Thomas Tuchel: Dünnhäutig, aber fest im Sattel

Eine gängige These im Rahmen der fußballerischen Fachsimpelei besagt, dass ein Aufsteiger im ersten Jahr der Zugehörigkeit zu seiner neuen Liga auf Schwingen durch die Saison gleitet, federleicht. Und dass es im zweiten Jahr, wenn die Klasse gehalten, aber gleichzeitig die ganz große Euphorie verflogen ist, ungleich schwieriger wird, „die zweite Saison ist die schwerste“, heißt es dann. Und tatsächlich, dieses Phänomen war schon oft zu beobachten.

Dass der 1. FSV Mainz 05 ein etwas anderer Club ist, weiß man inzwischen. Und die Mainzer lassen auch nichts aus, um das zu bestätigen. Im Jahr eins nach ihrem Aufstieg landeten die Rheinhessen unter Thomas Tuchel in der Abschlusstabelle der Bundesliga als Aufsteiger auf Rang neun, eine Toppplatzierung. Ein Jahr später, also im zweiten Jahr nach der Beförderung in Deutschlands höchste Fußballklasse, spielten die Mainzer eine phänomenale Saison und schlossen auf Platz fünf ab – niemand hatte das für möglich gehalten. In die aktuelle Saison startete der FSV mit einem 2:0 gegen Bayer Leverkusen und ließ ein 2:1 beim SC Freiburg folgen – das bedeutete die Tabellenführung nach zwei Spieltagen. Seitdem hat Mainz nicht mehr gewonnen.

Eher absteigen als den Trainer feuern?

Zu den sechs Punkten aus zwei Spielen sind inzwischen in neun Partien ganz drei dazugekommen, allesamt durch Remis, das Torverhältnis hat sich von 4:1 in 13:22 gewandelt – und der Trainer, Thomas Tuchel, hat von der Souveränität, die seine Mannschaft und ihn selbst durch die letzten beiden Spielzeiten getragen hat, das meiste eingebüßt. Regelrecht dünnhäutig wirkt der Coach, wer seinen Auftritt im Aktuellen Sportstudio gesehen hat, muss gedacht haben, dass sein Job auf dem Spiel steht, so aggressiv gab sich Tuchel in der Verteidigung seiner Mannschaft. Der Schiedsrichter war der Sündenbock. In jüngster Zeit ist es ja ohnehin wieder zu einer Art Volkssport geworden, den Unparteiischen für die eigene Niederlage verantwortlich zu machen, siehe Uli Hoeneß, siehe Frank Arnesen und jetzt eben Tuchel.

Dass Tuchels Job indes wirklich auf dem Spiel steht, glauben indes nur diejenigen, die denken, dass es in Mainz so zugeht wie überall woanders auch. Der Präsident, Harald Strutz, ließ keinen Zweifel daran, dass man eher mit Tuchel absteigt, anstatt einen neuen Trainer zu holen; auf die gleiche Art und Weise stiegen die Mainzer damals, unter Jürgen Klopp, ebenfalls schon einmal ab, übrigens im, genau, dritten Jahr der Zugehörigkeit zur Bundesliga.

Choupo-Moting widerspricht seinem Trainer

Es ist nicht so richtig zu sagen, was in Mainz gerade schiefläuft, es sind nur die Auswirkungen, die für alle gut sichtbar sind. Der FSV spielt meist ballsicher nach vorn, doch Tore zu schießen wird dabei ebenso vergessen wie effektiv zu verteidigen, auf dass die Abwehr ihrem Namen auch gerecht wird. Neun zu null Eckbälle, das war die Bilanz gegen Werder Bremen, standen am Ende für die Mainzer zu Buche. In elf Saisonspielen lagen sie sieben Mal in Führung, nur zwei Partien – die ersten beiden der Saison – konnten die Nullfünfer dann tatsächlich gewinnen, ganze drei Mal kippte das Match noch komplett zu Gunsten des Gegners. Das sind Werte, die sonst nur Absteiger aufweisen. In der Tabelle stehen die Mainzer allerdings noch über dem Strich auf Platz 15, knapp vor dem HSV, allerdings nur noch wegen der minimal besseren Tordifferenz. Die nächsten Gegner für Mainz heißen VfB Stuttgart, 1. FC Köln (auswärts) und Bayern München.

Derweil versucht Thomas Tuchel, den Druck von der Mannschaft zu nehmen, indem er – sowieso traditionell überkritisch, was Unparteiische betrifft – den Schiedsrichtern die Schuld an der Mainzer Misere gibt. Das ist einerseits zwar honorig, andererseits aber auch gefährlich für das Verhältnis von Mannschaft und Trainer, und zwar dann, wenn Spieler dem Trainer öffentlich widersprechen. Genau das hat Eric Maxim Choupo-Moting am Samstagabend getan, ein von seinem Trainer reklamiertes angebliches Foulspiel vor dem Bremer Ausgleich müsse man nicht pfeifen, hat der Stürmer gesagt. Und dann hat Choupo-Moting noch etwas gesagt, das weder Trainer noch Mannschaft noch Verein noch Fans gefallen dürfte, sich aber endlich erfrischend an der Realität orientiert – er hat das Wort „Abstiegskampf“ im Mund geführt. Andererseits müsste den Mainzern ein Blick auf die Tabelle genügen, um zu erkennen, dass da etwas dran ist. Es wird vermutlich eine verdammt enge Saison für den sympathischen Club aus der rheinland-pfälzischen Hauptstadt.

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