Einer für alle und alle für einen – Mannschaftszusammenhalt und Wettkampfangst

ein Beitrag von Svenja Wolf von der Deutschen Sporthochschule Köln

Im Allgemeinen ist ein hoher Zusammenhalt einer Mannschaft eine gute Sache. Die Spielerinnen und Spieler fühlen sich wohler, sind motivierter und bringen eine bessere Leistung. Auch hinsichtlich der Wettkampfangst, der als Reaktion auf ein bevorstehendes Spiel gezeigten unangenehmen Sorge und Anspannung, belegen Studien an kanadischen Universitäts- und Freizeitmannschaften, dass die Angst der einzelnen Spielerinnen und Spieler umso niedriger ist, je höher sie den Zusammenhalt ihrer Mannschaft wahrnehmen. Das heißt, ein hoher Mannschaftszusammenhalt steht in Beziehung zu einer weniger intensiven und positiveren emotionalen Reaktion auf ein bevorstehendes Spiel. Das ist erfreulich, denn Wettkampfangst reduziert die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden von Sportlerinnen und Sportlern. Selbst übermäßige Vorfreude, das positive Pendant zur Wettkampfangst, kann ja nach Aufgabe – technisch anspruchsvolle Aufgaben leider mehr unter hoher Aktivierung – und persönlicher Präferenz – manche Athletinnen bzw. Athleten bevorzugen eine besonders hohe oder geringe Aktivierung – negative Auswirkungen auf Leistung und Wohlbefinden haben.

Allerdings scheint die Lage nicht ganz so einfach zu sein. So haben neuere Befragungen von Basketball-, Eishockey- und Volleyballmannschaften (sowohl Frauen als auch Männer) ergeben, dass Mitglieder stärker zusammenhaltender Mannschaften sich zwar eher in der Lage sehen die Anforderungen eines bevorstehenden Spiels erfolgreich zu bewältigen, dieses Spiel aber auch als wesentlich wichtiger einschätzen als Mitglieder weniger zusammenhaltender Mannschaften. Die positive Bewältigungserwartung bedingt eine positive emotionale Reaktion (d. h. Vorfreude), welche in Maßen leistungsstabilisierend oder gar leistungsförderlich ist. Die hohe empfundene Wichtigkeit allerdings bedingt eine, von positiver oder negativer Tönung unabhängig intensivere emotionale Reaktion, welche leistungsmindernd ist, wenn sie als Wettkampfangst oder der Aufgabe bzw. Person unangemessen hohen Vorfreude auftritt.

Dass sich Mitglieder stärker zusammenhaltender Mannschaften eher in der Lage sehen die Anforderungen eines Spiels erfolgreich zu bewältigen, ist nachvollziehbar. Mannschaften mit einem hohen Zusammenhalt zeigen ein positiveres Klima, mehr gegenseitige Unterstützung und eine bessere Zusammenarbeit – auf sowie abseits des Feldes. Wie aber ist zu erklären, dass diese Mannschaften ein bevorstehendes Spiel wichtiger nehmen als solche mit geringerem Zusammenhalt? Hier scheint ein Gefühl ganz entscheidend zu sein, das der Unentbehrlichkeit. So empfinden Mitglieder stärker zusammenhaltender Mannschaften zum einen eine höhere gegenseitige Abhängigkeit zwischen sich und ihren Mitspielerinnen bzw. -spielern, d. h., die Unentbehrlichkeit ihrer erfolgreichen eigenen Leistung für eine erfolgreiche Mannschaftsleistung. Zum anderen identifizieren sie sich stärker mit ihrer Mannschaft und deren Leistungen bzw. Ergebnissen, d. h. sie empfinden die Unentbehrlichkeit eines positiven Mannschaftsergebnisses für ihr eigenes positives Ergebnis.

An sich sind auch diese Ergebnisse durchaus gewünscht. Doch sind ein hoher Mannschaftszusammenhalt und die damit verbundene hohe empfundene gegenseitige Abhängigkeit und Identifikation zumindest hinsichtlich der Wettkampfangst ein zweischneidiges Schwert. So sollten Trainerinnen und Trainer ihren Spielerinnen und Spielern im Zweifelsfalle verdeutlichen, dass sie natürlich wichtig für die Mannschaft sind, dieser aber – und das ist ja das Schöne an Mannschaftssportarten – eine schlechte Einzelleistung kompensieren kann und dass ein positives Mannschaftsergebnis nicht allentscheidend ist und trotz einer Niederlage zumeist eine erfolgreiche Einzelleistung identifiziert werden kann und entsprechend anerkannt werden sollte.

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