Kein verstaubter Unsinn, bitte

Wenn die deutsche Nationalelf auf die türkische trifft, geht es immer auch um die Frage, für welches Land sich die Talente entscheiden, die in Deutschland aufwachsen und beide Pässe besitzen.

Weiß noch jemand, wer Mustafa Dogan ist? Gut, den Namen hat man noch im Ohr. Er spielte bis 1996 für Bayer Uerdingen, ging dann für sieben Jahre zu Fenerbahçe nach Istanbul, kehrte für ein Jahr in die Bundesliga zurück (1. FC Köln), um seine Karriere danach beim Fener-Rivalen Beşiktaş Istanbul ausklingen zu lassen. So weit, so unspektakulär. Mustafa Dogan jedoch, und das ist das Entscheidende, war der erste deutsche Nationalspieler mit türkischen Wurzeln. 1999 von Erich Ribbeck berufen, spielte er zusammengerechnet etwa 45 Minuten für die DFB-Auswahl, verteilt auf zwei Spiele. Beim Confed-Cup im Juni in Mexiko gegen die USA (0:2) und im Oktober darauf, beim 0:0 in der EM-Quali gegen – ausgerechnet – die Türkei in München.

Dogan war der erste, und bis jetzt sind noch gar nicht so viele Spieler in seine Fußstapfen getreten. Nummer zwei war Serdar Tasci, es ist erst Etwas mehr als drei Jahre her, dass dieser im August 2008 debütierte – und derzeit außen vor ist, wenn es um die Nominierung für den Kader geht (obwohl Tasci in den ersten acht Spielen der Bundesligasaison 2011/12 für den VfB Stuttgart meist tadellos spielte), ihm folgte im September 2009 dann auch schon Mesut Özil. Und der nächste dürfte Ilkay Gündogan sein. Der Neu-Dortmunder war gegen Brasilien bereits im Kader, und nun, für das Spiel gegen, natürlich, die Türkei hat Löw ihn nachnominiert. Gündogan könnte also der vierte deutsche A-Nationalspieler mit türkischen Wurzeln werden.

Keine politischen Motive bei der Entscheidung

Für den türkischen Fußballverband TFF ist die deutsche Bundesliga nach der heimischen Süperlig inzwischen wohl die zweitwichtigste Spielerbörse in Europa. Warum, liegt auf der Hand: Junge Talente mit meist zwei Staatsangehörigkeiten durchlaufen die Nachwuchsförderung der deutschen Vereine und des DFB und werden somit sowohl für den DFB als auch den TFF interessant. In den vergangenen Jahren hatte der DFB öfter auch das Nachsehen, da sich viele türkischstämmige, in Deutschland geborene Spieler (etwa die Altintop-Zwillinge, Nuri Sahin oder jüngst Mehmet Ekici) eben für die Auswahl der Türkei entschieden haben. Motive? Die waren nicht politisch motiviert, bestimmt nicht.

Für viele wie Sahin oder Ekici war die Türkei mehr Heimat geblieben als das Land, in dem sie aufwuchsen. Zu kritisieren hat da niemand etwas. Außer vielleicht, dass der DFB diese Leute noch früher abholen muss, will er, dass sie nicht nur die deutschen Jugendnationalmannschaften durchlaufen, sondern auch bis in die A-Elf vorstoßen. Und dann gibt es da noch das Motiv, dass die Türkei, bei aller fußballerischer Klasse, die dort herrscht, eben doch nicht diese Talentdichte vorweisen kann, wie es beim DFB der Fall ist. Im Klartext heißt das: Es ist doch ein bisschen einfacher, türkischer Nationalspieler zu werden als deutscher Nationalspieler.

Was ist der Weg des DFB?

Es gibt aber auch Deutsche mit türkischen Wurzeln, die ganz bewusst den etwas schwereren Weg gewählt haben. Serdar Tasci gehört zu ihnen. Der ist, im Nebenjob, seit 2009 nun auch noch Integrationsbeauftragter des DFB, man hatte es ihm angeboten, und Tasci lehnte nicht ab. Wie hätte er das auch gekonnt? Immerhin war sein Motiv, deutscher Auswahlspieler zu werden, folgendes: „Es war wirklich nicht leicht für mich. Ich hatte dieses Angebot aus der Türkei, aber ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Hier hat dann auch meine Laufbahn als Fußballer begonnen. Letztlich war es jedoch keine Entscheidung gegen die Türkei, sondern eine für Deutschland.“ Tasci hat diese Sätze erst neulich in der „Stuttgarter Zeitung“ gesagt. Und dass er voll hinter dem steht, was er als Integrationsbeauftragter beim DFB so macht. Eine „gute Sache“ sei das, und weiter: „Ich nehme Termine in Schulen und bei Vereinen wahr, wo es viele Jugendliche gibt, die wie ich einen Migrationshintergrund haben. Mit denen tausche ich mich dann aus.“ Über sich und seinen Weg als VfB-Profi und in die deutsche Nationalelf.

Wenn das der Weg ist, den der DFB gehen will, um hoffnungsvolle Talente früh für sich zu gewinnen, so muss das nicht die schlechteste Idee sein. Immerhin ist es origineller als ein Tag der Offenen Tür beim DFB oder sonstiger verstaubter Unsinn, für den sich die Kids von heute eh nicht interessieren. Wenn sich die Jugendlichen von Tasci und Kollegen überzeugen lassen, dass es zumindest nicht der falsche Weg war, den diese Profis eingeschlagen haben, wird es sich der eine oder andere in Zukunft vielleicht noch einen Tick besser überlegen, für welches Land er spielt. Die Chancen, einen Titel zu holen, sind mit der deutschen Mannschaft schon etwas höher als mit der türkischen. Und wer sich dennoch später für die Türkei entscheiden sollte: völlig in Ordnung. Wir sollten es akzeptieren.

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