Gibt es wirklich entscheidende Zweikämpfe, die über Sieg und Niederlage entscheiden?

Fußball ist ein sehr komplexes Spiel mit einfachen Regeln. Deswegen ist es sehr erstaunlich, dass diese Komplexität, die es zweifellos im Fußballspiel gibt, von Beobachtern und Trainer oftmals auf eine einzige Aktion herunter gebrochen werden kann. Beispielsweise ist bei Gegentoren oftmals davon die Rede, dass eine Mannschaft den entscheidenden Zweikampf verloren habe. Der entscheidende Zweikampf ist in dieser Betrachtungsweise selbstverständlich immer der Zweikampf, der unmittelbar vor dem Tor stattfindet. Meist sind es die Innenverteidiger, die das Pech haben den „entscheidenden Zweikampf“ zu verlieren. Doch ist diese Betrachtungsweise fair und sinnvoll?

Der Weg zum entscheidenden Zweikampf

Damit er überhaupt ein entscheidender Zweikampf unmittelbar vor dem Tor stattfinden kann, muss der Gegner erst einmal in diese Region vordringen. Das geschieht meist nur dann, wenn die verteidigende Mannschaft Fehler macht bzw. Zweikämpfe verliert. Dabei kann es sich durchaus auch um Zweikämpfe in vermeintlich relativ harmlosen Platz Regionen handeln. Wenn ein Mittelstürmer kurz hinter der Mittellinie den Ball verliert, wird das in der Regel nicht als entscheidender Zweikampf angesehen, wenn 30 Sekunden später ein Tor fällt. Ein Spieltheoretiker würde die Sache vielleicht ganz anders bewerten, da er jedes Ereignis in die Betrachtung einbeziehen würde.

„Fehlerkette“ statt „entscheidender Fehler“

Kluge Trainer sprechen häufig von einer „Fehlerkette“ und nicht von „entscheidenden Fehlern“. Das wird der Sache besser gerecht, denn schließlich ist ein verlorener Zweikampf genau genommen gar kein Fehler, sondern ein völlig normales Ereignis. Kein Fußballer auf der Welt ist dazu in der Lage, jeden Zweikampf zu gewinnen. Selbst die besten Abwehrspieler verlieren im Durchschnitt etwa jeden dritten Zweikampf. Deswegen nützt es weder dem Spieler noch der Mannschaft noch dem Trainer, wenn der gesamte Fokus auf dem letzten verlorenen Zweikampf vor dem Gegentor liegt. Es gibt nämlich überhaupt keine Möglichkeit, derartige Einzelereignisse komplett zu vermeiden.

Dahingegen ist es durchaus möglich, Fehlerketten frühzeitig zu unterbrechen. Dazu ist es nämlich oftmals nur nötig, an einer Stelle richtig zu reagieren. Die Fehlerkette würde zum Beispiel auch dann unterbrochen werden, wenn der Innenverteidiger seinen Zweikampf gewinnt. Aber es wäre eben auch durchaus möglich, dass ein anderer Spieler im Team vorher die entscheidende Abwehraktion unternimmt, damit es gar nicht erst zu dieser haarigen Zweikampfsituation in Tornähe kommt. Als Trainer müssen Sie sich deswegen ganz genau fragen, wie Sie mit solchen Gegentoren umgehen. Wollen Sie wirklich durch die Rede vom „entscheidenden Zweikampf“ die ganze Schuld Ihren Innenverteidiger zuschieben?

In einem Mannschaftssport tragen Einzelspieler nie die ganze Verantwortung

Selbst wenn Ihr Innenverteidiger mehrmals durch verlorene Zweikämpfe in prekären Situationen aufgefallen ist, sollten Sie sich davor hüten, den Innenverteidiger alleine verantwortlich zu machen. Das nimmt nämlich auch die Verantwortung von den anderen Spielern, die ebenfalls einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben, dass es überhaupt zu diesen Situationen kommen konnte. Defensivarbeit ist eine Aufgabe der gesamten Mannschaft und wenn ein Innenverteidiger regelmäßig in Situation kommt, in denen ein verlorener Zweikampf zum Torerfolg führt, läuft in Ihrem Team von Grund auf etwas komplett falsch. Darum sollten Sie sich kümmern und nicht um die Schuldfrage.

Einzelereignisse nicht überbewerten

Ein Fußballtrainer sollte sich ein wenig mit Statistik auskennen, denn dieses Wissen hilft dabei, den Fußball Sport etwas nüchterner zu betrachten. Die subjektive Betrachtungsweise hilft im Fußball nur begrenzt weiter. Wenn Sie feststellen, dass Ihr Innenverteidiger eine sehr starke Zweikampfquote hat, aber ein paar wichtige Zweikämpfe verloren hat, gibt es eigentlich keinen Grund, an ihm zu zweifeln. Ganz anders sieht die Sache aus, wenn Ihr Innenverteidiger ein paar wichtige Zweikämpfe gewonnen hat, insgesamt aber eine sehr schlechte Zweikampfstatistik hat. Dann sollten Sie sich wirklich Gedanken machen um den Spieler, denn auf lange Sicht wird sich der statistische Trend immer durchsetzen. Deswegen sollten Sie Einzelereignisse grundsätzlich nicht überbewerten, sondern immer in einem langfristigem Horizont betrachten.

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