Gehirnschäden bei Kopfball – Ist ein Verbot im Jugendbereich sinnvoll ist?

„Kopfbälle machen doof“ – so die allgemeine Prämisse. Doch ist das wirklich so? Um diese Frage zu klären, beschäftigten sich Forscher damit, was beim Kopfball mit dem Hirn passiert und wie es dabei geschädigt werden kann. Mit Studien ermittelten sie, ob und ab welcher Zahl von Kopfbällen pro Jahr eine Gehirnschädigung zu erwarten ist. In diesem Artikel erfährst du genaueres darüber.

Gehirnschäden bei Kopfball

Was passiert mit dem Gehirn, wenn der Ball geköpft wird?

Wie ein anfliegender Ball beim Fußball zu köpfen ist beschreibt das Lehrbuch wie folgt: Der Spieler konzentriert sich auf den Ball und springt ihm mit gesammelter Kraft entgegen. Um die durch den Aufprall mögliche Schleuderbewegung des Kopfes zu vermeiden, muss er die Nackenmuskulatur anspannen. Idealerweise trifft der Ball auf der Stirn in der Höhe des Haaransatzes auf.

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Für das Gehirn bedeutet ein solcher Schlag einen Schock. Es gerät plötzlich in Bewegung, wobei die Axone, das sind die langen Faserverbindungen der Nervenzellen im Hirn, verletzt werden können. Bei starken Stößen kommt es schlimmstenfalls so weit, dass das Hirn an den Schädelknochen stößt und dabei Blutungen auslöst. Ein hart geschossener Ball übt auf den Kopf einen Druck aus, der dem Gewicht eines Kleinwagens entspricht. Bei einer solchen Wucht sind Gehirnschäden nicht auszuschließen.

Wie und in welchem Bereich wird das Hirn beim Kopfball geschädigt?

Wo das Gehirn durch Kopfbälle geschadet wird hängt ganz davon ab, wie du den Ball annimmst. Ein vorbildlicher Kopfball erfolgt an der Stirn. Hinter dieser sitzt der Teil des Gehirns, den Wissenschaftler als Präfrontalen Kortex bezeichnen. Er ist verantwortlich für das Arbeitsgedächtnis, die kurzzeitige Speicherung von Informationen, die Fähigkeit, unbedeutende Informationen zu unterdrücken und sich kurzfristig auf neue Gegebenheiten einzustellen. Man kann damit sagen, dass ein vorschriftsmäßiger Kopfball sich hauptsächlich auf das Denkvermögen auswirkt. Gehirnschäden an anderen Stellen sind nicht auszuschließen, aber wesentlich geringer als der Schaden an der Stelle, wo der Spieler den Ball annimmt. Wird er an einer anderen Stelle des Kopfes angenommen, beeinträchtigt das andere Bereiche des Hirns. Beispielsweise liegt im Hinterkopf liegt das Sehzentrum und in der Kopfmitte räumliches Denken und motorische Fähigkeiten.

Du hast bereits gelesen, dass durch den Stoß bei Kopfbällen die Axone in Leidenschaft geraten. Ihre Zellmembran wird stark gedehnt oder reißt. Infolge dessen strömen mehr Calciumionen in die Zelle und lassen deren Energieversorgung einbrechen. Je nach Ausmaß der Beschädigung ist nur kurzzeitig die Signalleitung der Nerven gestört oder die Nervenzellen sterben ganz ab. Die Symptome eines solchen Vorfalls gleichem denen eines Schädel-Hirn-Traumas oder einer Gehirnerschütterung: Schwindelgefühle, Kopfschmerzen, Sehstörung und Amnesie.

Lassen sich Gehirnschäden durch Kopfbälle untersuchen und belegen?

