Frei von allen Zwängen

Normalerweise versuchen wir an dieser Stelle, eins der Bundesligaspiele des zurückliegenden Wochenendes taktisch zu untersuchen. Dieses Mal machen wir eine Ausnahme, weil das seit langem spektakulärste Spiel völlig bar von Taktik war. Ein Genuss für den Zuschauer.

Wer kuriose Spiele und viele Tore erleben möchte, muss in dieser Saison zum VfB Stuttgart gehen. 20 Tore sind in den letzten drei Spielen mit schwäbischer Beteiligung gefallen; einem 2:3 in Berlin folgte ein 3:3 gegen Leverkusen (nach 0:3-Rückstand). War das noch zu toppen? Ja. 5:4 haben die Stuttgarter jetzt bei Eintracht Frankfurt gewonnen, nach mehreren irren Wendungen. Auch ein 6:6 oder ein 8:10 wäre problemlos möglich gewesen. Die taktische Marschroute der Gäste war das bevorzugte 4-2-3-1, in dem Harnik den Stürmer gab. Frankfurts Schaaf setzte hingegen auf ein ungewöhnliches 4-1-1-2-2, mit dem seine Mannschaft zunächst überhaupt nicht zurechtkam. Der VfB besetzte die Räume zwischen den unzusammenhängend stehenden Frankfurtern und schaltete nach vielen Ballgewinnen im Mittelfeld schnell und sehenswert um. Doch die daraus resultierenden Chancen wurden nicht genutzt – stattdessen ging die Eintracht nach einem Eckball nach 20 Minuten überraschend in Führung.

Stuttgart hielt sich jedoch weiter an die Vorgaben Vehs und drehte die Partie vor der Pause durch zwei Harnik-Treffer. Das 1:2 war noch schmeichelhaft für die Gastgeber, die keine Linie ins Spiel brachten. Halbzeit zwei ging genauso weiter – Frankfurt war gegen einen dominanten VfB überfordert, das 1:3 (nach tollem Doppelpass) schien die Entscheidung zu sein. Doch so überlegen die Gäste bis dahin agierten, so nachlässig wurden sie dann. Zwischen der 57. und der 65. Minute schlug die Eintracht aus dem Nichts gleich drei Mal zu, jetzt waren es die Stuttgarter, die den Faden komplett verloren hatten.

Unter dem Strich verdient

Veh entschied sich fünf Minuten nach dem 3:4, den starken Sararer durch Youngster Werner zu ersetzen, es sollte sich als entscheidender Schachzug erweisen. Frankfurt schien die Partie zu kontrollieren, Stuttgart schaffte es nicht, auf die Taktik der ersten Halbzeit umzustellen, als das Pressing schon in der Frankfurter Hälfte viele Ballgewinne erzeugte. Die Hausherren vergaben das 5:3, was den VfB aufzuwecken schien. Mit einem Mal verlor Frankfurt wieder die Linie, Schaaf musste den stark gelb-rot-gefährdeten Verteidiger Anderson gegen Lanig auswechseln, ein gelernter Mittelfeldspieler. Und einen Fehlpass von eben Lanig fing Stuttgart ab, Werner veredelte sein Solo über 50 Meter mit einem überlegten Tor zum 4:4. Sofort übernahm der VfB wieder die Kontrolle, die Frankfurter Unsicherheit war deutlich zu spüren. Und sie war nicht ungerechtfertigt.

Stuttgarts Offensivspieler Kostic, der wie die Angriffskollegen eine gute Partie zeigte, trieb seine Mannschaft spielerisch und durch Gesten nach vorn, das VfB-Mittelfeld war jetzt dicht gestaffelt, kein Durchkommen mehr für die Eintracht. Ein Kostic-Freistoß war es dann auch, den Gentner in der 84. Minute über die Linie drückte. Nun drückte Frankfurt wieder, wurde aber durch den Platzverweis für Seferovic dezimiert – und hatte dennoch die Chance zum 5:5. Im Gegenzug vergaben Harnik und Werner die Chance auf das 6:4. Unter dem Strich stand das aufgrund der besseren Spielanlage und größeren Torgefahr verdiente 5:4 für den VfB.

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