Keine Konstanz in Wolfsburg

Wenn Wolfsburgs Fußballspieler am Sonntagmorgen um 9 Uhr eine Stunde zum Waldlauf antreten müssen, ahnt man es: Sie haben am Samstag wohl nicht gewonnen. Die Bilanz der letzten zehn Spiele lautet: Vier Siege, ein Remis, fünf Niederlagen. Dabei trägt Trainer Felix Magath eine gehörige Portion Mitschuld, doch den Spielern gegenüber kann er das nicht eingestehen.

Die Geschichte war zu perfekt, um nicht genau so einzutreten. Der vor Jahren in Wolfsburg von Magath geschasste Simon Jentzsch, inzwischen Torhüter beim FC Augsburg, verhinderte, dass Magaths Elf drei Punkte einfahren konnte. Wieder und immer wieder war sich der knapp 36-Jährige in die Torchancen der Niedersachsen, während deren Trainer fassungslos dreinblickte. Späte Rache? I wo. Jentzsch und den Augsburgern ging es einzig und allein darum, den Vorsprung auf die Abstiegsplätze weiter auszubauen. Und das ist ihnen gelungen.

Weniger gelungen ist, vorsichtig formuliert, bis jetzt die Saison des VfL Wolfsburg, und nur, weil die Mitkonkurrenten aus Leverkusen, Hannover, Bremen und Hoffenheim zuletzt ebenfalls inkonsequent auftraten, hat der VfL überhaupt noch eine kleine Chance auf das Erreichen der Europa League. Wer international spielen möchte, muss einen Aufsteiger wie den FCA, dessen Führung aus der 13. Minute nur bis zur 27. und dem Tor von Patrick Helmes Bestand hatte, im eigenen Stadion schlagen – ganz egal, wie. Siebter wäre der VfL gewesen, hätte die Qualifikation für Europa dann also immerhin in der eigenen Hand gehabt. Dabei waren den die grün gekleideten Spieler aus der Autostadt den Gästen aus dem bayrischen Teil Schwabens haushoch überlegen. Doch eben auch ein bisschen zu überhastet im Abschluss, ein bisschen – ja – zu blöd, um die von einer Verlegenheit in die nächste stolpernden Augsburger sturmreif zu schießen.

Finanzieller Aufwand und sportlicher Ertrag stehen in keinem Verhältnis

Ein 0:4 auf Schalke, ein 1:2 gegen Hoffenheim, ein 0:0 in Kaiserslautern. Dann vier Siege in Folge, alle Experten dachten, dass Magath seine Truppe auf Kurs gebracht habe. Doch weit gefehlt – in den letzten drei Partien gab es wieder drei Niederlagen. Für kaum eine andere Mannschaft der Liga gilt zurzeit, was für Wolfsburg gilt. Man wird nicht schlau aus dieser Truppe. Die Leistung schwankt wöchentlich, und da liegt es in der Natur der Sache, dass man den Trainer damit konfrontieren sollte. Das traut sich bei Magath jedoch niemand, und so darf der seine Truppe am Sonntagmorgen in den Wald schicken und ihr schmollen. Dabei ist es Magaths zweifelhaftes Verdienst, knapp 50 Millionen Euro in die Mannschaft gepumpt zu haben und dann schmählich zu scheitern am Einzug in die Europa League – wenn es so weitergeht. Doch selbst, wenn der VfL Platz sieben noch schaffen sollte, wird man nicht behaupten können, dass der finanzielle Aufwand und der sportliche Ertrag in einem blendenden Verhältnis stehen. Auch das ist ein originär Magath’sches Problem, doch Finanzier Volkswagen nickt die immer neuen Forderungen des Trainers nach mehr Geld stets hörig ab. Und nach der Pleite gegen Augsburg durfte der Aschaffenburger auch gleich wieder ankündigen, im Sommer neue Spieler verpflichten zu wollen.

Dabei müsste doch allen Beteiligten inklusive Magath selbst so langsam klar sein, dass dieses Konzept nicht funktioniert und auch nicht funktionieren wird – es sei denn, die nächsten Neuzugänge heißen nicht Giovanni Sio, Thomas Kahlenberg, Ibrahim Sissoko oder Ricardo Rodriguez, sondern Messi, Xavi und Iniesta. Doch Scherz beiseite. Warum kommt der Fußballfachmann Magath nicht auf den Trichter, dass nicht die Menge der Neuzugänge, sondern die Konstanz im Kader die viel wahrscheinlichere Option auf Erfolge ist? Eine Mannschaft wie der durch Fredi Bobic nur punktuell, aber dafür klug verstärkte VfB Stuttgart, den Magath mit seinen Millionen längst zu überholt haben glaubte, liegt nun neun Punkte vor den Niedersachsen. Nur zwei Punkte hinter dem VfL liegt der 1. FC  Nürnberg, noch so eine Antithese zu Magaths verblendeter Erkenntnis, dass das Toreschießen und –verhindern einzig und allein eine Frage des Geldausgebens ist.

Geld schießt eben keine Tore

Statt nun an mannschaftlicher Konstanz, vielleicht auch am Teamgeist zu arbeiten, schickt Magath seine Profis in den Wald und streicht ihnen dazu auch den einzigen freien Tag in der Woche, wie die „Wolfsburger Allgemeine“ berichtete. Also Training statt Familie. Der genannten Zeitung sagte der Trainer dann, als diese nach Trainingsinhalten und –zielen sich zu fragen erdreistete, er denke nicht, dass Torschusstraining helfe. Dabei war es genau das, was den Wolfsburgern gegen Augsburg ganz offensichtlich zum Torerfolg gefehlt hat – mal ein ordentlicher Abschluss. Den hat zurzeit nur Patrick Helmes, und den hatte Magath zwischenzeitlich schon aus dem Kader verbannt.

Etwa 20 neue Spieler zählt Magaths Kader, die wenigsten von ihnen spielen überhaupt in der Bundesliga mit. In der hat Magath inzwischen übrigens seinen eigenen Rekord ausgebaut, es ist allerdings kein besonders rühmlicher. Als er den in der 46. Minute eingewechselten Giovanni Sio in der 80. Spielminute wieder vom Platz beorderte, war es das 16. Mal, dass der Unterfranke Magath einen Spieler erst ein- und dann wieder auswechselte. Es ist dies auch nicht gerade ein Zeichen von Stärke, wenn man ganz ehrlich ist. Für den Moment ist Felix Magath in Wolfsburg gescheitert – doch im Sommer, wenn die Transferperiode beginnt, wird man in Wolfsburg wieder unzählige Spieler verabschieden und vermutlich noch mehr neue begrüßen. Obwohl, wie gesagt, zu greifen ist, dass das kaum das Mittel zum Erfolg sein wird.

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