleichen. Es gibt keinen Spieler, der vorangeht, jedenfalls keinen, der bei den Kollegen glaubwürdig ist. Kapitän Heiko Westermann hatte im letzten Jahr versucht, sich verbal kämpferisch zu geben, doch dann war ausgerechnet er einer der größten Unsicherheitsfaktoren in der Deckung des HSV. Ihm unterliefen Fehler en masse, viele davon führten zu Toren. Das eigene Standing im Team wird durch solche Vorkommnisse nicht eben erhöht.

Probleme aller Art

Ob Fink seinen Kapitän in Karlsruhe deswegen aus der Abwehr auf die Position der Doppelsechs vorzog, wird sich nicht mehr vollständig klären lassen. Ohnehin sind die Probleme eher personeller denn taktischer Natur, denn in einem 4-2-3-1, wie Fink es gegen den Drittligisten praktizieren ließ, braucht es im offensiven Teil der Mannschaft überall torgefährliche Spieler. Marcus Berg und Maximilian Beister hießen die Torschützen gegen den KSC, immerhin zwei Männer aus eben jenem offensiven Mannschaftsteil. Doch ob sie so schnell an die Klasse von Mladen Petric und Paolo Guerrero herankommen werden, darf bezweifelt werden. Marcell Jansen, im linken offensiven Mittelfeld gesetzt, wird sicher auch kein Torjäger mehr.

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Ein echtes Problem dürfte der HSV neben der fehlenden Klasse und der kaum umsetzbaren Taktik allerdings im mentalen Bereich haben. Ja, es waren an die 40 Grad in Karlsruhe, aber das galt eben auch für die Gastgeber. Zudem hatten die Hamburger zwei Mal geführt, mit 1:0 und 2:1, um sich vom wacker kämpfenden Underdog mehrmals den Schneid abkaufen zu lassen. Über weite Strecken war der HSV zu passiv, nach dem 3:2 in der 62. Minute sah es gar so aus, als habe sich Finks Truppe in ihr Schicksal ergeben. Einmal noch kam der HSV nach 80 Minuten zu einer Gelegenheit, dann folgte das 4:2, und am Ende war der KSC näher am fünften Tor als der HSV am Anschlusstreffer. Die Gastgeber kämpften wie die Löwen, die Gäste erstarrten beinahe wie das Kaninchen vor der Schlange. Die Mannschaft scheint nicht gerade aus dem Holz geschnitzt zu sein, aus dem Siegertypen gemacht sind. Fink sagte nach der Pleite, er habe gesehen, woran es gelegen hat, er gelobte Besserung – dabei fehlen den Hamburgern mindestens drei Spieler zu einem vollwertigen Kader.

Vier, Sechs, Zehn, das sind die Hamburger Problemzonen

Da Slobodan Rajkovic aus der Mannschaft geflogen ist, klafft eine Lücke auf der Vierer-Position. Heiko Westermann und Per Skjelbred auf der Doppelsechs sind keine Ideallösungen. Und Son Heung Min auf der Spielmacherposition besitzt nicht die Klasse eines Rafael van der Vaart, den der HSV im Sommer eigentlich verpflichten wollte. Vier, Sechs, Zehn, so lauten die Problemzonen des selbsternannten Bundesliga-Dinos. Für die Innenverteidigung wurde immerhin der Österreicher Paul Scharner geholt, doch ob der den Sprung in die Stammelf schafft, ist offen. So hängt die Umsetzung der Fink’schen Taktik an zu vielen einzelnen Spielern, womöglich muss der Trainer beim Bundesligaauftakt gegen den 1. FC Nürnberg seine taktische Formation überdenken.

Da ist es auch kein Trost, dass es den Club im DFB-Pokal ebenfalls erwischt hat; die Nürnberger sind sogar gegen den Regionalligisten TSV Havelse ausgeschieden, es war eine noch größere Überraschung als die Pleite des HSV. Nominell haben sich die Franken allerdings besser verstärkt als die Norddeutschen, heißen muss das natürlich aber noch lange nichts. Wer am Samstag das „Treffen der Pokalversager“ (Kicker.de) verliert, muss sich bereits einen Fehlstart nachsagen lassen. Sollte es die Hamburger treffen, so haben die einschlägigen Gazetten an der Elbe sicher noch ein paar unschöne Attribute für den HSV bereit.

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