Immer einen Schritt hinterher

Aus taktischer Sicht kam der 2:1-Sieg gegen Österreich Joachim Löws Vorstellungen entgegen. Das Forechecking, im modernen Fußball auch Gegenpressing genannt, funktionierte hervorragend, man hinderte den Gegner am gepflegten Spielaufbau. Das Problem für den Bundestrainer ist nur, dass all diese Dinge auf die Österreicher zutrafen. Die DFB-Elf agierte in sicherer Entfernung der Löw’schen Vorgaben.

Hin und her hetzte Miro Klose, der 34-jährige Stürmer der Deutschen. Hin und her zwischen Sebastian Prödl und Emanuel Pogatetz, hinüber zu Christian Fuchs und dann quer über den Platz zu Gyoergy Garics. Dann schaute er sich Hilfe suchend nach hinten um, wo Mesut Özil und Marco Reus nur blieben. Sie waren nicht da, halfen dem mutterseelenallein da vorne störenden Stürmer von Lazio Rom nicht dabei, das vom Trainer neuerdings so intensiv eingeforderte Gegenpressing auf die österreichischen Abwehrspieler auszuüben. Früher Ballgewinn mit Torabschluss, das ist es, was Löw vorschwebt, möglicherweise auch geboren durch die taktischen Fehler, die er und die Mannschaft im EM-Halbfinale gegen Italien (1:2) begangen haben.

Also rennt Klose da vorn von der Sturmmitte nach rechts, zurück in die Mitte, hinüber nach links, um den Ball zu erobern. Das beschreibt das ganze deutsche Dilemma vom Dienstagabend in Wien, jedenfalls das Dilemma in Sachen Gegenpressing. Wenn aus der gesamten Offensivabteilung nur maximal zwei Spieler mitmachen beim Versuch, dem Gegner schon an dessen eigenen Strafraum den Ball abzuluchsen (neben Klose bemühte sich lediglich Thomas Müller ab und an, wie überhaupt Thomas Müller ab und an die gesamte Mannschaft mitriss mit seinem dynamischen und kämpferischen Spiel, von dem er in der ARD hinterher sagte, ein großer Zauberer am Ball sei er eh noch nie gewesen), wenn der Rest um Özil, Reus und später dessen Ersatzmann Mario Götze beim Gegenpressing ihren Gegnern kaum auf die Pelle rücken, als hätte irgendein höheres Fußballgericht verfügt, dass sie den Abwehrspielern der Österreicher nicht zu nahe kommen dürften – dann muss man sich als Zuschauer nicht darüber wundern, dass die Deutschen in 75 der 90 Minuten dem Gegner immer einen Schritt hinterher waren.

Schmelzer fehlt die Qualität

Um es festzuhalten: Ja, sechs Punkte aus zwei Spielen sind ein guter Start in die Qualifikation. Ja, in Österreich werden andere Gruppengegner sicher verlieren. Löw hat der Auftritt, man merkte es hernach im Studio mit Gerhard Delling und Mehmet Scholl, überhaupt nicht gefallen (Mehmet Scholl übrigens auch nicht). Und es war kein Jammern auf hohem Niveau, weil die Österreicher sich aufgrund ihrer Spielanlage und der erarbeiteten Chancen mindestens einen, eher aber drei Punkte verdient gehabt hätten. Deutschlands Spiel krankte darunter, dass einige die taktischen Vorgaben des Gegners schlicht ignorierten (Özil, Reus, Kroos), einige keine Einstellung mitbrachten (Lahm, Kroos, Özil), einen schlechten Tag erwischten (Klose, Götze, Lahm, Hummels) oder zumindest derzeit nicht die Qualität haben (Schmelzer).

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Blieben gestern also nur Khedira, der zurzeit aber eigentlich immer herausragt und seit der EM der Leader auf dem Platz ist; dazu Müller, Badstuber und Neuer, die richtig „wollten“, wie hinterher auch Experte Ralf Rangnick vom Brausekombinat RedBull (Salzburg und Leipzig) sagte. Oliver Bierhoff saß daneben und konnte schlecht widersprechen, während Franz Wohlfahrt (Torwart beim VfB Stuttgart in den 90er Jahren) zu Recht sagte, dass die Österreicher aber auch sehr stark waren. Allerdings ließen die Deutschen das auch zu. Das Gegenpressing fand wie beschrieben höchstens in Ansätzen statt, im Mittelfeld ging Özil mal wieder zu selten voran. Stattdessen sah man ihn, wie man ihn schon bei der EM oft gesehen hat – er hob die Arme und reklamierte in Richtung Schiedsrichter. Toni Kroos dürfte demnächst hoffentlich Schweinsteiger weichen, Reus braucht mehr Erfahrung in dieser Mannschaft, und Philipp Lahm wirkt immer öfter so, als habe er seinen Zenit überschritten.

Taktisch gesehen ist das Team nicht reif

Die Abwehrspieler, die er und Mats Hummels unterliefen, hätten zu einigen Gegentreffern führen müssen, wären die Österreicher im Abschluss konzentrierter zu Werke gegangen. Auf der linken Seite war Marcel Schmelzer indes völlig indisponiert. Er trug nach vorn nichts zum Spielaufbau bei (die zweitwichtigste Aufgabe eines modernen Außenverteidigers) und sah in der Verteidigung (immer noch die wichtigste Aufgabe eines modernen Außenverteidigers) gegen Arnautovic meist ganz alt aus. Betrachtet man dieses Sammelsurium aus persönlichen Patzern und Schwächen, wird auch dem Letzten klar, dass ein taktisches Konzept nicht ausgefüllt werden kann, wenn drei oder vier Spieler die Fehler der anderen sechs oder sieben ausbügeln und die Lücken zulaufen müssen. Am System (4-2-3-1) lag es auch nicht, dass sich Deutschland vom österreichischen Druck nicht lösen konnte, doch das Glück war auf Seiten der Gäste. Dazu kam, dass die Tore kurz vor und kurz nach der Pause fielen; vor allem das 1:0 durch Reus fiel in eine Phase, in der man schon eher mit einem Tor der Österreicher rechnen musste. Als nach Özils Elfmeter das 3:0 in der Luft lag, schlichen sich jedoch alsbald wieder jede Menge Fehler in das Spiel, das die Deutschen wohl schon als gewonnen betrachteten.

An der Seitenlinie tobte Löw und reif – nein, schrie – immer öfter zu Marcel Schmelzer hinüber, der gegen Arnautovic und Juzunovic kein Land sah. Was aber hängen bleibt, ist eine bemerkenswerte Analyse des ARD-Experten Scholl, der sinngemäß sagte, dass es keinen Deutschen mehr gebe, der in einem solchen Spiel einfach mal dazwischenhauen könnte. In der Tat ist die Mannschaft taktisch überhaupt nicht reif, um sich ändernden Vorzeichen anzupassen. Und dazu gehört auch das Dazwischenhauen. Gut möglich, dass das schon bald wieder eine Debatte um Führungsspieler auslösen wird. Doch die taktischen Probleme sind damit auch noch nicht gelöst.

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