Die Bayern geben Rätsel auf

Acht Punkte aus fünf Spielen, das wäre nun gar keine so schlechte Bilanz – wenn nicht die Konkurrenz aus Dortmund, Mönchengladbach und Schalke fünfzehn, dreizehn und zehn Zähler im gleichen Zeitraum geholt hätte. Die Meisterschaft für Bayern ist in Gefahr. Doch auch taktisch und spielerisch entwickelt sich Jupp Heynckes‘ Mannschaft momentan zurück.

Stolz hatte es jener Mensch, der beim SC Freiburg für den Liveticker der Vereins-Homepage zuständig ist, zu einem Teil seiner Arbeit gemacht, ein Effenberg-Zitat in den Ticker einzustreuen. Es handelte sich dabei um keine Aussage von „Effe“ aus dessen aktiver Zeit. Nein, Stefan Effenberg war der Sky-Experte an diesem Samstagabend, und er sagte sinngemäß, dass kein Absteiger so spielen würde, wie der SC Freiburg es gegen den FC Bayern tat an diesem Abend. Ein großes Kompliment, doch noch besser war es für den Sportclub, dass sie am Ende mit dem 0:0 tatsächlich einen nicht einkalkulierten Punkt im Breisgau behalten konnten. Für den Rekordmeister war es genau andersrum. Die Bayern brachten statt dem Dreier nur einen Zähler mit nach Hause, sie liegen nun mit einem Punkt Rückstand hinter Mönchengladbach auf Platz drei. Auf den Meister und Tabellenführer aus Dortmund, der trotz einiger verletzter Stammspieler inzwischen auch mittelprächtige bis schlechte Spiele gewinnt, sind es bereits vier Punkte.

Das wäre für das Ego des FC Bayern vielleicht gerade so noch zu verkraften, wenn die Mannschaft die spielerischen Ansprüche erfüllen würde, die an sie gestellt werden, und wenn so berechtigte Aussicht auf Besserung bestünde. Doch davon ist die Mannschaft derzeit weit entfernt. „Pomadig, durchschaubar, nervtötend“, so bezeichnete die Online-Ausgabe der „Berliner Zeitung“ den Auftritt in Freiburg. „Alarmierende Signale“ konstatierten die Kollegen der „Süddeutschen“ online am gleichen Tag. Dabei geriet vor allem der erste Spielabschnitt zum fußballerischen Offenbarungseid. Die Bayern waren den Badenern tatsächlich in jedem Bereich unterlegen, und die Rück- und Querpässe, die in Abwehr und Mittelfeld des Rekordmeisters fabriziert wurden, erinnerten in erschreckender Klarheit an die Zeiten, in denen von der Nationalelf Rumpelfußball vom Schrecklichsten serviert wurde. Ideenlos, ohne Instinkt, ohne Inspiration.

Ballbesitz gewinnt kein Ligaspiel

Die zweite Halbzeit war dann zwar etwas besser – doch noch immer nicht gut genug, dass der FC Bayern einen Sieg verdient gehabt hätte. Arjen Robben war in der Pause für Rafinha gekommen, was das Offensivspiel etwas belebte, und genau an dieser Stelle muss man auch die Aufstellung und die damit verbundenen taktischen Vorgaben von Bayern-Trainer Heynckes hinterfragen. Mal spielt Robben gar nicht, dann wieder von Beginn an, dann wird er zur zweiten Hälfte eingewechselt. Eine klare Strategie ist da nicht erkennbar, zumal der FC Bayern München genau dann immer von Robbens individueller Klasse profitiert hat, wenn das Zusammenspiel in der Offensive stotterte wie Colin Firth als Albert in „The King’s Speech“ – und das ist seit Wochen der Fall. 6:4 Tore in fünf Partien nach der Winterpause und nur zwei von neun möglichen Auswärtspunkten, einer davon beim kriselnden HSV, der andere beim Tabellenschlusslicht Freiburg. Da drängt sich schon die Frage auf, warum Heynckes Robben einmal ins Team hinein- und dann gleich wieder hinausrotiert.

„Alle grundlegenden Elemente haben gefehlt: Leidenschaft, Einstellung, Aggressivität, Laufbereitschaft, aber auch die notwenige Spielanlage, um beim Tabellenletzten dominant und überzeugend zu spielen.“ So lautete die Analyse von Manager Nerlinger, und wenn der Trainer nicht Jupp Heynckes hieße und beim FC Bayern nicht jede Menge Vertrauensvorschuss genösse, er müsste sich Sorgen machen um seinen Arbeitsplatz. 61 Prozent Ballbesitz gewinnen kein Bundesligaspiel. Das ideenlose Spiel, im Zweifel Mario Gomez zu suchen, der dann das Tor machen soll, hat der SC Freiburg früh durchschaut und zu unterbinden gewusst. Und dass die Bayern keinen Plan B in der Tasche haben, wurde schon beim ebenfalls mauen 1:1 in Hamburg zwei Wochen vorher erschreckend deutlich.

Keinerlei taktische Variabilität

Wenn nun Nerlinger sagt, dass „einige nicht kapiert haben, worum es geht“, ist das auch Kritik am Trainer. Heynckes wirkt ratlos, taktisch nicht flexibel, sonst hätte er das System in der 73. Minute geändert, mit Olic einen zweiten Stürmer gebracht und diesen zusammen mit Gomez den Sieg erzwingen lassen. Doch stattdessen ersetzte der Kroate den Deutschen und Heynckes ließ weiter mit nur einer Spitze agieren. Für den SC Freiburg änderte sich dadurch nichts, die Überraschungsmomente ließen also nicht nur die Bayern-Spieler vermissen, sondern auch deren Trainer. Bezeichnend, dass sich die Bayern nach der dicken Müller-Chance kurz vor der Halbzeit keine weitere nennenswerte Gelegenheit erspielen konnten. Und wenn Heynckes, wie er nach dem Spiel sagte, schon vorher gewusst haben will, dass Freiburg „sehr lauf- und kampfstark und hervorragend organisiert“ sei, muss er sich die Frage gefallen lassen, warum er seiner Mannschaft keinerlei taktische Variabilität verpassen konnte oder wollte.

So, wie der FC Bayern sich 2012 bisher präsentiert, muss man davon sprechen, dass sich das Team spielerisch und taktisch eher zurückentwickelt, als den nächsten Sprung zu machen. Wenn in der Champions League nun nicht zufällig „nur“ der FC Basel, sondern ein stärkeres Team warten würde (etwa wie der AC Mailand, Olympique Lyon oder Olympique Marseille, alles starke Zweitplatzierte in der jeweiligen Vorrundengruppe), die Alarmglocken würden schon schrillen. Doch wenn der deutsche Rekordmeister weiter so spielt, wie er es zuletzt getan hat, könnte auch Basel ein gefährlicher Gegner sein, nachzufragen bei Manchester United.

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