Taten statt Worte – Selbsterklärendes Training als Ideal

Happel konnte jedem Spieler erklären, was er von ihm wollte. Viererkette, Forechecking, Abseitsfalle, das alles konnte Happel erklären. Nicht mit Worten, der hat ja nicht gesprochen, und wenn er gesprochen hat, konnte man es nicht verstehen. Aber seine Übungseinheiten waren so, dass es den Spielern in Fleisch und Blut überging.[1]

Diese bemerkenswerten Sätze hat Günter Netzer über den Trainer Ernst Happel gesagt. Happel war von 1981-87 Trainer des Hamburger Sportvereins und vom damaligen Manager Günter Netzer verpflichtet worden.

Horst Hrubesch, der als Spieler und später als Co-Trainer unter Ernst Happel Erfahrungen sammeln durfte, verriet in einem Interview Folgendes:

Wir kannten vor Happel Mannschaftssitzungen von 30 Minuten und manchmal länger. Und auf ein Mal lernten wir Sitzungen von 40 Sekunden kennen.[2]

Ernst Happel ist im Jahr 1992 verstorben. Er galt als einer der besten Trainer seiner Zeit und es gibt unendlich viele Anekdoten zu ihm. In Wahrheit war Happel aber wohl längst nicht so kauzig und verschlossen, wie er gern in der Öffentlichkeit dargestellt wurde. Vielmehr beschreiben ihn seine Ex-Spieler oft als durchaus kommunikativen und lebensfrohen Trainer.

In den Zitaten von Günter Netzer  und Horst Hrubesch wird vorzüglich dokumentiert, wie Ernst Happel seine Spieler dazu brachte, modernen Fußball zu spielen. Der Schlüssel lag demnach nicht in ausführlichen Mannschaftssitzungen und ewigen Besprechungen. Vielmehr war Happel dazu in der Lage, das Training so zu gestalten, dass die Spieler ganz automatisch das gewünschte taktische System verinnerlichten. Das ist bemerkenswert, zumal in der heutigen Zeit immer behauptet wird, dass ein Trainer vor allem ein guter Kommunikator sein müsste, um sein Spielkonzept durchzusetzen.

Was ist nun die beste Methode? Reden oder Trainieren?

Einer der größten Fehler, den ein Trainer machen kann, ist die Überbetonung der Theorie. Eine ganz normale Fußballmannschaft besteht zum größten Teil aus Spielern, die überhaupt nicht die Intellektuellen Voraussetzungen mitbringen, die für einen Theorie-Unterricht notwendig sind. Es gibt nicht wenige großartige Fußballer, die mit Hängen und Würden die Schule beendet haben. Manche Fußballer haben überhaupt keinen Schulabschluss. Natürlich gibt es auch Abiturienten, Studenten und Intellektuelle in Fußballmannschaften. Aber für den Trainer ist es eben wichtig, alle Spieler zu erreichen.

Deswegen ist eine Mannschaftssitzung, in welcher der Trainer taktische Finessen bis ins letzte Detail erklärt, oftmals nicht dazu geeignet, alle Spieler zu erreichen. Dahingegen ist das Training auf dem Platz ein wunderbares Medium, um taktische Vorstellungen und spielerische Mittel zu trainieren. Jede Übung sollte so angelegt sein, dass sie einen unmittelbaren praktischen Wert für das Spiel hat. Der Spieler muss gar nicht unbedingt sehen, worin dieser praktischen Wert besteht. Wenn das Training richtig funktioniert, wird der Spieler im Spiel ganz automatisch das Erlernte umsetzen. Jedenfalls ist das ein Ideal, dass jeder Trainer haben sollte. In der Praxis scheitert diese Vorstellung gelegentlich, denn Spieler sind nicht immer so lernfähig oder lernwillig, wie es sich ein Trainer wünscht.

Theorieunterricht nicht als Mannschaftssitzung abhalten

In einer Fußballmannschaft gibt es immer einige wenige Spieler, die die die Richtung vorgeben. Wenn es im Team beispielsweise einen klassischen Spielmacher gibt, dann muss der Trainer nicht jedem einzelnen Spieler seine Taktik bis ins letzte Detail erläutern. Viel wichtiger ist, dass der Spielmacher und vielleicht noch der Abwehrchef wissen, wie die Taktik funktioniert. Wenn Sie mit Ihren Führungsspielern im kleinen Kreis die Taktik besprechen, hat das eine viel stärkere Wirkung als eine ewig lange Mannschaftssitzung, bei der die meisten Spieler nach wenigen Minuten überhaupt nicht mehr zuhören.

Damit Sie die Spieler, die vielleicht nicht die besten Voraussetzungen für eine Theoriestunde haben, auch auf verbalen Weg erreichen, sollten Sie Einzelgespräche führen. Diese Einzelgespräche sollten Sie auf ein Thema beschränken und relativ kurz halten. Wenn Sie beispielsweise einem Außenverteidiger erklären möchten, wie das Hinterlaufen richtig funktioniert, können Sie Ihn im Training kurz vor oder während einer entsprechenden Übung zur Seite nehmen und ihm in klaren Worten vermitteln, welchen Fehler er vermeiden muss. Diese Methode ist viel effizienter, als dem Spieler in der Mannschaftssitzung nach dem Abschlusstraining eine ganze Liste von Fehlern vorzutragen, die er im nächsten Spiel korrigieren soll.

Fazit: Je besser das Training, desto weniger Palaver

Wenn Sie im Training dafür sorgen, dass Ihre Spieler Ihr Spielsystem verinnerlichen, müssen Sie überhaupt keine langen Theoriestunden machen. Setzen Sie Theorie immer nur zielgerichtet ein, um eine hohe Effektivität zu erreichen. Das heißt allerdings nicht, dass Sie nicht mit Ihren Spielern sprechen sollten. Auf der psychologischen Ebene gibt es viele Möglichkeiten für den Trainer, Einfluss auf die Spieler zu nehmen. Da spielt dann auch die Schulbildung oder der Intellekt keine Rolle, denn auf der emotionalen Ebene können Sie jeden Spieler erreichen, wenn Sie über gute psychologische Fähigkeiten verfügen. Aber wenn es um Taktik und spielerische Elemente geht, liegt die Wahrheit (ich traue mich kaum, es zu schreiben!) AUF DEM PLATZ!

 

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