Die Mikrostruktur des Nervengewebes im Gehirn lässt sich durch Magnetresonanztomographie untersuchen. Einfach gesagt wird dabei beobachtet, wie sich Wasser im Hirn bewegt. Sind die Nerven unbeschädigt, liegen sie dicht aneinander. Die Wassermoleküle können sich nicht zwischen den Nervenbahnen bewegen. Wenn nun Teile der Nerven geschädigt sind, entstehen Zwischenräume in der Hirnmasse. Dort bewegen sich nun auch Wassermoleküle. Diese freiere Bewegung der Teilchen wird die Tomographie beobachtet und es lassen sich Gehirnschäden und deren Ausmaß bestimmen.

Nun hast du viel darüber gehört, dass durch den Kopfball ein Schaden im Gehirn entsteht. Die Frage ist nun, ob sich das tatsächlich belegen lässt. Dazu hat die Psychologin Petra Jansen Studien durchgeführt, deren Resultate du unter einsehen kannst. In ihrer Studie gab es zwei Gruppen, welche beide Disziplinen im Fußball trainierten: Die eine Gruppe machte Kopfballtraining, die andere übte das Passspiel. Zuvor und im Anschluss wurden von beiden Gruppen Aufmerksamkeit, das visuell-räumliche Gedächtnis und die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit untersucht. Überraschenderweise wurden keine Unterschiede zwischen den Gruppen festgestellt.

Das klingt zwar gut, aber das bedeutet aber erstmal noch nicht, dass Kopfbälle nicht gehirnschädlich sind. Denn in Jansens Studie wurden lediglich die Folgen eines einzigen Trainings untersucht. Aber Fußballer, egal ob im Profi- oder Amateurbereich, setzen sich viele Jahre lang den Strapazen von Kopfbällen aus. In den USA wurde daher eine Langzeitstudie durchgeführt. Diese belegt eindeutig, dass Spieler, die viel köpfen, eine deutlich schlechtere Gedächtnisleistung ausweisen als jene, die nur wenig köpfen.

Doch ab welcher Zahl von Kopfbällen sind Folgen nachweisbar? Änderungen in der Hirnsubstanz entstehen bereits bei 885 bis 1550 Kopfbällen pro Jahr. Die Gedächtnisleistung nimmt nachweislich aber erst ab einer Zahl von 1800 Kopfbällen pro Jahr ab. Die genauen Ergebnisse der Studie sind nachzulesen unter:
http://pubs.rsna.org/doi/abs/10.1148/radiol.13130545

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Vielleicht denkst du jetzt an den bekannten Kopfballspieler Uwe Seeler. Über seine Karriere hinweg absolvierte er unzählige Kopfbälle und verfügt mit seinen 80 Jahren immer noch über eine hervorragende Gedächtnisleistung und Gesprächskompetenz. Doch hier ist es wie bei allem: Keine Regel ohne Ausnahme. Helmut Schmidt, den man nie ohne Zigarette sah, wurde schließlich auch knapp hundert Jahre alt, ohne dabei an Lungenkrebs zu erkranken. Genauso verhält es sich bei Uwe Seeler mit Kopfbällen und seinem Denkvermögen.

Wirken sich Kopfbälle auch langfristig auf die Gedächtnisleistung aus?

Unser Körper ist ein Wunderwerk der Natur. Er schafft es, viele Verletzungen selbst zu heilen. So verhält es sich auch mit Gehirnschäden. Viele Mikroverletzungen verschwinden im Laufe der Zeit wieder. Doch keine Verletzung ohne Narbe: Auch nach vielen Jahren wird in der Gehirnsubstanz noch vernarbtes Gewebe vorgefunden, das die Funktion des Organes beeinträchtigt.

Du hast vollkommen Recht, wenn du sagst, dass sich Sport grundsätzlich positiv auf die Gesundheit und Gedächtnisleistung auswirkt. Das wurde in Studien auch schon belegt. Was aber auch gezeigt wurde, ist dass sich die kognitive Leistungsfähigkeit bei Sportarten mit Schlägen auf dem Kopf wie beim Fußball verringert.
Getestet wurde das an Konzentrations- und Gedächtnistests zusammen mit Vergleichsgruppen, welche Sport ohne Kopfkontakt und keinen Sport trieben. Die Sportler mit Kopfkontakt schnitten grundsätzlich schlechter als die Vergleichsgruppen ab.

