Ein schwieriger Spagat

Fußball und Freiburg, dieses Begriffspaar stand in den vergangenen zwei Jahrzenten für unaufgeregtes Arbeiten, für Kontinuität und für Beschaulichkeit. Doch diese Zeiten scheinen vorbei. Der SC Freiburg spielte eine sehr schlechte Vorrunde – und hat im Winter mit dem eisernen Gesetz gebrochen, niemals den Trainer zu feuern. Versuch einer Analyse.

13 Punkte hat der SC Freiburg in der Vorrunde eingesammelt. Die Tordifferenz steht bei minus 18, drei Punkte und zehn Tore sind es auf den Relegationsplatz, gar fünf Punkte auf Platz 15, den man allgemein als das rettende Ufer bezeichnet. Die Situation ist für die Breisgauer nicht neu. Schon öfter lag der Sportclub am Ende einer Bundesliga-Hinserie auf einem der hinteren Tabellenplätze. Schon öfter haben die Freiburger in der Bundesliga vom Gegner zwar Komplimente erhalten, aber kaum Punkte. Dabei sind die Probleme der Freiburger hausgemacht, wie sich gezeigt hat.

Er „glaube nicht, dass taktische Dinge in dieser Partie entscheiden werden“, ließ sich Marcus Sorg am 28. Oktober 2011 in der „Badischen Zeitung“ vor dem Spiel gegen Bayer 04 Leverkusen zitieren. Der entscheidende Faktor sei vielmehr, dass die Einstellung seiner Spieler stimme, hieß es in dem Artikel weiter. Die Zeitung kam dem Trainer sogar mit dem Satz zu Hilfe, dass Sorg aufgrund von „Form und Fitness seines Kaders momentan gar nicht in der Lage ist, taktisch ausufernd zu variieren“. Das mag so gewesen sein, doch: einerlei. Wenn Form und Fitness nicht stimmen, gibt es dafür genau einen Verantwortlichen, und das ist nun mal der Cheftrainer. Sorg hatte mit diesem einen Satz die Verantwortung für die Ergebnisse weit von sich gewiesen, indem er behauptete, dass taktische Elemente keine Rolle spielen würden. Bei Freiburgs Sportdirektor Dirk Dufner muss dieser Satz Entsetzen ausgelöst haben.

Das Spiel war zu sehr auf Cissé zugeschnitten

Es hatte im Verlauf der Hinrunde allerdings so ausgesehen, als könnte der SCF mit seinem neuen Trainer – Marcus Sorg hatte vor der Saison den nach Leverkusen gewechselten Robin Dutt ersetzt – weiterhin erfolgreich sein. Jedenfalls in der Vorbereitung. Dann schied der Sportclub in der ersten Runde des DFB-Pokals mit einem blamablem 2:3 beim Drittligisten Unterhaching aus, und in der Bundesliga hatten die Freiburger nach fünf Spielen und einer 0:7-Packung beim FC Bayern erst vier Punkte auf dem Konto. Nach acht Spielen dann sieben Punkte, und in den weiteren neun Partien kamen gerade noch sechs weitere dazu. Das Verblüffende daran war, dass sich alle Medien, ob Fernsehen oder Zeitungen, einig darin waren, dass die Freiburger spielerisch durchaus mithalten konnten.

Dem taktischen Offenbarungseid des Trainers vom 28. Oktober folgte eine 0:1-Pleite gegen die Werkself. Freiburg lag früh im Rückstand, ließ bald jeglichen Rest taktischer Varianten beiseite und bestürmte 88 Minuten lang erfolglos das Tor der Leverkusener. Doch so sehr Sorgs Aussage auch daneben gewesen sein mag: Der Hauptgrund für die Freiburger Krise liegt anderswo. Zum einen in der Defensive, die die löchrigste der Liga ist. Zum anderen in der Tatsache, dass der Stürmer Papiss Demba Cissé nicht mehr so sicher traf wie noch in der vergangenen Saison. Für einen kleinen Club wie Freiburg war dieser Umstand ein echtes Problem, das Offensivspiel war viel zu sehr auf Cissé zugeschnitten. Nun bleibt abzuwarten, wie die Freiburger die Lücke füllen werden, die der Abgang des Stürmers – er wechselt zu Newcastle United – hinterlässt.

Taktische Flexibilität ist nötig

Diese Schwierigkeiten bereiten Marcus Sorg jedoch keine schlaflosen Nächte (mehr). Nachdem der Sportclub noch vor Weihnachten einem seiner Profis fristlos gekündigt und fünf anderen einen Vereinswechsel nahegelegt hatte, wurde zwei Tage vor Silvester auch der Trainer entlassen. Sein Nachfolger ist Christian Streich, der schon lange Jahre in anderen Funktionen beim SCF tätig und zuletzt Sorgs Assistenztrainer war. Doch ob der Klassenerhalt gelingt, muss stark bezweifelt werden, wie auch die „Badische Zeitung“ meint. Bisher habe man in Freiburg neuen Spielern jede Menge Zeit eingeräumt. Die fünf Neuzugänge der Winterpause, darunter zwei Nachwuchsspieler und drei gestandene Profis aus Köln (Sebastian Freis), St. Petersburg und Metz, müssen nun sofort einschlagen. Ein schwieriger Spagat für einen auf behutsamen Aufbau und Kontinuität setzenden Fußballverein.

Christian Streich wird Sorgs Fehler wohl kaum wiederholen und taktische Aspekte vernachlässigen. Gerade die Freiburger Schule, das schon unter Volker Finke geprägte Kurzpassspiel, kommt beim SCF zu kurz. Auch wenn die Umsetzung dieser Spielform noch keinen Erfolg garantiert, so ist es im heutigen Fußball so gut wie unvorstellbar, dass das Spiel mit hohen und langen Bällen dem technisch-taktischen und modernen Fußball von heute auf Dauer überlegen ist. Streich könnte Cissés Fehlen leichter auffangen, als viele womöglich glauben. Das taktische Konzept ist ohne den Senegalesen für viele Gegner vielleicht schwerer auszurechnen, und Sorgs Fehler war es wohl, diesen Umstand nicht in seine Überlegungen einzubeziehen, als er noch Trainer war. Ein variableres System zu installieren, das auch während des Spiels taktische Umstellungen erlaubt, darauf müsste nun das Hauptaugenmerk des neuen Freiburger Trainers liegen. Und dann klappt es vielleicht doch noch mit dem Klassenerhalt.

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