Die Grätsche ist das schlechteste Mittel im Zweikampf

Vor ein paar Jahren war der Aufschrei noch groß, als der Bundestrainer Jogi Löw öffentlich verkündete, dass er Grätschen nicht sehen wolle. Nachdem Löw dann auch noch durchblicken ließ, dass er rustikale Zweikämpfe in jeglicher Form vermeiden wolle, meldeten sich diverse Bundesligatrainer zu Wort, um diesen Thesen zu widersprechen. Die Aufregung hat sich mittlerweile gelegt, denn in der Bundesliga gibt es heute viele Mannschaften, die mit modernen defensiven Konzepten arbeiten, bei denen es nicht mehr nötig und erwünscht ist, mit brachialer Gewalt in die Zweikämpfe zu gehen, um den Ball zu gewinnen.

Warum die Grätsche grundsätzlich problematisch ist

Bei einer Grätsche geht der verteidigende Spieler zu Boden. Deswegen muss er in dieser Situation den Zweikampf gewinnen. Ansonsten hat der angreifende Spieler einen immensen Vorteil, denn er kann ohne direkten Gegenspieler zumindest die nächsten Meter mit dem Ball laufen. Das reicht oft aus, um eine gefährliche Situation bzw. einen Torerfolg zu kreieren.

Aber selbst wenn der grätschende Spieler den Ball erreicht, ist damit noch längst nicht gesagt, dass die Situation geklärt ist. In den meisten Fällen wird der Ball bei einer Grätsche relativ unkontrolliert weggespielt. Im besten Fall bekommt ein Mitspieler den Ball, aber es kommt regelmäßig vor, dass ein Gegner in Ballbesitz gerät, eventuell sogar in einer sehr ungünstigen Position. Oft wird der Ball auch ins Aus gespielt, so dass der Gegner in Ballbesitz bleibt.

Problematisch ist zudem, dass eine Grätsche häufig zu einem Foulspiel führt. Nicht unbedingt nur deswegen, weil der verteidigende Spieler zu spät kommt, sondern auch weil eine Grätsche einem cleveren Angreifer eine gute Chance gibt, ein Foul zu ziehen. Wenn das Foul dann auch noch halbwegs spektakulär aussieht, sehen sich viele Schiedsrichter dazu genötigt, eine gelbe oder manchmal auch eine rote Karte zu geben.

Eine Grätsche durch kluge Verteidigung überflüssig machen

Bei modernen Defensivsystemen verteidigt die ganze Mannschaft und bringt den ballführenden Spieler in eine Situation, aus der sich kaum noch befreien kann. Entweder macht der Gegner mit Ball dann einen Fehler und spielt einen Fehlpass oder aber es ergibt sich die Möglichkeit, durch einen relativ einfachen Zweikampf den Ball zu erobern. Beide Varianten kommen nicht nur ohne Grätsche, sondern auch ohne Foulspiel aus. Oft ist es überhaupt nicht nötig, direkt in einen Zweikampf zu gehen. Vielmehr ist es das Ziel, eine Überzahlsituation zu schaffen, in der die Balleroberung nur noch eine Frage der Zeit ist.

Ein sehr angenehmer Nebeneffekt dieser Strategie ist, dass die Spieler, die den Ball verlieren, sich häufig dazu genötigt sehen, nach dem Ballverlust ein Foulspiel zu begehen. Das hat nicht zuletzt psychologische Gründe, aber oft entstehen beim Ballgewinn auch gefährliche Situationen, so dass ein taktisches Foul beinahe unumgänglich ist. Durch das Vermeiden der Grätsche gewinnt der verteidigende Spieler also im besten Fall doppelt.

Sollte man dem Gegner nicht den Schneid abkaufen?

Es gibt viele Fußballer und Trainer, die davon überzeugt sind, dass sie dem Gegner mit harten Grätschen und robusten Zweikämpfen den Schneid abkaufen können. Das mag sogar stimmen, aber ist es nicht viel effektiver, den Gegner durch eine wirksame Verteidigungsstrategie und Tore zu demoralisieren? Nur weil Sie auf Grätschen weitgehend verzichten, heißt das zudem keinesfalls, dass Ihre Spieler Zweikämpfe vermeiden sollen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob ein Spieler bei einem Zweikampf in erster Linie die Balleroberung sucht oder ob er dem Gegenspieler demonstrieren möchte, was für ein harter Kerl er ist.

Manchmal geht es nicht ohne Grätsche

Auch wenn viele Trainer mittlerweile begriffen haben, dass die Grätsche grundsätzlich kein besonders gutes Mittel im Zweikampf ist, heißt das noch lange nicht, dass es nicht bestimmte Situationen gibt, in denen die Grätsche das einzige Mittel ist. Dann ist es selbstverständlich geboten, die Grätsche zu nutzen. Wenn der letzte Abwehrspieler beispielsweise keine andere Chance mehr hat, einen Stürmer zu stoppen, ist eine Grätsche ein legitimes Mittel. Aber abgesehen von solchen extremen Situationen, ist es immer besser, zunächst einmal alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen. Wenn Ihr Team es schafft, Grätschen nur in Ausnahmesituationen einzusetzen, profitieren Sie davon langfristig. Ihr Team vermeidet nicht zuletzt viele Sperren und Freistöße.

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