Das Händchen des Dieter Hecking

Der 1. FC Nürnberg kann nach 24 Spieltagen mehr nach oben schielen, als dass er ängstlich nach unten schauen müsste. Für den „Club“, wie er genannt wird, und seine Anhänger ist das eine tolle Sache. Dahinter steckt allerdings eine Menge Arbeit – ganz besonders die von Coach Dieter Hecking.

Wer ein Fan des 1. FC Nürnberg ist, kennt Licht und Schatten seines Hobbys Fußball ganz genau. Immerhin ist dieser Club der einzige Verein, der im Jahr nach der Deutschen Meisterschaft mal abgestiegen ist, in den späten 60er Jahren war das. Das will schon was heißen. Doch jetzt, zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends, ist Nürnberg zu einer fußballerischen Oase geworden, fast jedenfalls. Für die Anhänger, die Spieler – und überraschenderweise auch für den Trainer. Das war nicht immer so in Nürnberg.

Dieter Hecking ist seit dem 22. Dezember 2009 Cheftrainer bei Frankens Fußballclub Nummer eins; diese Bezeichnung ist erlaubt, so lange Greuther Fürth nicht in der ersten Bundesliga spielt. Die Ruhe, in der Hecking arbeiten kann, hat er vor allem einem Menschen zu verdanken: sich selbst. In Ruhe hat er den „Club“, wie die Fans den Verein nur nennen, zu dem gemacht, was er heute ist. Und der Club steht heute, ungewöhnlich für ihn, auf Platz neun, neun Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz sind es. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn Nürnberg noch hinten hineinrutschen würde. Das Spiel gegen Mönchengladbach steht beinahe sinnbildlich dafür, wie Hecking es geschafft hat, Ruhe in den Verein zu bringen und die Mannschaft mit einem taktischen Konzept auszustatten.

Gladbach mit den eigenen Waffen geschlagen

Dieses Konzept funktioniert in etwa so: Der Club lässt den Gegner kommen, dabei sorgt die engmaschige Defensive dafür, dass vor dem eigenen Tor wenig Unheil angerichtet werden kann. Nach vorn lässt Hecking durch Leute wie Didavi, Chandler, Hegeler, Pekhart und Esswein dann immer mehr Nadelstiche setzen, die den 1. FC Nürnberg gefährlich machen. Gegner, die sich – wie die Gladbacher – den Franken überlegen fühlen müssen und auf drei Punkte aus sind, werden spätestens in der zweiten Halbzeit ungeduldig im Spiel nach vorn, das evoziert Ungenauigkeiten und die Möglichkeit für die Nürnberger, schnell umzuschalten.

Natürlich war das Spiel gegen die von Lucien Favre trainierten Gladbacher, die auf ein ähnliches Konzept setzen und dabei ihre Konterqualitäten allerdings noch stärker einbringen können, fußballerisch nicht der Weisheit letzter Schluss; es attraktiv zu nennen, würde keinesfalls zutreffen. Und dass das späte 1:0 für Nürnberg durch Albert Bunjaku zwangsläufig gefallen wäre, kann man auch nicht mit ruhigem Gewissen behaupten. Und doch: Ein Ballverlust von Gladbachs Arango in der 87. Minute genügte, den entscheidenden Stich zu setzen. Wollscheid eroberte die Kugel und leitete sie schnell weiter zu Esswein. Der zog mit dem Ball am Fuß das Tempo an, ging bis zur Grundlinie durch und passte nach innen, wo der erwähnte Bunjaku goldrichtig stand. Noch nicht viele Teams haben es in dieser Saison verstanden, der Mannschaft vom Niederrhein auf diese Weise den Zahn zu ziehen und sie quasi mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Kaum ein Schritt ohne Plan

Gladbach ließ sich so schlagen, wie Gladbach in dieser Saison andere Mannschaften zu schlagen pflegt: Mit weniger Ballbesitz das Maximum herausholen. Dass der Nürnberger Fußball technisch nicht so ansehnlich ist wie der des letzten Gegners, ist nun einmal so, aber Hecking schafft es in diesem Jahr, dass seine Spieler an sich glauben und alles aus sich herausholen, so abgedroschen das auch klingen mag. Dass er das Händchen für den lange verletzten Bunjaku hatte, dem der erste Treffer seit fast zwei Jahren gelang, kann man natürlich in die Kategorie „Glück“ einordnen. Doch Dieter Hecking macht kaum einen Arbeitsschritt ohne einen Plan, wie es scheint.

„Fußballerisch war es nicht das, was wir uns vorgestellt haben“, wurde Hecking am nächsten Tag in der lokalen Presse zitiert, und doch, es wird ihm ziemlich egal sein, so lange sein Matchplan aufgeht. Der gewissenhafte Arbeiter hat in Nürnberg einen Spielerpool, der sich mit dem Coach identifiziert, und dieser Coach identifiziert sich offenbar mit dem Kader. Wie eingangs schon erwähnt: als Nürnberger weiß man, dass viel Schatten, wo viel Licht. Derzeit jedoch überwiegen die sonnigen Seiten im Mittelfränkischen, wenn man den einstigen Fahrstuhlverein vom Valznerweiher betrachtet. Die Ära Hecking, sie könnte noch eine Weile dauern.

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