Mehr Segen als Fluch

Wenn der Frauenfußball tatsächlich so weit ist, wie der DFB und die Medien behaupten, dann müsste das Ausscheiden der Deutschen eher als positiver Faktor für die Sportart gewertet werden. Eine Annäherung an eine heikle These.

Bis zum Samstag, den 9. Juli gegen 22.45 Uhr, war die Sache klar. Die deutschen Fußballfrauen würden Weltmeisterinnen werden. Heim-WM, teilweise richtig volle Stadien, beste Einschaltquoten, und dann die Tatsache, dass eine zunächst eher hölzerne Vorrunde mit einem ziemlich vergnüglichen 4:2 gegen die starken Französinnen abgeschlossen wurde. Das Team von Bundestrainerin Silvia Neid war ohne jeden Zweifel im Begriff, zu alter Stärke zu finden, und wie immer wurde vorher mehr über die Höhe des Sieges gegen Japan gesprochen als über die Frage, wer überhaupt gewinnen würde. Alles war wie immer.

Doch dann, als am Samstag gegen Viertel vor elf am Abend die japanische Stürmerin Karina Maruyama in der 108. Spielminute den Ball zum 0:1 in jene Maschen schob, die hinter Nadine Angerer im deutschen Tor hingen, lautete die Hoffnung nur noch: Elfmeterschießen. Und etwa 14 Minuten später war es auch damit vorbei. Ja, es war schon ein wenig seltsam in diesem Augenblick, erst recht, wenn man sich in Erinnerung rief, dass man selbst in seriösen Zeitungen vor dem Spiel Beiträge lesen konnte, die sich mehr mit der physischen Unterlegenheit der Damen aus Fernost beschäftigten als mit dem Spiel an sich. Mit der Körpergröße der Japanerinnen nämlich. Vielleicht hat das deutsche Team den gleichen Fehler gemacht und ist deshalb im Viertelfinale der heimischen WM ausgeschieden. Übrig bleiben die Teams aus den USA, aus Schweden, Frankreich und eben Japan. Ist das nun schlimm?

Furchtbare Dominanz in den letzten Jahren

Für jene Fans, die mit vollem Herzen dabei sind, bestimmt; für die ist das vergleichbar mit dem 0:2 der Männer gegen Italien 2006 oder dem 0:1 gegen Spanien 2010. Auch dem Autor dieser Zeilen mutete es im ersten Moment reichlich seltsam an, dass der haushohe WM-Favorit ausgeschieden war, aber mit dem zeitlichen Abstand einiger Minuten konnte die Erkenntnis reifen, dass das Scheitern der deutschen Frauen für den weiblichen Fußball eigentlich das Beste ist, was passieren konnte. Um das zu verdeutlichen, muss man sich nur die letzten 14 Jahre anschauen.

1997 wurde das Team Europameister, 2000 gab es in Sydney die olympische Bronzemedaille, 2001 wurde der Europameistertitel ebenso verteidigt wie 2005 und 2009 wieder. 2003 wurden die deutschen Frauen Weltmeister, 2004 gab es in Athen wieder Bronze bei Olympia, 2007 konnte der WM-Titel verteidigt werden – und 2008 holte die Mannschaft in Peking erneut den dritten olympischen Platz im Frauenfußball. Überhaupt: Von den zehn seit 1984 vergebenen Europameistertiteln sicherten sich die Deutschen allein sieben, mit weitem Abstand folgen Norwegen (zwei) und Schweden (einer). Für den Rest der Fußballwelt muss die deutsche Dominanz besonders in diesen letzten 14 Jahren furchtbar gewesen sein. Andererseits wird immer die beste Mannschaft Weltmeister, könnte man dazwischenrufen, und das stimmte wohl auch. Und es stimmt eben auch 2011.

