In der Zwickmühle

Am 19. Spieltag könnte bereits eine entscheidende Weiche für diese Saison gestellt worden sein. Weil der FC Augsburg trotz hochkarätiger Chancen nur 2:2 gegen Kaiserslautern spielte, müssen die Anhänger der Schwaben schon jetzt mächtig zittern, ob ihr Club die Klasse halten kann. Die Taktik von Trainer Jos Luhukay indes hätte aufgehen können – nein, müssen.

 

Die Online-Ausgabe der „Augsburger Allgemeinen“ übertitelte ihren Spielbericht, der am 28. Januar etwa 20 Minuten nach dem Ende des Spiels veröffentlicht wurde, mit der Zeile „FCA holt wichtigen Punkt im Kellerduell“. Einen Tag später erschien, gegen Mittag, ein weiterer Artikel zu der Partie, die am Vortag mit einem 2:2 im Heimspiel gegen den Mitkonkurrenten 1. FC Kaiserslautern zu Ende gegangen war. Dieses Mal trug der Artikel die deutlich pessimistischere Headline „FCA macht sich das Leben selbst schwer“. Es ist eher selten zu beobachten, dass die selbe Zeitung innerhalb von 18 Stunden zwei derart unterschiedlich gepolte Texte zum gleichen Thema publiziert, doch wer auch nur eine Zusammenfassung dieser Partie im Fernsehen erlebt hatte, konnte beide Artikel komplett nachvollziehen.

Die Augsburger hatten die Lauterer nahezu das gesamte Spiel ordentlich unter Druck gesetzt, sich Chance um Chance erspielt, um am Ende nach einem 1:2-Rückstand noch einen verdienten Punkt zu ergattern. Einerseits. Doch, und das ist die andere Seite, waren das Chancenplus so deutlich und die Torgelegenheiten teilweise dermaßen klar (in der Fußballfachsprache kann man von mehreren Hundertprozentigen sprechen), dass der Sieg zwingend nötig gewesen war. Es dürfte wohl nicht mehr allzu oft vorkommen in dieser Saison, dass der Aufsteiger aus Schwaben einen Gegner derart klar beherrscht. Mit mindestens zwei Toren Unterschied hätten die Augsburger gewinnen müssen. Am Schluss mussten sie jedoch froh sein, dass Schiedsrichter Gräfe einen vom Augsburger Brinkmann am Lauterer Jörgensen verursachten Strafstoß nicht gab. Das ist die dritte Sicht, die man auf dieses Spiel haben kann.

Gegentore nach Standards

In Luhukay haben die Augsburger indes einen Trainer, der es in den letzten Spielen vor und in den ersten Partien nach der Winterpause immer besser geschafft hat, die Mannschaft taktisch richtig einzustellen. Er weiß, dass er es mit rauschendem Offensivspiel, wie er es noch in der zweiten Liga betreiben ließ, gegen die sehr viel cleverer agierenden Teams in der ersten Liga nichts zu bestellen hätte im Oberhaus, also versucht er es gar nicht erst. Sicher: Gegen Kaiserslautern waren die Augsburger offensiver, zwingender als sonst. Aber nicht in dem Sinn, dass der FCA den Gegner spielerisch klar beherrscht hätte. Dafür zeigten die Augsburger, dass man auch mit kämpferischen Mitteln zu Torgelegenheiten kommt. Eine Qualität, die sie bisher kaum unter Beweis stellen konnten (außer vielleicht beim 2:0 gegen den VfL Wolfsburg am 26. November 2011, auch wenn die Autostädter damals ihrerseits die Führung verpassten).

„Wir brauchen Siege, keine Unentschieden“, erklärte später der Trainer, und er lag damit ebenso richtig wie mit jener taktischen Linie, die er vorgegeben hatte. Die Mannschaft hatte sich an diese Taktik gehalten, was klar dafür spricht, dass die Mannschaft an das glaubt, was der Übungsleiter vorgibt. Die beiden Tore für die Gäste aus der Pfalz fielen jeweils nach einem Standard, auch das wird Luhukay abstellen müssen, um seinem Club bis zum letzten Spieltag eine reelle Chance auf den Klassenverbleib zu erhalten. Zwar sind 31 Gegentore für einen Aufsteiger nach 19 Spielen nicht ungewöhnlich, doch erst 17 erzielte Tore zeigen, wo das Problem liegt in Augsburg. Nämlich im Sturm. Jeder einzelne der 30.000 Zuschauer konnte sich am Samstag davon überzeugen, insofern es nicht sowieso schon klar war.

Dem Trainer bleiben zwei taktische Varianten

Vier jener oben genannten Hundertprozentigen, so hatten Statistiker zusammengezählt, waren es, die die Hausherren gegen die nur um zwei Punkte besser platzierten Lauterer liegen ließen. Tobias Werner, Marcel Ndjeng und zweimal Sascha Mölders wählten die in ihrer Situation jeweils schwerere Variante, das Tor nicht zu machen, und so verhalfen sie dem seltsam blutarmen Auftritt der Gäste auch zum Erfolg eines Punktes in der Fremde. Deren Trainer bekannte nach Spielschluss, dass seine Truppe Glück gehabt hatte. In der letzten Viertelstunde ließ Luhukay nur noch die einzig mögliche Variante spielen: alles auf Sieg. Sie hätte aufgehen müssen, die Gäste schwammen in einigen Situationen heftig in der Abwehr.

Dass es trotz Luhukays Taktik nicht zum Sieg reichte, könnte die Augsburgern in der Endabrechnung teuer zu stehen kommen. Zwischen Platz 18 und Platz acht liegen gerade einmal sieben magere Pünktchen, ein Sieg am Samstag hätte den Aufsteiger zumindest mal auf Platz 16 springen lassen. Nach der Erfahrung vom Samstag steht Jos Luhukay vor der schwer zu lösenden Frage, welche Taktik er von nun an walten lassen soll. Setzt er weiterhin auf Powerfußball, benötigt er Stürmer, die vor dem Tor kaltschnäuziger sind, weil hinter immer Gegentreffer drohen. Entscheidet er sich hingegen für eine defensivere Variante, so bedeutet das, dass er zwingend die Abwehr stärken und vorn auf vereinzelte Nadelstiche hoffen muss. Es ist, so oder so, eine gewaltige Zwickmühle für den Trainer des FC Augsburg. Und auch für die Redakteure der „Augsburger Allgemeinen“, wie diese ja schon feststellen mussten.

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