Die Rechnung geht nicht auf

Einsam zieht der FC Bayern zur Länderspielpause seine Kreise in der Liga, während sich der HSV erholt, Frankfurt zum ersten Mal verliert und der BVB und Schalke um den Anschluss nach ganz oben kämpfen. Wolfsburg und Fürth enttäuschen bisher – wie auch der VfB Stuttgart. Dort kann Trainer Bruno Labbadia nach dem 2:2 gegen Leverkusen nicht an sich halten und geht in der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen die Medien vor. Was ist los in Bad Cannstatt? Eine Bestandsaufnahme.

Sieben Spiele, sechs Punkte, ein Sieg, Platz 15. So liest sich nüchtern die Bilanz, die der VfB Stuttgart in der Liga bis dato vorzuweisen hat. Nicht eben berauschend und weit von dem entfernt, was der Anspruch des Publikums ist, das in Stuttgart traditionell schnell kritisch wird. Nach den bisherigen Spielen ist das den Zuschauern noch nicht einmal zu verdenken. Zwar ohne namhafte Zugänge, dafür mit einer eingespielten Mannschaft ging der Club in die Saison, was u.a. auch Cheftrainer Bruno Labbadia oft genug betont hatte. Doch nach teils unterirdischen Leistungen wie bei den Bayern (1:6) oder gegen Hoffenheim (0:3) stellt sich die Frage: eingespielt? Eingespielt sieht anders aus. Es wirkt eher so, als müsste Labbadia zahlreiche Neuzugänge integrieren.

Man muss ein bisschen ausholen, um die Lage in Cannstatt zu beschreiben. Der Ex-Porsche-Manager Gerd Mäuser (Präsident) und Aufsichtsratschef Dieter Hundt haben von Labbadia und Manager Fredi Bobic viel verlangt; der Kader wurde extrem verkleinert, die Kosten sind gesenkt worden und Labbadia soll möglichst viele junge Spieler aus der zweiten Mannschaft schnell ins Profiteam integrieren. Dagegen wurde Tim Hoogland für 300.000 Euro ausgeliehen und Tunay Torun kam ablösefrei von der Hertha aus Berlin. Doch von der Vereinsführung wurde so getan, als sei der sechste Platz des Vorjahrs leicht wiederholbar, was im Umkehrschluss heißt, dass der Druck auf Labbadia ungleich stärker geworden ist. Das Problem ist aber, dass diese Rechnung kaum aufgehen kann; die Wutrede des Trainers wäre verständlich, hätte sie sich ausschließlich diesem Thema gewidmet. Doch dann wäre der gebürtige Darmstädter seinen Arbeitsplatz wohl los gewesen.

Was ist mit den Transfererlösen passiert, fragen sich viele

Weil sich Labbadia aber gegen die lokale Presse eingeschossen hat, drängt sich der Eindruck auf, dass er von den wahren Problemen ablenken wollte. Diese sind einfach benannt. Der Trainer schafft es nicht, die vermeintlich eingespielte Truppe so einzustellen, dass spielerische Automatismen greifen. Er schaffte es bis vor dem Leverkusen-Spiel nicht, den extrem schwachen Hajnal aus dem Team zu nehmen und ihn durch den derzeit viel stärkeren Holzhauser zu ersetzen, obwohl der in dieser Saison schon mehrfach angedeutet hat, zumindest nicht schlechter zu sein als der kleine Ungar Hajnal. Er schafft es nicht, der Abwehr Stabilität zu verleihen. Und er schafft es nicht, wenigstens das Nervenkostüm der Leistungsträger zu schonen, wenn sogar schon dem sonst so sicheren Torwart Sven Ulreich grobe Patzer unterlaufen wie vor dem 0:1, als er Leverkusens Kießling den Ball nach einer Flanke maßgerecht vor die Füße boxte.

Trainingshilfen für das Koordinationstraining

Die Spieler sind komplett verunsichert, doch hat der Trainer andererseits kaum Alternativen, auch weil sich eine ganze Reihe Verletzter zu den übrigen Problemen gesellen, etwa Kapitän Serdar Tasci. Zudem fehlten Vedad Ibisevic nach einer Rot-Sperre bereits in zwei Spielen und Martin Harnik (gelb-rot) in der Partie gegen Hoffenheim. Die Anhänger fragen sich, warum der VfB von jenen knapp 80 Millionen Euro, die allein der Verkauf von Spielern seit 2009 eingebracht hat (Gomez, Khedira, Träsch, Leno, Schieber etc.), lediglich knapp neun für zwei namhafte Spieler (Vedad Ibisevic und William Kvist) reinvestiert hat. Und sie fragen sich, warum die Vereinsführung nach außen nicht klar kommuniziert, dass nun Sparen angesagt und das Saisonziel nur ein Platz im Mittelfeld der Tabelle ist.

Ein schwieriger Balanceakt

Zugegeben: Es lässt sich nicht logisch ableiten, welches Problem die Folge welchen Missmanagements ist. Zurzeit lässt sich allerdings feststellen, dass die sportliche Verantwortung bei Bruno Labbadia liegt, und so, wie sich die Mannschaft derzeit präsentiert, muss man sagen, dass vor allem den Trainer Schuld trifft an der aktuellen Situation. Mit den Spielern, die er zur Verfügung hat, stellte das VfB die drittbeste Rückrundenteam der vergangenen Saison – hinter Dortmund und den Bayern, aber vor Schalke, Leverkusen und Mönchengladbach. Ob sich aus den vergangenen beiden Spielen, in denen die Schwaben vier Punkte holten, ein Aufwärtstrend ableiten lässt, ist fraglich, die kommenden Gegner haben es in sich. Zunächst geht es nach der Länderspielpause zum HSV, dann kommt mit Eintracht Frankfurt der stärkste Aufsteiger nach Stuttgart, bevor der VfB in Dortmund gastiert und dann Hannover empfängt. Immerhin müsste die Mannschaft nun nach zwei nicht verlorenen Ligaspielen in Folge ein wenig mehr Selbstvertrauen haben.

Das allerdings hatte man in Bad Cannstatt nach dem schwachen 0:0 gegen Düsseldorf und dem starken 2:2 in Bremen vor zwei Wochen schon einmal vermutet – doch gegen Hoffenheim brach der VfB nach dem frühen 0:1-Gegentor völlig in sich zusammen. Einfachste Ballverluste in der Abwehr, völlig falsche Laufwege im Mittelfeld und katastrophale Fehlpässe in der Vorwärtsbewegung waren die Folge, die Mannschaft hatte nicht den Hauch einer Vorstellung davon, wie sie sich taktisch verhalten sollte. Doch auch, wenn Labbadias Presseschalte in Teilen sicher berechtigt war (auch die Medien in Stuttgart sind traditionell kritisch), das taktische Verhalten liegt allein in seiner Verantwortung. Nur, wenn sich in dieser Kategorie positive Entwicklungen zeigen, gepaart mit akzeptablen Ergebnissen, dürfte er in Stuttgart noch eine Zukunft haben. Das wird ein schwieriger Balanceakt.

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