Lange Pässe aktueller denn je

In der Bundesliga wurden in der Saison 2014/15 so viele lange Bälle gespielt wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Knapp 152 mal pro Spiel sahen die Zuschauer Pässe, Flanken und Flugbälle, die der Definition eines langen Balls des Sportdatenanbieters Opta entsprachen: eine Distanz von mindestens 25 Yards (22,86 Meter).

Warum ist dies so? Sind nicht seit Jahren Kurzpass spielende Teams dominierend? Bevorzugen die Trainer erfolgreicher Teams nicht das schnelle und kurze Direktspiel? Die Antwort lautet: Jein! Zwar gab es auch in der vergangenen Saison Teams wie Bayern München oder Borussia Mönchengladbach, die die gegnerischen Abwehrreihen technisch anspruchsvoll sezierten, doch erhöhte sich gleichzeitig auchFlugball1 die Anzahl derer Mannschaften, die mit langen Bällen nach vorne gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen versuchten:

  • 1.) Das Spiel vom eigenen Tor fernhalten und so das Risiko eines Gegentores minimieren
  • 2.) Durch lange Bälle in den Rücken des Gegners und anschließendem Gegenpressing nach dortigem Ballverlust schnell zu eigenen Torchancen zu kommen
  • 3.) Eigene Ballverluste in unmittelbarer Tornähe vermeiden, indem risikoreiches Kurzpassspiel einfach unterlassen wird

So ist unter anderem zu erklären, dass es einem Team wie dem 1.FC Köln, welches von den Medien im eigenen Spielaufbau eher als eher bieder beschrieben wurde, gelang, sage und schreibe 13 mal zu Null zu spielen. Ein Rekord für gerade erst aufgestiegene Vereine. Mit 40 Gegentoren schloss der FC die Saison ab und stellte damit gemeinsam mit dem FC Schalke 04 die fünftbeste Abwehr der Liga.

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Was zunächst klingt wie ein fußballerischer Rückschritt ist nur eine logische Entwicklung nach dem „Pressingwahn“ der vergangenen Jahre. Wohl in keiner anderen Liga wird so viel und so intensiv Pressing gespielt wie in Deutschlands Eliteklasse. Je mehr gepresst wird, desto öfter entscheiden sich auch fußballerisch gut ausgebildete Verteidiger für die sichere Variante des langen Balls. Je weiter die Kugel vom eigenen Tor entfernt ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit für ein Gegentor – und: desto besser die Chance nach eigenem Pressing selbst zu einer Torgelegenheit zu kommen. Aus der in der jüngeren Vergangenheit eher negativen Konnotation des Begriffs „langer Ball“ wird somit eine positive, der Verteidiger durch den ursprünglichen Befreiungsschlag zum ersten Aufbauspieler seines Teams.
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Wird also die Arbeit in taktisch ausgeklügelte Systeme des eigenen Spielaufbaus im Zuge dieser Entwicklung entwertet? Teilweise ist dies sicher der Fall. Aus der aktiven Bemühung um „das Spiel machen wollen“, wird die eher reaktive Varianten des „Fehler Ausnutzens“. Die Ballbesitztaktik eines Pep Guardiola wird so quasi konterkariert. Hinten sicher Stehen, gut abgestimmt und organisiert sein, gut verschieben und vorne dann eiskalt zuschlagen, sobald der Gegner einem die Gelegenheit dazu gibt. Das tatsächliche Finden spielerischer Lösungen wird hinten angestellt.

Damit kein falscher Eindruck ensteht: Dieses Mittel soll hier in keinster Weise verurteilt werden, da effektives Pressing und sicher stehende Abwehrverbände ebenso großen Aufwand verlangen und taktisch durchaus ähnlich anspruchsvoll sind wie aufwändiges Aufbauspiel. Zudem unterliegen Entwicklungen auch im Fußball wiederkehrenden Zyklen und so sehen wir derzeit unter Umständen eine Entwicklung die mitunter wieder in Richtung Catenaccio der 90er Jahre führt.