Längerfristig bedeutet das Folgendes: Im Vergleich zu altersgleichen Kontrollprobanden ist die Konzentration und das Gedächtnis von Spielern im Profi- und Amateurbereich schwächer. Je nach Ausmaß der Gehirnschäden neigen sie zu Stimmungsschwankungen, Suizidalität und können ihre Impulse schlechter kontrollieren. Diese Symptome werden zusammengefasst als Boxersyndrom. Die wissenschaftliche Bezeichnung dessen lautet demenzähnliche chronische traumatische Enzephalopathie, abgekürzt CTE. Auch bei Spielern, bei denen nie eine Gehirnerschütterung festgestellt wurde, die aber regelmäßig Schläge gegen den Kopf bekamen, konnte schon CTE diagnostiziert werden.

Genetik, Geschlecht, Immunsystem und Empfindsamkeit gegenüber Schlägen entscheiden neben der sportlichen Betätigung natürlich mit über das Verhalten des Gehirns im Alter. Bei letzterem sind Frauen besonders betroffen. In der bereits benannten Studie von Petra Jansen wurde erweisen, dass die Denkleistung von Frauen und Männern gleichermaßen durch Kopfbälle beeinflusst wird. Dennoch klagen Frauen nach dem Fußball öfter über Schwindelgefühle oder Kopfschmerzen. Das hat mit geschlechtsspezifischen unterschieden in Muskulatur und Hormonen und nicht zuletzt mit der Zyklusphase der Frau zu tun.

Gibt es Unterschiede zwischen Amateur- und Profibereich?

Selbstverständlich unterscheiden sich die Gehirnschäden des Kopfspiels beim Fußball im Profi- und Amateurbereich. Ein Profi hat gegenüber dem Amateur eine deutlich besser trainierte Nackenmuskulatur. Diese ermöglicht es ihm, den Kopf beim Aufprall stabil zu halten. Es ist sogar nicht auszuschließen, dass nach einem Kopfball ein Spieler, der Fußball als Hobby betreibt, größere Gehirnschäden als ein Profispieler davonträgt.

Nicht zu vernachlässigen sind die anderen Verletzungsmöglichkeiten im Fußball. Auch bei Zusammenstößen mit einem anderen Spieler wird das Gehirn durch die Erschütterung in Leidenschaft gezogen. Die Folgen sind durch solch eine unerwartete Konfrontation meist größer als die beim vorbereiteten Kopfball. Ein Profisportler kann mit einem solchen Zusammenstoß besser umgehen als der Amateurspieler. Durch erlernte Abrolltechniken oder Ähnliches fällt die Erschütterung bei ihm geringer aus. Nicht zu vergessen ist aber, dass die Stärke der Zusammenstöße beim Profisport größer ist. Fatale Folge wie CTE sind aber nur bei Berufssportlern zu erwarten. Und auch bei ihnen ist das das schlimmste und seltenste Stadium.

Doch was ist nun für einen Amateur-Fußballer die richtige Entscheidung? Den Flankenball lieber als Kopfball oder durch Fallrückzieher annehmen? Für den Spieler, der nur ein- bis zweimal die Woche Fußball spielt, lautet die Antwort: Der Ball kann auch als Kopfball gespielt werden, ohne direkt einen Schaden zu befürchten. Über die Jahre hinweg muss er aber darauf achten, Kopf und Fuß abzuwechseln. Es ist vollkommen in Ordnung, den Ball gelegentlich zu köpfen, denn der Körper hat sich evolutionär auf solche Schläge vorbereitet. Das Gehirn befindet sich im Nervenwasser eingebettet. Dieses kann nicht allzu starke Stöße dämpfen. Schließlich lebte der Mensch früher in der Natur, wo er bei der beispielsweise bei der Jagd immer wieder Schlägen ausgesetzt war. Und auch heute trägst du keine ernsthafte Gehirnschädigung davon, wenn du einmal gegen eine Tür läufst.

