Dreierkette oder Viererkette – welches Spielsystem ist wann das bessere?

Dreierkette oder Viererkette? Die Viererkette im Fußball ist untrennbar mit der ballorientierten Verteidigung verbunden. Zu den Wegbereitern dieses modernen Spielsystems gehören ausgerechnet unsere Lieblingsnachbarn aus den Niederlanden. Bereits bei der WM 1974 in Deutschland präsentierte die „Oranje“ mit Trainer-Legende Rinus Michels die Viererkette erstmals einem breiten Publikum. Die Fachwelt sprach damals vom Spielsystem des „totalen Fußballs“, welches in den Niederlanden entwickelt und spätestens unter Michels perfektioniert worden war. Knapp 20 Jahre später war es dessen Landsmann Louis van Gaal, der mit dem „Ajax-System“ auf der nationalen und internationalen Bühne zahlreiche Titel abräumte. Ajax Amsterdam agierte unter Louis van Gaal zwar in einem 3-4-3-System, war dabei jedoch ausschließlich auf das ballorientierte Verteidigen eingestellt.

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Von der Viererkette zur Dreierkette

In den 2000er-Jahren gab es dann einen erneuten Sinneswandel, der seinen Ursprung vor allem in Italien und Spanien hatte und die Einführung der Dreierkette mit sich brachte. Spätestens zur WM 2014 in Brasilien wurden auf einer Dreierkette basierende Spielsysteme auch im internationalen Fußball salonfähig und einmal mehr gehörte die Niederlande zu jenen Teams, die mit dieser Taktik sehr erfolgreich waren. Die Dreierkette löste das zuvor sehr weit verbreitete 4-2-3-1 immer mehr ab und gilt inzwischen als sehr akzeptierte Alternative zum ballorientierten Verteidigen mit der Viererkette.

Wo liegen die Vorteile der Dreierkette?

Auf den ersten Blick scheint ein Spielsystem mit Dreierkette offensiver ausgelegt zu sein als die Varianten mit einer Viererkette. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass der Abwehrverbund bei gegnerischem Ballbesitz in der Regel zu einer Fünferkette wird. Die beiden Mittelfeldspieler auf den Außenbahnen lassen sich zurückfallen und verdichten damit die Räume unmittelbar vor dem eigenen Strafraum. Pässe in die Schnittstellen der Abwehrkette werden für den Gegner schwerer, die verteidigende Mannschaft sorgt für Überzahl in Ballnähe.

Gleichzeitig können mit der Dreierkette bei eigenem Ballbesitz aber auch in der Offensive Überzahlsituationen kreiert werden. Da beide Außenspieler mit aufrücken, befinden sich sieben Spieler vor der Abwehrreihe. Für den ballführenden Spieler sollte sich daraus im Aufbauspiel also mindestens eine zusätzliche Anspielstation ergeben.
Nur sehr selten wird die Dreierkette als starres System mit zwei Außen- und einem Innenverteidiger interpretiert. Die Defensive wird bei eigenen Ballverlusten im Mittelfeld ansonsten sehr anfällig für Konter. Sofern einer der Außenverteidiger bei eigenem Ballbesitz ins Mittelfeld aufrückt, ist ein schnelles Umschaltspiel des Gegners für die verbliebenen Abwehrspieler kaum noch effektiv zu verteidigen.

Wo liegen die Vorteile der Viererkette?

Nachdem Spielsysteme mit Libero inzwischen auch im Amateur- und Juniorenfußball so gut wie ausgestorben sind, bildet die Viererkette den idealen Einstieg in das ballorientierte Verteidigen. Die Anforderungen an taktische Disziplin und Spielverständnis sind bei der Viererkette deutlich geringer als bei Spielsystemen mit Fünfer- oder Dreierkette. Gleiches gilt für das körperliche Leistungsvermögen, welches bei Amateuren oder Junioren naturgemäß nicht auf dem Niveau eines Profis liegen kann.

Sofern ein klassisches 4-4-2 mit zwei Viererketten gespielt wird, kann dies die Flexibilität des Trainers erhöhen, insbesondere wenn der Kader nicht sehr breit aufgestellt ist. Ein Spieler kann in diesem Fall sowohl in der Abwehrkette als auch im Mittelfeld eingesetzt werden, da die grundsätzlichen Abläufe bei beiden Viererketten dieselben bleiben.baelle-trainingsplatz

Gleichzeitig engt die Viererkette den Trainer in seinen taktischen Möglichkeiten nicht zu sehr ein, da es eine nahezu unerschöpfliche Auswahl an Systemvarianten gibt. Das 4-4-2 kann auch mit Raute im Mittelfeld gespielt werden, es kann mit einer Doppelsechs im 4-2-3-1 agiert werden oder im Tannenbaum-System eines 4-3-2-1. Diese kleine Auswahl stellt bei Weitem keine abschließende Aufzählung dar.

Welche Stärken und Schwächen bieten beide Systeme im Vergleich?

