Auch aus Eigennutz

Jetzt ist es doch passiert: Pep Guardiola bricht sein Versprechen und wildert im Revier seines Ex-Vereins, von dem er Thiago Alcántara zu den Bayern holt. Die Mannschaft wird taktisch so noch flexibler, allerdings müssen arrivierte Kräfte nun um ihre Plätze bangen.

Selten ist der Transfer eines international bekannten und wichtigen Spielers zu einem Verein schneller über die Bühne gegangen als der Wechsel von Thiago Alcántara, Sohn des brasilianischen Weltmeisters (1994) Mazinho, aus Barcelona nach München. Innerhalb von drei Tagen ging der Wechsel über die Bühne. Thiago fühlte sich in Barcelona unterschätzt, an Xavi, dem alternden Regisseur, kam er in den wichtigen Spielen noch nicht vorbei. Darum der Wechsel – der aber auch dem Umstand zu verdanken ist, dass er in München jetzt unter seinem Förderer Guardiola arbeiten und spielen wird.

Thiago Alcántara ist vermutlich einer der besten Fußballer Europas, der keinen Stammplatz in seiner Mannschaft hatte. Dass er einen bei den Bayern bekommt, ist allerdings auch nicht sicher; zu groß ist die Konkurrenz im Mittelfeld mit Thomas Müller, Javi Martínez, Mario Götze, Franck Ribéry, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Arjen Robben, Emre Can, Xherdan Shaqiri und Pierre-Emile Höjbjerg. Sicher – der Kader muss breit genug sein, um in allen Wettbewerben so lange wie möglich dabei zu sein, doch das gilt für andere Teams auch. Spieler wie Robben, die sowieso schnell unzufrieden sind, wenn sie nicht jedes Match voll durchspielen, dürften ins Grübeln kommen, ob aufgrund des Neuzugangs überhaupt noch Platz im Team ist.

Verlängerter Arm des Trainers?

Doch die eigentlichen Adressaten dieser Frage sind an anderer Stelle zu finden. Sie heißen Mario Mandzukic und Claudio Pizarro. Denn Guardiola favorisiert eine taktische Variante, die „falsche Neun“ heißt, ein Spielsystem ohne den klassischen Mittelstürmer. Dazu benötigt es dribbelstarke und torgefährliche Spieler, und dass mit Mario Götze und nun Alcántara gleich zwei äußerst prominente Neuzugänge im Kader sind, ist für die genannten Mittelstürmer keine gute Nachricht. Denn Thiagos perfekte Technik macht ihn auch auf engstem Raum abschluss- und passsicher. Und wenn er in hohem Tempo mit dem Ball am Fuß auf den Gegenspieler zuläuft, hat dieser meistens das Nachsehen – Thiagos enge Ballführung macht es möglich. Die Barça-Schule eben.

Ganz uneigennützig ist der Transfer gleichwohl für Pep Guardiola nicht. Nach allem, was bisher nach außen dringt, haben viele erfolgsverwöhnte Bayern-Spieler ein paar Schwierigkeiten damit, dass sie das so erfolgreiche System der letzten Saison jetzt den Wunschvorstellungen ihren neuen Übungsleiters anpassen sollen. Namentlich Daniel van Buyten und Jerome Boateng werden dabei immer wieder genannt. Mit Thiago Alcántara holt sich Guardiola einen Mann ins Boot, den er nach seinen Vorstellungen geformt, der Guardiolas Vorstellung vom Fußball im Blut hat. Er könnte schnell zu Guardiolas verlängertem Arm auf dem Platz werden. Schlechte Nachricht für weitere arrivierte Mittelfeld-Strategen.

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