Ungeahnte Möglichkeiten

Mehr oder weniger heimlich, still und leise hat Borussia Dortmund Nuri Sahin zurückgeholt – das ist der Deal dieses Winters. Den Dortmundern bringt der Wechsel des von Real Madrid an den FC Liverpool ausgeliehenen und nun von den Dortmundern ebenfalls geborgten Mittelfeldspielers neben einer weiteren sportlichen Option vor allem viel Reputation, und gut für die Bilanzen ist er auch noch. Doch stellt sich die Frage: Was wollen die Dortmunder mit noch einem Sechser?

Sebastian Kehl, Sven Bender, Ilkay Gündogan, Moritz Leitner – das sind die Namen jener Spieler, die bei Borussia Dortmund in den vergangenen 18 Monaten auf der Sechs, also im defensiven Mittelfeld, gespielt haben. In verschiedenen Konstellationen. Während sich Trainer Jürgen Klopp aus Gündogan, Kehl und Bender stets zwei Spieler für die Startelf erwählte, war Leitner meist der Mann für die letzten Minuten, um bei knapper Führung entweder zusätzlich abzusichern. Oder um bei ausreichender Führung den erschöpfteren der beiden Stammspieler abzulösen. Das hat fast immer blendend funktioniert.

Jetzt bekommen die Vier einen namhaften Konkurrenten zur Seite gestellt. Nuri Sahin ist wieder da. Der verlorene Sohn. Für grob zehn Millionen Euro war Sahin nach der ersten Meisterschaft der Borussen im Sommer 2011 zu Real Madrid gewechselt, wo er erst verletzt war und auch nach seiner Genesung kaum zum Zug kam, weswegen ihn die Madrilenen an den FC Liverpool ausliehen. Auch dort spielte Sahin selten, um nicht zu sagen: sehr selten. Dass Klopp jetzt einen Kandidaten mehr hat für die beiden Positionen im defensiven Mittelfeld, ist allerdings nur auf den ersten, flüchtigen Blick ein Problem. Bei etwas genauerem Hinsehen entpuppt sich Sahins Rückkehr vor allem auf mittlere Sicht als echter Gewinn, und das nicht nur finanziell. Bis Ende Juni 2014 läuft die Ausleihe des türkischen Nationalspielers, danach kann Sahin vom BvB zurückgekauft werden, für kolportierte sechs Millionen Euro. Falls Dortmund die Option zieht, ist die Rechnung einfach: Zehn Millionen kassiert, für sechs zurückgeholt, macht unter dem Strich ein Plus von vier Millionen. Zudem erhält die Borussia ein Eigengewächs, das der Trainer und die schwarz-gelben Spieler nur allzu gut kennen und das nach seiner Leidenszeit höchst motiviert sein dürfte, für seinen Heimatclub alles zu geben.

Neue Optionen für Klopp

Doch nicht nur deswegen dürfen sie sich in Dortmund auf die Schulter klopfen. Denn auch in sportlicher Hinsicht eröffnen sich dem BvB neue Perspektiven, ohne dass das Gedränge auf der Sechser-Position für andauernde schlechte Stimmung sorgen muss. Nimmt man die Aufstellungen der Hinrunde unter die Lupe, zeigt sich schnell, dass von den vier genannten Spielern in Kehl und Bender zwei oft verletzt waren, phasenweise sogar zur gleichen Zeit. Zudem hat es sich in Dortmund so gefügt, dass die Borussia von Gündogan sehr, wenn nicht gar zu abhängig geworden ist. Dazu ein paar Zahlen: In vier Partien ohne Gündogan holte Dortmund zwei magere Punkte. Nur ein Spiel, in dem er mitgewirkt hat, haben die Westfalen verloren (das seltsame 2:3 gegen den VfL Wolfsburg). Ein Nuri Sahin in Normalform dürfte das Dortmunder Aufbauspiel nicht nur stabilisieren, sondern deutlich verbessern, wenn Leitner im gleichen Atemzug auf eine taktisch weniger gehobenen Position versetzt würde, etwa auf den Außen. Dort könnte er dort Spielpraxis sammeln und würde keinem der arrivierten Sechser den Platz streitig machen.

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Das hätte für den Trainer weitere positive Aspekte zur Folge. Denn geht man mal davon aus, dass der Stürmer Robert Lewandowski den BvB im Sommer verlässt, wofür einiges spricht, könnten Mario Götze oder Marco Reus in die Sturmspitze vorrücken, womit – je nachdem – auf links oder rechts eine Position vakant würde, die Leitner dann übernehmen kann.

4-2-3-1? 4-1-4-1? Oder gar 4-3-2-1?

Betrachtet man allein die taktischen Möglichkeiten, ergäben sich für Klopp nun weitere Varianten. Einmal könnte er das gewohnte 4-2-3-1 auch ohne Lewandowski weiter spielen lassen, bei einem Ausfall von Reus oder Götze stünde als Alternative an vorderster Front Julian Schieber bereit. Oder der Trainer setzt auf ein 4-1-4-1, in dem Bender oder Kehl direkt vor der Viererkette agieren, hinter einem Vierer-Mittelfeld, in dem Götze, Blaszczykowski, Sahin, Reus, Leitner und Gündogan um die Plätze rangeln (je nachdem, was in der Stürmerfrage passiert, fallen Götze bzw. Reus hier heraus). Und schließlich bliebe Klopp immer auch die Chance, auf den so genannten Tannenbaum zurückzugreifen, ein 4-3-2-1, in dem Kehl mit Gündogan und Sahin die defensiveren Stellen im Mittelfeld besetzen könnten.

Eingangs haben wir die These aufgestellt, dass Sahins Rückkehr darüber hinaus auch ein Gewinn ist für die Reputation der Borussia – nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene. Zwar wird Sahin wohl der Ruf anhaften, sich weder in Madrid noch in Liverpool durchgesetzt zu haben, das schon. Doch ob es einem gesunden Sahin ebenso ergangen wäre wie dem verletzten, darf bezweifelt werden. Um die Klasse des gebürtigen Lüdenscheiders wissen wir alle noch zu gut, schließlich war er der herausragende Akteur in der Saison 2010/11, als Klopp seine erste Meisterschaft mit der Borussia feierte. Es ist gut möglich (oder sogar sehr wahrscheinlich), dass die nationale Konkurrenz in Bälde wieder leidvoll erfahren muss, welche Qualität das Spiel des Nuri Sahin hat. Und wenn es gut läuft für Dortmund, dürften auch die Gegner auf internationaler Ebene, sprich: in der Champions League, bald merken, dass der Türke das Fußballspielen in den anderthalb Jahren außerhalb Dortmunds nicht verlernt hat.

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