Frankreich gegen England: Langsam, träge und uninspiriert

Frankreichs Nationalelf ist die bislang größte Enttäuschung des EM-Turniers. Als – mindestens – geheimer Favorit auf den Titel angereist, kommt die Équipe Tricolore im ersten Spiel nur zu einem 1:1 gegen biedere Engländer und spielt dabei auch selbst mehr als bieder. Es ist das bislang schwächste Spiel in diesem Wettbewerb gewesen, und die französische Taktik bleibt mehr als nur eine Antwort schuldig.

Frankreichs Linksverteidiger Patrice Evra sagte nach dem Spiel, dass die Engländer sich ja nur hinten rein gestellt hätten, etwa so, wie es der FC Chelsea in den beiden Halbfinals der Champions League gegen den FC Barcelona getan hatte. Ganz von der Hand zu weisen war Evras Einwurf zwar nicht. Aber die französische Mannschaft mit der von Barcelona zu vergleichen an diesem Abend, das war dann doch etwas gewagt. Denn Barcelona ist bekannt für sein intensives Spiel der kurzen Pässe, das vor allem dann funktioniert, wenn jeder einzelne Spieler viel läuft, und das vor allem ohne Ball. Den Franzosen war zwar anzusehen, dass sie vorhatten, genauso zu agieren wie Barcelona, sie steckten sich im Mittelfeld gegenseitig die Bälle zu, allerdings ohne Esprit und ohne Raumgewinn. Denn mit dem Laufen war es bei „les Bleus“ nicht weit her. Es war ziemlich verwunderlich, warum das Aufbauspiel der Franzosen so statisch blieb. Das Wort „träge“ wäre schon fast eine Untertreibung dafür, wie luschig Frankreich auftrat.

Von den Engländern hatte gewiss niemand erwartet, dass sie gepflegt nach vorn spielen würden – von Frankreich allerdings sehr wohl. Die letzten Testspiele gingen die Spieler um Franck Ribéry und Karim Benzema sehr offensiv an, sie rochierten unheimlich viel. Gegen England manövrierten sich eben jener Ribéry und Samir Nasri, der andere hoch talentierte Mittelfeldspieler der Franzosen, immer und immer wieder in Situationen hinein, die eine englische Überzahl in Ballnähe erlaubten. So musste England, nach dem 1:1-Ausgleich durch eben Nasri, der durch einen Fernschuss gefallen war, nicht einmal an seine Grenzen gehen, um die versuchten Kombinationen der Spieler von Laurent Blanc zu stören. Eigene Akzente konnten oder wollten die „Three Lions“ dennoch nicht setzen.

Gegen die Ukraine schon ein Schlüsselspiel, ja, ein Endspiel

Frankreich war mit einer deftigen Bringschuld ins Turnier gegangen, nachdem es bei der WM in Südafrika zu einem Eklat gekommen war, die Mannschaft hatte dem damaligen Coach Domenech schlicht die Gefolgschaft verweigert und schied als Letzter der Vorrundengruppe A hinter Uruguay, Mexiko und Südafrika mit nur einem Punkt aus drei Spielen sang- und klanglos aus. Einen Punkt hat sie jetzt, nach einem Spiel, zwar auch schon, doch schon am Freitag gegen Gastgeber Ukraine steht ein Schlüsselspiel an, wenn nicht gar ein Endspiel. Die Ukrainer bewiesen beim 2:1 gegen Schweden, dass sie flink auf den Beinen sind und mitunter auch kombinationsstark, das könnte die französische Mannschaft vor Probleme stellen.

Die Équipe Tricolore ist gegen England mehr als nur eine Antwort schuldig geblieben, so viel steht fest. Trainer Blanc konstatierte zu Recht, sein Team habe „zu ängstlich“ gespielt – die Frage ist nur: warum? Manche Beobachter führen das auf den großen Namen des Gegners zurück, allerdings ist von den Engländern viel mehr als allein der große Name nicht übrig geblieben. Zudem war es auch den Franzosen in der zweiten Hälfte deutlich anzumerken, dass sie schon früh mit einem Punkt zufrieden waren, einzig und allein Ribéry versuchte zumindest hin und wieder, offensiv etwas in Szene zu setzen. Doch Nasri und vor allem Benzema machten nicht mit, dafür übersah Ribéry ein ums andere Mal den rechts mit aufgerückten besten Franzosen an diesem Abend, Yohan Cabaye. Torchancen gab es so gut wie keine mehr in den zweiten 45 Minuten. Nicht einmal aus der Distanz versuchten es die Franzosen, obwohl Englands traditionelles Torhüterproblem immer noch nicht ganz gelöst scheint. Joe Hart hätte, wäre er ein Spitzentorwart, Nasris Schuss zum 1:1 gehalten. Zudem zeigte er bei hohen Bällen, etwa nach Ecken oder Freistößen, einige Unsicherheiten.

England und Frankreich vertrauen sich selbst nicht

Diese Gruppe D ist also eine Gruppe, die bis zum Ende offen bleiben dürfte. Auch wenn Schweden gegen Gastgeber Ukraine verlor, so können sie gegen England unter Umständen bestehen. Und dass Frankreich die Ukraine schlägt, ist ebenfalls nicht selbstverständlich; die Spieler von Oleg Blochin könnten mit ihrem unbedingten Willen und ihrer extremen Laufbereitschaft neben den Franzosen auch den Engländern arge Probleme bereiten.

Apropos England – hier freuten sich Spieler wie Trainer nach dem wohl unverhofften Punktgewinn zum Auftakt über die Maßen. Mit ein wenig mehr Biss hätten die „Three Lions“ den Gegner an diesem Abend auch bezwingen können, doch dem Spiel der Engländer war klar anzumerken, dass die Mannschaft kein Vertrauen in sich selbst hat (wie Frankreich offenbar sich selbst ebenso wenig vertraut). Ein Sieg gegen die Blauen aber wäre Gold wert gewesen, denn dann hätte die Mannschaft gegen Schweden nicht zwingend punkten müssen. Zumal die Schweden mit ihrer defensiven, wie die der Engländer auf Standards ausgerichteten Taktik der Mannschaft von Trainer Roy Hodgson durchaus Probleme bereiten könnten, Stürmerstar Zlatan Ibrahimovic ist immer für einen Treffer gut. Und das auch gegen die Franzosen.

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