Während sich die Bundesliga Teams derzeit also beim Spiel gegen den Ball im internationalen Vergleich absolut nicht verstecken müssen, haben Sie wenn es um das Spiel mit dem runden Leder geht eher das Nachsehen. Vielleicht ein Grund dafür, dass beispielsweise in der Europa League deutsche Vertreter in schöner Regelmäßigkeit das Nachsehen gegenüber den spanischen Mannschaften haben – bei denen traditionell Ballbesitzfußball größer geschrieben wird als hierzulande.

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Mitunter führt das Spielen langer Bälle sogar mit voller Absicht zum Ballverlust. Eine Taktik, die in den Meisterjahren dem „Pressing-Monster“ BVB unter Jürgen Klopp nachgesagt wurde – eine Taktik, die aber auch aktuell die Hertha unter Pál Dárdai wählte, wenn der Gegner zu forsch angriff. Eine Spielweise, die vor allem physische Stärke der eigenen Spieler erfordert. Hohe Intensität, große Dynamik, viel Krafteinsatz – der körperliche Verschleiß ist dementsprechend hoch. Vielleicht ein Grund dafür, dass die Dortmunder in der abgelaufenen Spielzeit nicht an die großen Erfolge der verganFlugball4genen Jahre anknüpfen konnten. Der körperlich gezollte Tribut schien zu groß geworden zu sein.

Dementsprechend steht die Effektivität dieser Spielvariante über dem ästhetischen Genuss. Etwas, das im Ergebnissport Fußball nichts Neues ist, von Kritikern dennoch seit jeher bemängelt wird. Dennoch erhöht sich durch die Aufgabe der eigenen Spielkontrolle durch lange Bälle unter Umständen der Schauwert für den neutralen Zuschauer. Der Schnitt der Tore pro Spiel war mit 2,75 in der Bundesliga zuletzt höher als in allen anderem europäischen Topligen – alles eine Sache der Perspektive also.

Lohnt sich der Aufwand ein geordnetes Aufbauspiel zu betreiben überhaupt noch? Oder ist es ratsamer den Gegner das Spiel machen zu lassen und selbst vor allem den Defensivverbund zu stärken und das überfallartige Spiel nach Ballgewinnen zu perfektionieren? Auch auf diese Frage kann keine eindeutige Antwort gFlugball3egeben werden. Mitunter liegt bereits im Selbstverständnis mancher Klubs begründet, dass Spiele nicht nur erfolgreich, sondern vielmehr auch besonders spektakulär gestaltet werden müssen. Ein Verein wie Real Madrid beispielsweise versteht sich seit jeher als Nabel der Fußballwelt, wenn es um schönes und spektakuläres Offensivspiel geht, dass zudem von Titeln gekrönt sein muss. Allein das Ego der Königlichen könnte das Überlassen des Spielfeldes an den Gegner nicht ertragen – und so ist auch der lange Ball im Repertoire der Spieler der Galaktischen meisthin verpönt.

Wie so oft im Fußball und im Leben lässt sich auf die Frage nach Sinnhaftigkeit und Nutzen bestimmter Mittel auch bezüglich der langen Bälle keine abschließende und eindeutige Antwort gegeben werden. Nicht zuletzt ist jede Spielidee mitunter auch vom vorhandenen Spielermaterial abhängig. Nur die wenigsten Trainer haben die luxuriöse Möglichkeit einen Kader vollständig nach ihren Ideen zu gestalten. Fakt ist jedoch, dass der zuweilen unter Ästheten verpönte lange Ball ein erfolgreiches taktisches Mittel sein kann. Erforderlich dafür ist jedoch, wie bei jeder taktischen Variante des Spiels, das Beherrschen des selbigen – und dies setzt ausreichendes Training voraus.

Wie man lange Pässe am besten trainiert:


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