Die interne Kehrseite

Drei Jahre ist es nun her, dass die TSG Hoffenheim mit frischem und offensivem Fußball Herbstmeister geworden ist. Doch das seinerzeit von Ralf Rangnick etablierte Konstrukt wackelt, und der frühere Pauli-Trainer Holger Stanislawski hat kein Rezept dagegen.

Der Mann trägt einen jener inoffiziellen Titel, die für eine gewisse Klientel im Fußball bedeutender sind als viele offizielle Titel wie etwa „Deutscher Meister“, „Champions League-Sieger“ oder „Weltmeister“. Da es für einen Anhänger des FC St. Pauli höchst utopisch ist, dass Spieler seines Vereins einmal die Meisterschale, den Siegerpokal der Champions League oder die WM-Trophäe in die Luft strecken, gilt am Millerntor jenes von den Sanktpaulianern selbst ersonnene Hoheitszeichen des „Weltpokalsiegerbesiegers“ als größte Auszeichnung – und Holger Stanislawski darf sich seit dem 6. Februar 2002 also so nennen. Weltpokalsiegerbesieger. Er hatte mit seinem Club den Weltpokalsieger Bayern München in einem Bundesligaspiel mit 2:1 bezwungen.

Am Ende der Saison stieg St. Pauli in die zweite Liga ab, genau wie am Ende der Saison 2010/11, der Trainer der Hamburger hieß Stanislawski, doch er hatte den Club aus den Niederungen der Regionalliga zuvor in die Bundesliga geführt. Ein Kiez-Idol war er geworden, und dann folgte er einer Verheißung mit dem Namen TSG Hoffenheim. Die Verheißung hieß: neues Image für Stanislawski, ein größerer finanzieller Spielraum bei der Zusammensetzung der Mannschaft und die Aussicht auf die Teilnahme am internationalen Fußball. Nach einem knappen halben Jahr im Kraichgau ist Stanislawski mit seiner Mannschaft von diesen Verheißungen relativ weit entfernt. Ziemlich weit sogar.

Hart, fair und mitreißend

Diese Mannschaft besteht aus einem Haufen sehr guter Fußballer. Chinedu Obasi. Vedad Ibisevic. Sejad Salihovic. Roberto Firmino. Peniel Mlapa. Und natürlich Ryan Babel. Das Problem dabei ist, dass allesamt Individualisten sind, die ein Trainer auf eine gemeinsame taktische Linie zu bringen hat. Nach einem guten Start in die Saison dachte man, dass sich Hoffenheim unter Stanislawski vielleicht weiter oben würde positionieren können, die Spielanlage stimmte und verhalf den Badenern zu einer guten Punkteausbeute. Dass die TSG inzwischen auf Platz zehn steht, ist eine beinahe unzureichende Bestandsaufnahme. Aus den letzten fünf Spielen gab es gerade einmal zwei Punkte, jeweils einen in den beiden Heimspielen gegen die Abstiegskandidaten aus Kaiserslautern und Freiburg. Beide Partien endeten 1:1 – in beiden lag Hoffenheim zur Halbzeit mit 1:0 in Führung.

Stanislawski gilt als ein Trainer, der zwar hart sein kann, dabei jedoch immer fair ist – und der eine Mannschaft mitreißt. Jedenfalls dann, wenn sie an ihn glaubt. Genau danach sah es zu Beginn der Saison auch noch aus, aber inzwischen muss etwas passiert sein, das den Glauben an des Trainers Fähigkeiten innerhalb der Mannschaft erschüttert hat. Davon zeugen auch Disziplinlosigkeiten. Chinedu Obasi und Roberto Firmino waren zu spät zum Training erschienen, Stanislawski sah sich gezwungen, die beiden aus dem Kader für das Spiel in Leverkusen zu streichen. Ein Spiel, das die TSG nach sehr schwacher Leistung dann mit 0:2 verlor. Es könnte sich um erste leise Hinweise darauf handeln, dass die Mannschaft ihrem Trainer nicht mehr bedingungslos folgt. Oft der Anfang vom Ende für einen Übungsleiter in der Bundesliga. Offenbar hat der anfängliche Erfolg der Mannschaft unter dem neuen Trainer intern eine Kehrseite. So flammten etwa in den vergangenen Wochen oft vehemente Diskussionen um die Aufstellung von Vedad Ibisevic auf. Der hatte am zehnten Spieltag gegen Mönchengladbach das entscheidende 1:0 markiert, am elften Spieltag gegen Kaiserslautern getroffen, blieb dann zwei Mal ohne ein Tor und musste die Partie gegen Freiburg am 14. Spieltag bis auf die letzten sechs Minuten von der Bank aus betrachten. Jetzt, in Leverkusen, wurde er auch erst in der 73. Minute eingewechselt. Immerhin ist er der Stürmer, der zwei der letzten drei Hoffenheimer Treffer erzielte. Setzt man so einen auf die Bank?

Immer die gleichen verbalen Versatzstücke

Das kann letzten Ende nur Holger Stanislawski wissen und beurteilen. Dass er sich mit solchen Entscheidungen nicht nur Freunde macht, muss ihm klar sein. Was allerdings wirklich gegen den Trainer spricht, ist der Umstand, dass er seit fünf Spielen im Interview danach mit den gleichen verbalen Versatzstücken hilflos die Wende heraufbeschwört, die seinem Team schon bald gelingen werde. Er erweckt dabei nicht eben den Eindruck, als ob er selbst daran glauben würde.

Noch ist es nicht soweit, dass sich auch die Stimmung im Stadion gegen Stanislawski dreht. Doch wenn nicht bald etwas passiert, ändert sich so etwas oft auch rasant. Es tut sich der Eindruck auf, dass die Sollbruchstelle im System Hoffenheim gar nicht Dietmar Hopp ist oder ein überehrgeiziger Ordner, der gegnerische Fans mit hochfrequenten Piepstönen malträtiert. Sondern dass die Besetzung des Trainers wie überall anderswo auch die entscheidende Frage für einen Fußballclub ist (vom Kader einmal abgesehen). Nach dem Abschied von Ralf Rangnick hat erst Marco Pezzaiuoli erfolglos versucht, die Hoffenheimer zu trainieren (nur ein Sieg aus acht Spielen), und nun also Stanislawski. Noch hat er einen Bonus bei Manager Tanner, der die Suspendierung der beiden Profis vor dem Spiel in Leverkusen voll mitgetragen hat. Wenn die Erfolgskurve in Hoffenheim jedoch noch flacher wird, muss Stanislawski ernsthaft um seinen Job fürchten. Der Titel „Weltpokalsiegerbesieger“, der auf St. Pauli alles zählt, bringt ihm in Hoffenheim nun mal überhaupt nichts.

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