Hilflos, schwach, verunsichert: HSV

Der Hamburger SV hat in der Frühphase der Saison erhebliche Probleme – und muss sich die Frage gefallen lassen, ob es bei der Zusammenstellung der Mannschaft einen Plan gegeben hat. Sollte die Antwort ja sein, muss man fragen: Und welchen bitte?

Am vierten Spieltag kommt es in der Bundesliga zu einem Duell der Enttäuschten, zwischen dem Letzten und dem Vorletzten, und dabei ist das nur die halbe Wahrheit. Denn es ist auch ein Duell der bisher absolut Enttäuschenden, was für den 1. FC Köln, vielmehr aber noch für den Hamburger Sportverein gilt. Der nämlich, der HSV, hat Joris Mathijsen, Ruud van Nistelrooy, Tunay Torun, Piotr Trochowski, Eric Maxim Choupo-Moting, Collin Benjamin, David Rozehnal, Jonathan Pitroipa, Zé Roberto und Frank Rost in die Wüste geschickt und statt ihrer ein paar Nachwuchsspieler aus Chelsea verpflichtet, die der neue Sportdirektor Frank Arnesen gleich von seinem vorherigen Club mitgebracht hat. Ein Fünfter Bankdrücker vom FC Chelsea, ein gewisser Slobodan Rajkovic, könnte ebenfalls noch zu Michael Oennings Kader stoßen, glaubt man die Meldungen der einschlägigen Magazine.

Es verwundert sehr, dass sie in Hamburg offenbar überhaupt nicht damit gerechnet haben, in dieser Spielzeit Probleme zu bekommen. Die Erklärungsversuche Arnesens nach der deftigen, wenngleich auch in dieser Höhe verdienten 0:5-Klatsche bei Bayern München fielen reichlich seltsam aus, unfreiwillig komisch fast. Da wurde der starke Gegner gelobt, der einzig und allein für die Niederlage verantwortlich sei, kein einziges Wort des Eingeständnisses eigener Schwäche kam dem Dänen über die Lippen. Für Oenning ist das – zumindest noch – ein gutes Zeichen, aber auch für den HSV tritt bei einer Niederlage im Duell mit Tabellennachbar Köln die höchste Alarmstufe in Kraft.

Zeit schinden beim Stand von 0:5

Die Hamburger, die nur aufgrund eines mehr geschossenen Tores einen Platz vor den Kölnern stehen, wirkten in München völlig kopflos und konfus. In München kann man verlieren, keine Frage; man kann aber auch gegen einen Aufsteiger zuhause gewinnen am zweiten Spieltag, nachdem man sich in Dortmund bei der Saisoneröffnung vorführen ließ. Bei einigen Spielern scheint sich der Verdacht, dass die Bundesliga nicht ganz ihre Kragenweite ist, mehr und mehr zu erhärten, anders ist das erbärmliche Auftreten von Michael Mancienne und Jeffrey Bruma nicht zu erklären – und die sind nur die Spitzen des Eisbergs.

Wer derzeit Heiko Westermann dabei zusieht, wie er seinem Beruf nachgeht, käme, wüsste er es nicht besser, wohl nur schleppend auf die Idee, dass der Mann eben genau mit Fußball sein Geld verdient. Selbst Michael Oenning sagte, als die Demütigung endlich vorbei war: „Wir wussten, dass es in München schwer wird. Aber dass wir so hilflos sind? Das war schon erschreckend.“ Warum er in der Halbzeit nicht reagiert und etwa Eljero Elia gebracht habe, das beantwortete der HSV-Coach sinngemäß so, dass der Kick ja eh schon verloren gewesen sei und er sich die Wechsel lieber für die Schlussphase der Partie aufheben wollte. Um, und das ist kein Witz, „noch ein, zwei Minuten zu gewinnen“ – beim Stand von 0:5. Ob das die richtige Einstellung ist, die ein Trainer seinen Schützlingen vorleben sollte, darf man getrost bezweifeln.

Uns Uwe ist restlos bedient

Zu Oennings Schutz gehört es sich allerdings auch zu sagen, dass weniger der Trainer die Mannschaft zusammengestellt hat als Sportdirektor Arnesen. Der Kader passt Stand heute, 23. August 2011, weder vorne noch hinten zusammen. Der Däne will wissen, dass die neuen alles gute Spieler seien; bis auf Gökhan Töre konnte oder wollte das allerdings keiner der Neuen auf dem Rasen bestätigen. Das Gegenteil ist der Fall: Das, was die Neu-HSVer anbieten, ist schon beinah Mitleid erregend. Doch auch bewährtere Kräfte wie Dennis Aogo, Dennis Diekmeier oder Tomas Rincon blieben neben den oben erwähnten Westermann, Mancienne und Bruma bisher den Beweis schuldig, dass sie aus dem richtigen Holz geschnitzt sind, um in der Bundesliga zu bestehen.

Wenn es so weitergeht in Hamburg, werden wenigstens die örtlichen Brauereien zufrieden sein. Vorausgesetzt, dass es auch der gemeine Fan so macht wie das ewige Idol „uns“ Uwe Seeler. Der sprach nach dem Spiel, er wolle nun schleunigst erfahren, was eigentlich noch für den Trainer spreche; ansonsten wolle er die Kampf- und Hilflosigkeit der Spieler und das Spiel selbst „erst mal verdauen und dieses 0:5 runtertrinken“. Damit dürfte er am Samstagabend ein Weilchen beschäftigt gewesen sein.

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