Neids taktischer Kniff

Außer beim 3:0 gegen das kleine Island, das im Viertelfinale gegen Schweden mit 0:4 unter die Räder kam, hat die deutsche Nationalmannschaft der Frauen spielerisch noch kaum überzeugen können. Gegen Italien reichten eine taktische Veränderung und vor allem die körperliche Überlegenheit zu einem 1:0.

Im Halbfinale geht es jetzt gegen die Schwedinnen, und zum ersten Mal seit Menschengedenken ist die weibliche Fußball-Nationalelf in einem EM-Halbfinale plötzlich nicht mehr favorisiert. Uns als Betrachtern ist das alles neu, das Team von Silvia Neid dominiert die Gegner nicht mehr nach Belieben, sondern muss sich alles hart erarbeiten. Schon das letzte Gruppenspiel gegen Norwegen (0:1) zeigte, dass die anderen Teams keine Ehrfurcht mehr haben vor den Deutschen.

Jedenfalls so lange, wie die Truppe nicht kämpft. In der ersten Hälfte war gegen Italien kein spielerischer Fortschritt gegenüber dem Norwegen-Spiel erkennbar. Doch Neid langte in die taktische Trickkiste und stellte Simone Laudehr auf die linke Mittelfeld-Seite, wo sie – erst vor wenigen Wochen von einer schweren Verletzung genesen– das entscheidende Taktikplus darstellte. Ihre läuferischen und kämpferischen Qualitäten kamen hier zum Vorschein, was wohl auch daran lang, dass die rechte Seite der Italienerinnen anfälliger ist als die linke. Neid wusste das offenbar. Also bearbeitete Laudehr auf ihrer Seite alle Gegenspielerinnen so lange, bis diese so viel Respekt vor ihr hatten, dass sie manchmal gar nicht mehr richtig angegriffen wurde.

Laudehr ist die Matchwinnerin

Spätestens das 1:0 durch – genau, Laudehr – zeigte den anderen deutschen Spielerinnen, dass es an diesem Tag über den Willen gehen musste. Sonst klappte in der ersten Halbzeit kaum etwas. Das Passspiel der deutschen Mannschaft war völlig unzureichend und zu ungenau, die taktischen Laufwege stimmten weder hinten und vorn schon gar nicht. Das zeitigte unzählige Ballverluste, die die Italienerinnen einluden, das deutsche Tor zu bestürmen. Richtig gefährlich wurde es jedoch selten. Nach der Pause im immer noch extrem heißen Südschweden gewann Neids Team dann auch immer mehr eine spielerische Linie, während dem Gegner aus dem Süden die Luft nach und nach ausging. Was in erster Linie daran lag, dass den Deutschen kaum noch Ballverluste unterliefen, Italien hechelte nur noch dem Ball hinterher.

Außerdem lief Simone Laudehr, sie lief und lief und als alle anderen am Ende waren, lief sie immer noch. Erstaunlich: Nicht einmal bei diesem Pensum machte sie Fehler, sie initiierte das schnelle Umschaltspiel über die Flügel, fing gegnerische Angriffe ab, sprintete mit dem Ball am Fuß bis zur Grundlinie der Italienerinnen und flankte von dort gefährlich in den Strafraum. Doch die Stürmerinnen ließen Chance um Chance liegen, was Neid missfiel; so mussten die Deutschen bis zum Schluss zittern. Doch dem taktischen Stellungsspiel insbesondere von Lena Goeßling verdankten sie es, dass Italien bis auf wenige Ecken keine nennenswerten Offensivaktionen mehr zustande brachten.

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