An Stärke weiter dazugewonnen

Borussia Dortmund erweckt derzeit den Eindruck, als sei die Mannschaft nahezu unschlagbar. Doch muss man zweimal hinschauen, um zu verstehen, wo die wahre Stärke des Teams liegt. Und dieser Blick hinter die Fassade zeigt, dass die These von der Unschlagbarkeit vielleicht gar nicht mal so abwegig ist in dieser laufenden Rückrunde.

Die Lage ist für viele Erstligisten in den vergangenen Monaten nicht eben einfacher geworden. Man denke nur an Clubs wie Berlin, Kaiserslautern, Köln oder Hamburg. Und, für viele auf den ersten Blick womöglich etwas überraschend: Auch für Borussia Dortmund spitzt sich die Situation zu. Dabei ist natürlich keineswegs die Tabellensituation gemeint, damit hier keine Missverständnisse aufkommen. Nein, für Jürgen Klopps BVB wird es räumlich eng – und zwar auf dem Platz, in den meisten der letzten Spiele. Begonnen hatte das am 11. Februar, als Dortmund knapp mit 1:0 Leverkusen schlug, es setzte sich fort beim ebenso knappen 1:0-Erfolg in Berlin, dann folgte ein eher souveränes 3:1 über Hannover 96. Richtig eng wurden die folgenden Partien: 2:1 über Mainz, ein 0:0 beim Aufsteiger in Augsburg, dann das knappe 1:0 gegen Werder Bremen, gefolgt vom 1:0 n.v. in Fürth, wobei die Borussia das erlösende Tor erst mit der letzten Aktion vor dem drohenden Elfmeterschießen erzielte. Das jüngste Resultat: ein 6:1 beim Krisenclub 1. FC Köln.

Dieses letzte Spiel, es sieht auf den ersten Blick aus wie ein Befreiungsschlag, und vielleicht war es auch einer. Wobei: Zur Pause hatte es nur 1:1 gestanden gegen clever verteidigende Kölner, die die Dortmunder zudem mit gefährlichen Angriffen reizen konnten. Jene erste Halbzeit geriet für Dortmund zu einem Déjà-vu-Erlebnis der vorangegangenen Wochen; immer öfter verteidigte der Gegner ziemlich tief und eher mit Mann- denn mit Raumdeckung, Dortmund tat sich schwer und verdankte seine Siege fast immer genialen Einzelaktionen (Shinji Kagawa, Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski, Ilkay Gündogan). Die Partien liefen für die Schwarz-Gelben fast immer recht schwerfällig, doch es ist verblüffend, dass Dortmund all seine Rückrundenpartien mit Ausnahme des Remis in Augsburg trotzdem gewonnen hat. Was aber ist der Grund dafür?

Die wohl größte Stärke des BVB: die taktische Flexibilität

Auf der einen Seite scheint es vielen gegnerischen Teams so zu gehen, dass sie gegen Dortmund zwar effektiv verteidigen und die Räume in der eigenen Hälfte eng machen. Das unterbindet den Kombinationsfußball der starken Dortmunder Offensivabteilung zwar – doch die Kehrseite der Medaille ist, dass die Gegner aufgrund dieses enormen Aufwands viel zu wenig für ein eigenes Offensivspiel tun können. Mit ein Grund dafür mag sein, dass nahezu jede Mannschaft, die auf den BVB trifft, großen Respekt vor den überfallartigen Kontern hat, die die Borussia nach Balleroberung fahren kann (wie dann jüngst in der zweiten Halbzeit in Köln wieder zu sehen war). Doch des Meisters wohl größte Stärke in dieser Saison ist die schon beinahe unheimlich scheinende taktische Flexibilität, mit der Jürgen Klopp in seiner Analyse in der Pause reagieren kann – und die die Mannschaft danach immer auf den Platz bringt.

Beziehungsweise bringen muss, wenn es – wie in Köln, in Fürth oder in Berlin zur Pause remis steht. Nur in Augsburg hat das nicht ganz funktioniert, und in den anderen genannten Partien hatte der BVB stets bereits zur Halbzeit knapp geführt, um dann eine weitere dazugewonnene Stärke der laufenden Saison zu demonstrieren. Diese besteht darin, eine knappe Führung über die Zeit zu bringen, ganz so, wie man es früher vom FC Bayern gewohnt war. Doch es gibt einen Unterschied: Die Dortmunder können schlecht verwalten. Sie spielen immer in Richtung des gegnerischen Tors, allein die Verwertung der vielen Chancen ist mitunter mangelhaft.

Die Spielfreude ist zurück

Es ist ein wenig müßig, zu spekulieren, ob Dortmund mit diesen neuen Qualitäten, hätte die Mannschaft schon in der Vorrunde darüber verfügt, etwa auch eine reelle Chance in der Champions League gehabt hätte. Doch wer gesehen hat, wie die Mannschaft Olympique Marseille zwei Mal an die Wand gespielt hat und vor lauter Ungeduld das Verteidigen vergessen hat, der könnte zu dem Schluss kommen, dass zumindest die Chance auf ein Weiterkommen realistisch gewesen wäre. So jedoch hat Klopp die taktischen Schwächen seiner Truppe in der Winterpause analysiert und verbannt. Aus diesem Grund ist die Erfolgsserie des BVB auch mitnichten ein Produkt des Zufalls, was Anhänger des FC Bayern München wohl eher nicht so gern hören dürften. Denn schließlich müsste wohl viel passieren, wenn die Dortmunder in den letzten sieben Spielen ihre neu gewonnenen Qualitäten einfach so wieder verlernen sollten.

Dazu kommt erschwerend, dass die zweite Halbzeit von Köln der Borussia etwas zurückgebracht hat, was ein wenig verloren gegangen schien: die nahezu unbändige Spielfreude und vor allem die Unbekümmertheit. Die Mannschaft weiß jetzt, wie sie sich aus unangenehmen Situationen befreien kann, und zwar aus eigener Kraft, und sie weiß immer noch, wie sie die Defensive des Gegners filetieren kann. Das dürfte für den Ausgang der laufenden Spielzeit enorme Bedeutung haben. Und was der Konkurrenz aus dem Süden ebenfalls zu denken geben dürfte: Demnächst, vermutlich schon am Freitag gegen den VfB Stuttgart, wird auch Mario Götze zurückkehren in den Kader und dann wohl auch bald auf den Platz. Gerade zum für die Borussia richtigen Zeitpunkt, jetzt, wo die Mannschaft ihre Spielfreude wieder gefunden hat.

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