Defensiv nicht auf der Höhe

Bei Werder Bremen wissen sie nach 16 Spieltagen noch immer nicht so genau, wo sie eigentlich stehen. Die Mannschaft wird auf jeden Fall nicht auf einem der internationalen Plätze überwintern, so viel steht fest. Die Probleme der Bremer liegen wie fast immer auch in dieser Saison nicht in der Offensive: 28 Gegentreffer nach 16 Spielen sind einfach zu viel.

Vier Siege, zwei Remis, zwei Niederlagen bei einem Torverhältnis von 18:18, so lautet die Bilanz der letzten zehn Ligaspiele der Bremer. 1:4 zuhause gegen Leverkusen verloren, 4:1 in Hoffenheim gewonnen, und nun wieder eine 1:4-Niederlage bei Eintracht Frankfurt – das sind die letzten drei Begegnungen der Werderaner. Neun Gegentore, drei im Schnitt pro Spiel bei einem Punktschnitt von einem. Auf die komplette Spielzeit bezogen lauten diese Zahlen: 1,75 Gegentreffer pro Partie (immer noch viel zu viel), 1,3 Punkte pro Spiel (immer noch viel zu wenig). Sehen lassen können sich immerhin die 27 selbst erzielten Tore, von denen in Frankfurt aber hätten mehr fallen müssen, um die Schwächen in der Defensive zu übertünchen. Wobei diese schwache Defensive in Bremen mittlerweile schon Tradition hat.

Marko Arnautovic dürfte am Samstagabend nicht besonders gut drauf gewesen sein. Der Bremer Offensivspieler hatte erst im Top-Spiel am Abend vier Gegentore bei der Frankfurter Eintracht hinnehmen müssen. Später war der Österreicher dann noch zu Gast im Aktuellen Sportstudio auf dem Lerchenberg, nur etwa 45 Kilometer entfernt von der Frankfurter Arena. Bei sechs Versuchen an der Torwand im Sportstudio traf Arnautovic: null Mal. Sein Herausforderer, ein jüngerer HSV-Fan, schaffte vier Treffer in sechs Versuchen. Nach dem 1:4 bei der Eintracht hatte Marko Arnautovic 0:4 an der Torwand verloren. Dabei war die Niederlage gegen eine zwar starke, aber keineswegs überragende Frankfurter Truppe zuvor eigentlich vermeidbar gewesen.

Konterspiel über de Bruyne

Thomas Schaaf schickte gegen die von Armin Veh trainierten Gastgeber ein 4-2-3-1 auf das Feld, wobei die Doppelsechs von Fritz und Junuzovic gebildet wurde. Hinten verteidigten Selassie und Schmitz außen, Sokratis und Prödl innen, während Arnautovic und Elia die offensiven Außenbahnen bearbeiteten. De Bruyne gab den Zehner hinter der einzigen Spitze Petersen, wobei  die Leihgabe aus Chelsea hin und wieder aufrückte und neben der Leihgabe vom FC Bayern so etwas wie einen zweiten Angreifer bildete. In dem Fall rückten die Außen ein wenig ein, womit sich das Mittelfeld in eine Art Raute verwandelte, die man in Bremen ja noch bestens kennt. Werder wollte das Frankfurter Passspiel von hinten heraus auf diese Art zerstören, doch sobald Frankfurts Sechser Sebastian Rode (Doppelsechs zusammen mit Pirmin Schwegler) einmal den Ball erhielt, kamen seine Pässe zu über 90 Prozent zu einem Mitspieler. Bremen gelang es ansonsten noch ganz gut, die Frankfurter Kombinationen von hinten heraus zu unterbinden. Dafür konnte man über de Bruyne selbst einige Konter inszenieren, bei denen allerdings nichts heraussprang. Nahezu alle gefährlichen Situationen der Gäste entsprangen dem hohen Pressing, das Petersen und de Bruyne sehr gut umsetzten.

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In der zweiten Halbzeit verstärkten die Frankfurter die Offensivbemühungen auf ihrer linken Seite, Bastian Oczipka harmonierte besser mit dem vor ihm postierten Inui, während Werder seinerseits über dieselbe (also seine rechte) Seite konterte, wodurch die Bremer nach einer Flanke von Arnautovic auf Petersein auch das 1:1 erzielten. Dem war eine Flanke von Oczipka auf der Gegenseite vorangegangen, die Alexander Meier verwandeln konnte. Als Frankfurt dann per Doppelschlag nach 63 Minuten auf 3:1 davon zog, wurde es für Bremen schwierig, dennoch gelangen weiterhin einige gute Konter über Arnautovic, Fritz und de Bruyne. Allerdings kamen die notwendigen Kombinationen vor dem Strafraum der Frankfurter eben nicht zustande, ergo konnten die Bremer nicht mehr als diesen einen Treffer von Petersen verbuchen.

Zu leichte Gegentreffer

Obwohl der taktische Kniff von Thomas Schaaf über weite Strecken aufging, nämlich die Eintracht zu einem äußerst umständlichen Aufbau zu zwingen, standen die gar nicht einmal schwachen Gäste am Ende mit leeren Händen da. Warum? Weil ganz einfach die alte Grundregel nicht befolgt werden konnte, dass man nach dem auswärts erzielten Ausgleichstreffer hinten eben auch mal dicht machen und mit einem Punkt in der Fremde zufrieden sein muss. Das 2:1 und das 3:1 für die Eintracht waren zu einfach gefallen: Ein 30-Meter-Schuss von Schwegler, der nahezu unbedrängt abziehen konnte, und der Abschluss im Strafraum von Aigner, bei dem Schmitz zuvor weggerutscht war, besiegelten die siebte Bremer Niederlage in dieser Saison. Nach dem dritten Gegentor steckten die Gäste dann zwar nicht auf, aber es sah immer wieder unkonzentriert und unkoordiniert aus, was da im Offensivspiel ablief.

Das 4:1 in der 90. Minute war dann nicht mehr als die konsequente Fortsetzung der beiden Bremer Spiele zuvor: entweder 1:4 verlieren oder 4:1 gewinnen. Überhaupt haben die Bremer für das Jahr 2012 eine erstaunliche Bilanz aufzuweisen, denn als wohl eine der ganz wenigen Mannschaften hat es Schaafs Team in diesem Kalenderjahr nicht ein einziges Mal geschafft, zwei Spiele in Folge zu gewinnen. Hinzu kommt, dass Werder es nicht versteht, Leistung zu konservieren. Während in Hoffenheim beim 4:1-Erfolg alle Mannschaftsteile gut waren, galt das in Frankfurt zumindest für die Abwehr eben schon wieder nicht. Das ist in der Bundesliga eben meist zu wenig, um auch nur einen einzigen Punkt mitzunehmen. Und am letzten Spieltag vor der Winterpause empfangen die Bremer mit dem 1. FC Nürnberg ein Team, das in der Fremde erst 13 Gegentreffer kassiert hat. Fünf weniger als Bremen. Und insgesamt zwar auch erst 16 eigene Treffer erzielt hat, dafür nur 21 hinnehmen musste – sieben weniger als Bremen. Es könnte am Sonntagabend zu einem knappen Duell kommen im Weserstadion. Aber vielleicht trifft Arnautovic dann ja wieder.

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