Sollten Kopfbälle für Kinder und Jugendliche verboten werden?

Im Angesicht all dieser Fakten denkst du bestimmt gerade darüber nach, ob es nicht sinnvoll wäre, den Kopfball für Kinder und Jugendliche zu verbieten oder zumindest zu kontingentieren. Immer wieder wird diskutiert, ab wann Kopfballtraining im Fußball tragbar ist. Oft wurde vorgeschlagen, erst ab dem 14. Lebensjahr Kopfballtraining zu erlauben. Wissenschaftlich weiß man, dass sich Teile des Gehirns, darunter auch der hinter der Stirn befindliche präfrontale Kortex, bis zum 20. oder 21. Lebensjahr entwickeln. Folglich dürfte ein Training erst ab diesem Alter erfolgen. Ob die Entwicklung aber tatsächlich durch Kopfbälle gehemmt wird, wurde bisher noch nicht wissenschaftlich gezeigt. Gerade weil nachweislich sportliche Betätigung im Kindesalter die Entwicklung der Gehirnfunktion positiv prägt.

In den USA dürfen Kinder beim Baseball zum Schutz ihrer Ellenbogen in einer Saison nur eine maximale Anzahl bestimmter Schläge ausführen. Ist diese Zahl erreicht, dürfen die Spieler diese Schläge nicht mehr ausführen. Eine solche Regelung ließe sich auch für den Fußball aufstellen.

Ein Ansatz ist es, dass Kinder mit einem leichteren Ball spielen. Eine geringere Masse des Balls zieht auch eine geringere Wucht beim Aufprall auf den Kopf mit sich. Außerdem schießen Kinder den Ball auch schwächer, was den Effekt zusätzlich mindert. Dieser Ansatz wird weitestgehend durchgeführt.

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Was lässt sich nun abschließend über den Zusammenhang zwischen Kopfbällen und Gehirnschäden sagen?

Zusammenfassend sollte dir nun klargeworden sein, dass ein Zusammenhang zwischen Kopfbällen oder allgemein harten Stößen und Gehirnschäden besteht. Studien belegen, dass zwar einzelne Trainingseinheiten keine Auswirkungen auf die Gehirnfunktion haben, aber längerfristig dennoch ein Schaden davongetragen wird. Diese ist bei Profisportlern im Allgemeinen zwar größer als bei Amateurspielern, aber dennoch solltest du die Gefahren nicht unterschätzen. Als Hobbysportler ist dein Körper deutlich weniger gegenüber Kopfstößen konditioniert. Mögliche Folgen sind geringere kognitive Leistungsfähigkeit, Gedächtnis- und Konzentrationsschwächen. Schlimmstenfalls sind Stimmungsschwankungen und Suizidalität zu erwarten. So weit kommt es aber nur in den wenigsten und schlimmsten Fällen und eigentlich auch nur im Profisportbereich.

Besonders im Kinder- und Jugendalter sind diese Effekte nicht zu vernachlässigen, denn zu dieser Zeit befindet sich das Gehirn noch in der Entwicklung. Da diese Altersklasse aber schwächer schießt und die Bälle leichter sind, ist schon vieles zum Schutz der Jüngeren getan.

Anderseits steht all diesen doch beunruhigenden Fakten die Tatsache entgegen, dass Sport Gesundheit und Gehirnfunktion fördert. Mit dem Kopfball beim Fußball ist es also wie bei vielem anderen auch: Auf die richtige Menge kommt es an. Dann kannst du guten Gewissens auch mal den Ball mit dem Kopf annehmen, ohne Angst vor einem Gehirnschaden zu haben.

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