Eine positive Zäsur

„Jetzt erst recht“ müsse die Mannschaft zeigen, dass sie in die Weltspitze gehöre, zitiert „Spiegel Online“ die Bundestrainerin, und vielleicht ist das auch richtig – aber einstweilen wäre es ehrlicher zuzugeben, dass man eben nicht mehr die weltbeste Mannschaft hat. Und es wäre ehrlicher, sich von Seiten der Medien dahingehend fair zu geben, als man die Berichterstattung nach dem Ausscheiden von Neids Team nun erst einmal auf das noch laufende Turnier beschränken und nicht so tun sollte, als sei der deutschen Mannschaft völlig unverdientes, schreckliches Unglück widerfahren. Andere Teams spielen schließlich auch noch mit, und eine Debatte um die Zukunft der deutschen Frauen-Nationalelf anstoßen, dafür bleibt nach dem 17. Juli immer noch reichlich Zeit.

Für den Frauenfußball ist die am Samstag erlebte Zäsur allerdings höchst positiv. Sicher, beim DFB klagt man nun, dass eine Chance vertan wurde, die weiteren Zulauf im Mädchenfußball gebracht hätte – aber wenn man es schaffen könnte, von dieser nationalistischen Sichtweise etwas abzurücken und den fußballinteressierten jungen Frauen im Lande zu erklären, dass andere Nationen aufgeholt haben und inzwischen guten Frauenfußball spielen, warum sollten die Mädels dann nicht trotzdem den Vereinsfußball als ihre Sportart wählen?

Konzentration auf das Wesentliche

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat richtig erkannt: „Dass der Weltmeister nicht jedes Mal Deutschland heißt, zeigt ja gerade, wie wettbewerbsfähig es im Frauenfußball inzwischen zugeht. Es ist, bei aller Enttäuschung, Ausweis einer neuen Qualität. Und bisher sieht es so aus, als ob das beim Konsumenten auch so angekommen ist.“ Das Blatt bezieht den Erfolg dieser Frauen-WM darauf, dass es geschafft ist, „den Frauenfußball zügig auf seinen Kern reduziert“ zu haben; gemeint ist, dass es bei allen Nebenkriegsschauplätzen in erster Linie um Fußball geht. Und das erst recht, weil nun die „schwarzrotgoldenen Jubel-Events“, die inzwischen „Sommer-Gewohnheit“ seien, nicht mehr als Sinnbild für die Veranstaltung stehen. Sondern die Tatsache, dass ab jetzt „die momentan besten vier Frauenfußball-Teams der Welt auf deutschem Boden“ gegeneinander spielen.

Die Weltspitze ist nun eben auch im Frauenfußball enger zusammengerückt, und das wurde so langsam Zeit. Bei den Männern war man es ja lange Zeit gewohnt, hin und wieder enge Spiele gegen Island oder Malta mit dabei zu haben, auch wenn sich dieser Eindruck seit 2006 erst vermindert und seit 2010 fast völlig aufgelöst hat. Nun weitet sich der Blick vielleicht etwas, der deutsche Frauenfußball war seit zwei Jahrzehnten komplett auf den deutschen Frauenfußball fixiert und es machte nicht den Eindruck, als dass man sich auch daran orientiert hat, was in den USA passierte – oder eben in Japan. Es geht um die Einsicht, sich hin und wieder eben auch an anderen Ländern zu orientieren. Etwa so, wie Joachim Löw schon seit längerem unverhohlen zugibt, dass Spanien hier klares Idol ist. Vielleicht brauchen die deutschen Fußballerinnen nun nicht gleich irgendein konstruiertes Vorbild, aber zumindest einen gesunden Realismus, um zu merken, dass auch hier ein „weiter so“ oder ein „jetzt erst recht“ keine Probleme lösen. Sondern allein die Konzentration auf das Wesentliche: den Sport.

Und ganz nebenbei zeigt die letzte Woche der WM durch das Ausscheiden der Deutschen jetzt auch, wie ernst die Zuneigung der Zuschauer zum Frauenfußball hierzulande eigentlich ist.

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