Sturm ist nicht genug

Beim 4:4 gegen Schweden stolpert die deutsche Nationalelf über die überragende Fülle ihrer offensiven Möglichkeiten. Das Team scheint nur dann zu funktionieren, wenn es nach vorne spielen kann und darf. Der völlige Einbruch beim Stand von 4:0 kommt nach dem zweiten Treffer der Schweden. Und auch der Bundestrainer muss sich vorwerfen lassen, dem gefühlten Debakel nicht energisch genug entgegengehalten zu haben.

Es ist so eben noch mal gutgegangen, denken die meisten der über 72.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion, in der letzten der drei Minuten Nachspielzeit. Die deutsche Nationalelf bekommt einen Freistoß zugesprochen am Strafraum der Schweden, die beim Stand von 3:4 kämpfen wie die Löwen, fast alle kommen sie mit zurück, in Erwartung eines hohen Flankenballs von Toni Kroos oder Bastian Schweinsteiger. Oder eines flachen Passes in Richtung Eckfahne auf den für Thomas Müller nach 66 Minuten ins Spiel gekommenen Mario Götze, um dort den Ball „vehement“ zu verteidigen und so Zeit zu gewinnen, wie der Bundestrainer später vorwurfsvoll anmerken wird. Doch nichts von alledem geschieht, über 80 Meter wird der Ball zu Manuel Neuer zurückgespielt, der den Ball in Ermangelung anderer Optionen wieder nach vorn drischt, wo die Schweden wie hungrige Wölfe über die Kugel herfallen, bis sie diese erobert haben. Dann Flanke von rechts, Abwehr Deutschland hinüber vor die Gegengerade, die Schweden hetzten hinterher und bringen den Ball erneut in den Strafraum der Deutschen, wo Rasmus Elm, mit seinen Kräften am Ende, nur noch den linken Fuß ausstreckt und Holger Badstuber das Leder durch die Beine schießt. Der Rest ist bekannt. Jubel in gelb und blau; grenzenlose Enttäuschung bei den Gastgebern, die vom Platz schleichen wie geprügelte Hunde, als ob sie eben im WM-Finale ein 0:5 gegen die Spanier kassiert hätten.

Fußball-Rebounder

Und so muss es sich auch anfühlen. Vergessen sind die brillanten ersten 60 Minuten, in der Özil, Reus, Müller, Klose und Co. ein Länderspiel gezeigt haben, wie man es von einer deutschen Elf noch selten gesehen hat. Vergessen, dass die Schweden bis dahin mindestens eine Klasse schlechter waren, dass Miro Klose nun bis auf ein Tor an Gerd Müller herangerückt ist. Anderes rückt in den Vordergrund. Die Frage nach dem Warum etwa, und die Frage, warum Joachim Löw in den letzten 20 Minuten die Defensive nicht gestärkt hat, als jeder im Stadion sehen konnte, dass das Spiel drauf und dran war, in Richtung der Schweden zu kippen. Höwedes hätte Boateng ersetzen müssen, über dessen Seite jedes Tor der Gäste gefallen war, Westermann hätte den defensiv zu sorglosen Kroos ablösen müssen, Özil hätte ebenfalls tiefer stehen müssen, für Reus auf rechts und Götze auf links gilt diese Aussage allerdings auch.

Es gibt keinen Plan B

Dass man hinterher immer schlauer ist, hat man schon oft feststellen müssen, doch dieses Mal beschlich den Beobachter nach dem 2:4 durch Schwedens Verteidiger Lustig ein ungutes Gefühl. Auch Manuel Neuer hatte keinen guten Tag erwischt, der Schuss war haltbar und bei zwei äußerst misslungenen Ausflügen aus dem Strafraum hätten die schwedischen Stürmer den Deutschen noch mehr Gegentore einschenken können. Zudem verstand es auch der ansonsten spielerisch zurecht bewunderte Torwart nicht, Ruhe in die Aktionen seiner Mannschaft zu bringen, indem er jeden Rückpass über die Mittellinie drosch, und wo jedes Mal schon zwei oder drei Schweden warteten und den Ball abfingen. Und wenn die Deutschen dann doch einmal versuchten, über Lahm, Götze und Özil nach vorn zu kombinieren, machten die Schweden die Räume in den letzten 20 Minuten genauso zu, wie sie sie bis dahin offen gelassen und so Löws Mannschaft zum munteren Sturmlauf eingeladen hatten.

Die deutsche Mannschaft hat keinen Plan B in der Tasche, wenn ein Spiel aus dem Ruder läuft, das ist eine Erkenntnis, die im EM-Halbfinale gegen Italien einsetzte, beim glücklichen 2:1 über Österreich in Wien zur Gewissheit wurde und mit dem 4:4 gegen Schweden eine neue Dimension erreicht hat. Wenn sie stürmen darf wie in Dublin oder in der ersten Stunde gegen Schweden, gibt es nahezu kein Team auf der Welt, das so ideenreich und voller Phantasie kombiniert und Tore erzielt. Doch wehe, der Gegner übt Druck aus, wie die Italiener, die früh mit zwei Toren vorn lagen. Oder wie die Österreicher, die den Deutschen über 90 Minuten überlegen waren. Oder eben wie die Schweden, denen ein einziges Tor genügte, um die deutsche Mannschaft in Angst und Schrecken zu versetzen ob der Tatsache, dass diese nun von Angriff auf Abwehr umstellen muss.

Löw ist durch eine Prüfung gefallen

Man muss es so langsam nämlich deutlich sagen: Deutschland kann nicht mehr gut verteidigen. Das beginnt im Mittelfeld, wo Kroos Schweinsteiger oft allein lässt in defensiven Dingen, und setzt sich nach hinten fort, wo Badstuber und Mertesacker orientierungslos im Raum standen, und das bei jedem Treffer der Schweden. Müßig zu diskutieren, ob der verletzte Khedira anstelle von Kroos mehr Ordnung ins Spiel gebracht hätte oder ob der verletzte Hummels anstelle von Mertesacker den Schweden schon höher begegnet wäre als am Strafraum, wo Mertesacker jedes Mal ehrfürchtig abwartete, was passieren würde. Vermutlich hätte es nicht so gebrannt in der deutschen Defensive mit diesen beiden Personaländerungen, doch muss eine deutsche Elf taktisch in der Lage dazu sein, zwei so prominente Ausfälle wegzustecken. Zumal in einem Heimspiel gegen Schweden, bei einem Spielstand von 4:0!

Joachim Löw ist in diesem Qualifikationsspiel durch eine Prüfung gefallen, die seine Mannschaft ihm selbst gestellt hat. Er hat falsch gewechselt, die dritte Wechselmöglichkeit gar ignoriert, die sich in der vorletzten oder der letzten Minute der Nachspielzeit förmlich aufgedrängt hat. Die Hereinnahme eines Abwehrspielers für Klose oder Özil wäre zwar ein Signal an die Schweden gewesen, aber es hätte sie auch aus dem Rhythmus gebracht und Zeit von der Uhr genommen. Und doch muss eine Mannschaft mit so vielen Weltklasseakteuren dazu in der Lage sein, sich selbst zu coachen, wenn ein Spiel derart aus dem Ruder läuft. Der Bundestrainer und seine Schützlinge müssen sich der Kritik zu gleichen Hälften stellen. Ansonsten bliebe nur zu hoffen, dass TV-Experte Mehmet Scholl Recht behalten möge, dass den aktuellen Nationalspielern eine Farce dieser Art wohl nicht mehr unterkommen wird.

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