Wie Favre die Bayern irritierte

Mit kompaktem Defensivspiel, dafür jedoch wenig Entlastung nach vorn, hat es die Gladbacher Borussia erneut geschafft, gegen den FC Bayern nicht zu verlieren. Die taktischen Kniffe von Trainer Lucien Favre, ein hervorragender Marc-Andre ter Stegen zwischen den Pfosten und auch die in München immer nötige Menge Glück bescheren den Kickern vom Niederrhein einen vorweihnachtlichen Punkt in der Münchner Allianz-Arena.

Die erste Überraschung, die Favre im letzten Vorrundenspiel bei den Bayern aufbot, war das System. Der Schweizer schickte eine 4-4-1-1-Formation auf das Feld, einziger echter Stürmer war Mike Hanke, hinter ihm präsentierte sich Tolga Cigerci in eher halblinker Positon, vor Juan Arango, als hängende Spitze. Thorben Marx und Havard Nordveit bildeten die Doppelsechs, die speziell von Nordveit bei Gladbacher Ballbesitz relativ offensiv interpretiert wurde. Allerdings war der Norweger bei Ballverlusten (und die gab es häufig) immer schnell wieder hinter dem Ball, um das Münchner Aufbauspiel zu stören.

Genau dafür – die Bayern agierten im gewohnten 4-2-3-1 – hatte sich Favre eine taktische Finte zurechtgelegt. Weil mit Thomas Müller auf rechts und mit Franck Ribéry auf der linken Seite in dieser Saison die Spieler auf den Außenbahnen extrem effizient sind, verzichtete der Gästecoach darauf, das Zentrum zu massieren, was bis dato die meisten Gegner der Bayern versucht haben. Stattdessen verordnete Favre seinen Flügelspielern Herrmann und Arango, die Außenverteidiger der Bayern (Lahm und Alaba) eng zu begleiten, wenn diese nach vorn stießen. Zudem spielten die Gladbacher Außenverteidiger Wendt und Jantschke gegen Müller und Ribéry so etwas wie Manndeckung. Weil diese beiden – Wendt und Jantschke – den Auftrag hatten, extrem tief und nah am Mann zu stehen, konnten Ribéry und Müller so gut wie nie in voller Fahrt mit dem Ball am Fuß auf sie zulaufen – womit Favre diesen beiden ihre extremen Vorteile genommen hatte.

Favre zerstört den Spielaufbau der Bayern

Auf der anderen Seite konnten Jantschke und Wendt dagegen nicht wie gewohnt offensive Akzente setzen. Doch das sollten sie auch gar nicht (auch wenn der Gladbacher Elfmeter zum 0:1 in der 20. Minute aus einem schnellen Konter resultierte), Favre war eher darauf aus, die Bayern im Spielaufbau zu stören. Das gelang oft: Wenn der Ball bei Manuel Neuer war, schoben Nordveit, Cigerci und Hanke nach vorn und stellten die Anspielstationen zu. Neuer musste einige lange Bälle spielen, womit Gladbach den gepflegten Spielaufbau der Bayern oft zunichtemachte. Zudem verstand es die Borussia, bei langen Bällen gut im Raum zu stehen, sich andererseits aber auch kompakt zusammenzuziehen. Das führte zu relativ vielen Ballgewinnen der Gäste.

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In der zweiten Hälfte war es dann an Bayerns Coach Jupp Heynckes, die Taktik zu verfeinern und so zumindest noch zum Ausgleich zu kommen, was ja auch gelingen sollte. Indem Lahm und Alaba höher standen, verkürzten sie die in der ersten Hälfte meist zu offenen Räume zu den vor ihnen agierenden Müller und Ribéry. Weil Heynckes schon vor der Pause Shaqiri für Martinez gebracht hatte und so für mehr Bewegung sorgen wollte, rückte Kroos auf die Achter-Position, wo er mehr für seine Mannschaft tun konnte als zuvor auf der Zehn, während sich Schweinsteiger auf die Position von Martinez begab. Diese Formation verstand es besser, sich gegen das tief stehende Gladbacher Bollwerk durchzusetzen, der Ausgleich fiel aber nach einem Fehler von Marx (der zuvor den Elfmeter verwandelt hatte), den Shaqiri nur noch auszunutzen brauchte. Allerdings erzwangen die Bayern diesen Fehler auch, indem sie nach und nach auf ein immer höher einsetzendes Pressing setzten, das Marx spielerisch entzaubern wollte, was eben schief ging.

Die Bayern wollen es erzwingen – vergeblich

Im Anschluss daran, es waren noch über 30 Minuten zu spielen, erhöhten die Bayern den Druck, was auch daran lag, dass Alaba und Lahm immer mehr Akzente über ihre Seiten setzten. So kamen die Bayern noch zu ein paar guten Chancen, die jedoch der junge Torhüter ter Stegen allesamt zu vereiteln wusste. Mit der Einwechslung von Claudio Pizarro für Müller (Mario Gomez hatte zuvor bereits Mario Mandzukic abgelöst) nahm Heynckes für die letzten zehn Minuten dann in Kauf, dass das spielerische Element etwas abhandenkam. Vielmehr versuchten es die Bayern jetzt mit Flanken auf die beiden Mittelstürmer, doch unterm Strich war das wenig gefährlich. Glück hatten die Gäste, als Ribéry in der 82. Minute knapp daneben zielte und Kroos kurz vor dem Ende bei einem satten Schuss in ter Stegen seinen Meister fand.

Über das Spiel gesehen kann man zwar wirklich nicht davon sprechen, dass die Gäste den Hausherren ebenbürtig waren, das wäre übertrieben. Außerdem zeigten sich die Münchner taktisch auch flexibel, als es darum ging, sich auf das Spiel der Gladbacher einzustellen. Doch bei einer Statistik, die 14 Ecken ausweist (Gladbach vier), 26 Versuche beim Torabschluss (Gladbach fünf) und 31 Flanken (Gladbach sechs) muss man sagen, dass den Bayern an diesem Abend schlicht die Effizienz fehlte. Und um die Statistiken abzurunden: Mit 125 gelaufenen Kilometern taten die Gäste physisch auch sehr viel dafür, diesen einen Punkt aus München mitnehmen zu können, während die Bayern insgesamt sieben Laufkilometer weniger auf den Platz brachten. Der Schlüssel zum Gladbacher Teilerfolg war – neben der bayrischen Ineffektivität – jedoch sicher Favres beschriebener taktischer Kniff, die Münchner Flügel in der ersten Halbzeit nicht zur Geltung kommen zu lassen.

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