Die Europa League spricht Deutsch

Mit Bayer Leverkusen, dem VfB Stuttgart, Borussia Mönchengladbach und Hannover 96 treten vier deutsche Vereine in der zweithöchsten europäischen Spielklasse an. Am Beispiel des VfB zeigt sich, dass vermeintlich stärkere Vereine – in diesem Fall Dynamo Moskau – kaltgestellt werden können.

Vedad Ibisevic wird im Strafraum gefällt, es gibt einen Elfmeter, der eher unberechtigt ist. Er nimmt sich den Ball, tritt an, schießt, der abgewehrte Ball fällt ihm vor die Füße, und diesen Abpraller bringt der Bosnier nicht im leeren Tor unter. Das war im ersten Bundesligaspiel am vergangenen Samstag, Spott und Häme ergossen sich über Ibisevic, eigentlich völlig zu Unrecht, weil der Stürmer in so vielen Spielen trifft. Drei Tage später trifft er in Moskau gegen Dynamo, den Verein des früheren Stuttgarters Kevin Kuranyi, nachdem er das Hinspiel schon mit zwei Toren zum 2:0 für den VfB entschieden hat. Das 1:1 im Rückspiel – Dynamo erzielte noch das 1:1, das keine Folgen mehr hatte – reichte den Schwaben zum Einzug in die Gruppenphase. Dabei dachten sie in Stuttgart, dass Dynamo Moskau das schwerste Los war in der Qualifikation. Doch weit gefehlt.

Doch lag das Weiterkommen des VfB nur an der Schwäche des Gegners? Die Meinungen gehen auseinander, weil die Russen in Stuttgart das Mitspielen verweigerten und nur auf die Defensive setzten. Oder hatte der VfB sich den Einzug in die Gruppenphase verdient, weil er hartnäckig war, im Rückspiel zwar Chancen zuließ, aber auch selbst viel früher hätte führen können? Eine letztgültige Antwort kann es nicht geben, doch beide Spiele haben gezeigt, dass die taktisch reifere Truppe verdient die Ausscheidungsspiele gewonnen hat. Es gab beileibe keinen Schönheitspreis zu gewinnen, schon gar nicht beim Rückspiel in Moskau auf einem unglaublich schlechten Platz. Doch wo steckt nun die gute Nachricht für die anderen deutschen Vereine?

Die deutschen Clubs sind taktisch schon sehr reif

Die Antwort fällt nicht schwer. Es ist der Begriff der taktischen Reife, die nicht nur den Stuttgartern, sondern auch Leverkusen, Gladbach (nach einem knappen Scheitern in der Quali für die Champions League) und Hannover einen Vorteil bringen dürfte im Vergleich mit Vereinen, die nicht gerade aus Spanien, England oder Italien sind. Bleiben wir für dieses Beispiel aber dennoch in Russland, denn Dynamo Moskau war in der letzten Saison nur von Champions League-erprobten Clubs wie St. Petersburg oder Spartak Moskau abgehängt worden, während der VfB Teams wie das international völlig unerfahrene Mönchengladbach vorbeiziehen lassen musste.

Auch, wenn die beiden VfB-Spiele nicht eben ein Augenschmaus waren – taktisch hat die Truppe von Trainer Bruno Labbadia sich nahezu perfekt verhalten. Im Hinspiel lange gewartet, Dynamo müde gespielt, um dann zwei späte Tore zu schießen, im Rückspiel den nötigen Auswärtstreffer als letzten Grundstein für das Weiterkommen erzielt, bei allem fehlenden spielerischen Glanz muss ein Trainer damit zufrieden sein. Die Mannschaft hat sich erwachsen gezeigt, reif, den Anforderungen internationalen Standards gewachsen, und es spricht wenig dagegen, dass nicht auch Bayer 04, Gladbach und das im Vorjahr weit gekommene Hannover ähnlich agieren könnten. Der Vorteil liegt bei den meist noch jungen, aber taktisch exzellenten Trainern dieser Clubs.

Die Gruppenphase überstehen, dann sieht man weiter

Vier deutsche Vereine also treten nun wohl an in der Europa League (das Rückspiel-Ergebnis von Hannover 96 war bei Redaktionsschluss dieses Artikels noch nicht beendet, das Hinspiel hat 96 auswärts in Breslau 5:3 gewinnen können), wenn alle nur halbwegs das abrufen, was sie in taktischer Hinsicht draufhaben, können sie weit kommen. Der deutsche Clubfußball ist international auf Augenhöhe, was kein Seitenhieb gegen die Nationalelf sein soll; man sieht das am Abschneiden der Teams in den letzten Jahren.

Für alle Mannschaften muss es das Ziel sein, die Gruppenphase zu überstehen, möglichst als Erster, um schweren Gegnern in der Runde der letzten Sechzehn aus dem Wege zu gehen. Dass das funktionieren kann, hat unter anderem der VfB vor zwei Jahren gezeigt, der dann allerdings an Benfica Lissabon scheiterte – nicht eben Laufkundschaft, aber auch keine Übermannschaft. Es spricht jedoch einiges dafür, dass die deutschen Vereine in diesem Jahr aufgrund ihrer taktischen Finesse auch höher eingeschätzte Gegner aus dem Weg räumen können. Der VfB Stuttgart hat damit den Anfang gemacht.

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