Spielsysteme mit Viererkette können als konservative Variante des ballorientierten Verteidigens bezeichnet werden, während die Vorteile der Dreierkette bei taktisch versierten Mannschaften in besonderer Weise zum Tragen kommen. Die Dreierkette kann im Offensivspiel zwar einige Vorteile mit sich bringen, birgt andererseits aber auch ein höheres Fehlerpotenzial. Häufig reicht es aus, wenn beim Umschaltspiel ein einzelner Spieler nicht oder auch nur etwas zu spät verschiebt, um den gesamten Verbund ins Wanken zu bringen. Dies gilt für die Viererkette grundsätzlich zwar ebenfalls, jedoch in deutlich abgeschwächter Form.

Ein weiterer Vorteil der Viererkette gegenüber konkurrierenden Varianten mit Fünfer- oder Dreierkette liegt darin, dass dieses Spielsystem schneller einzustudieren bzw. zu perfektionieren ist. Gerade im Amateurbereich, wo nicht täglich trainiert werden kann, sollte die Einführung von Spielsystemen mit Dreierkette als langfristiger Prozess angesehen werden. Wichtigste Voraussetzung hierfür sind eine entsprechende Spielphilosophie innerhalb des Vereins und eine gewisse Kontinuität auf der Trainerbank. Die Viererkette wird dagegen als „üblich“ angesehen, so dass sich Änderungen innerhalb dieses Spielsystems auch kurzfristig realisieren lassen, etwa bei einem Trainerwechsel.

Welchen Einfluss hat das Spielermaterial auf die Entscheidung?

Ob mit Vierer- oder Dreierkette gespielt wird, hängt unter anderem auch von den Möglichkeiten der eigenen Spieler ab. Sehr erfahrene Spieler werden die Abläufe innerhalb eines auf Dreierkette basierenden Spielsystems deutlich schneller und effektiver umsetzen können als jüngere Spieler. Darüber hinaus werden insbesondere auf den Außenpositionen Spieler mit einer hohen Ausdauer benötigt, da diese in der Regel das höchste Laufpensum zu absolvieren haben.

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Nicht zuletzt spielt auch die Größe des Kaders eine entscheidende Rolle. Spielsysteme mit Dreierkette erheben sehr individuelle Ansprüche an die gesamte Mannschaft. Einzelne Spieler können deshalb nicht ohne Weiteres auf einer beliebigen anderen Position innerhalb dieses Systems eingesetzt werden. Der Kader sollte daher auf den zumindest wichtigsten Positionen doppelt besetzt sein, etwa in der Innenverteidigung oder auf den Außenbahnen im Mittelfeld, damit im Laufe einer Saison auch mögliche Verletzungen oder Sperren adäquat ersetzt werden können.

Muss das Spielsystem auf den Gegner ausgerichtet werden?

Die taktische Ausrichtung des Gegners sowie dessen Spielstärke sollten bei der Wahl des Spielsystems ebenfalls berücksichtigt werden. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass ein offensiv agierender Gegner mit einer Viererkette mit weniger Aufwand leichter zu verteidigen ist. Spielt der Gegner etwa mit drei Stürmern, so kann sich der eigene Abwehrverbund auf die Schnittstellen innerhalb der Viererkette konzentrieren und die entsprechenden Räume verdichten.

Dies ist zwar auch durch eine Dreierkette möglich, wenn diese bei gegnerischem Ballbesitz zur Fünferkette wird. Daraus ergeben sich jedoch zwei grundsätzliche Probleme. Erstens gilt dies nur, sofern die Außenspieler ihre Position im Abwehrverbund einnehmen können, zweitens gewährt man dem Gegner damit mehr Räume im Mittelfeld, wodurch dieser mehr Druck aufbauen kann und die eigene Mannschaft am Strafraum „eingeschnürt“ wird.

Geht man dagegen als Favorit gegen eine defensiv eingestellte Mannschaft ins Spiel, kann der Spieß mit einer Dreierkette umgedreht werden. Mehr Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte gepaart mit der nötigen Geduld wird früher oder später das Fehlerpotenzial auf der Gegenseite erhöhen. Der Gegner wird zum tiefen Verteidigen gezwungen, wodurch die Wahrscheinlichkeit für vielversprechende Torchancen steigt.

Sollte eine Mannschaft beide Systeme beherrschen?

Eine Mannschaft, die sowohl die Dreierkette als auch die Viererkette spielen kann, ist natürlich der Traum eines jeden Trainers. Beide Systeme nahezu fehlerfrei spielen zu können, gelingt aber selbst im professionellen Fußball nicht immer und setzt im Amateurbereich einen umso höheren Aufwand voraus. Daher sollte zunächst ein oder mehrere Spielsysteme mit Viererkette einstudiert werden, in weiteren Schritten kann sich der Trainer mit seiner Mannschaft dann der Dreierkette annähern.zweikampf1-2

Beherrscht eine Mannschaft aber beide Systeme, so ergibt sich daraus eine sehr hohe taktische Flexibilität bis hin zum Systemwechsel während eines Spiels. Das Umschalten von Vierer- auf Dreierkette kann z.B. bei eigenem Rückstand oder bei einem konditionell abbauenden Gegner sinnvoll sein. In beiden Fällen kann so mehr Druck auf das gegnerische Tor ausgeübt werden. Umgekehrt empfiehlt sich der Wechsel von Dreier- auf Viererkette, wenn eine Führung verwaltet werden soll, da es sich hierbei um eine defensivere Variante handelt. Das Umschalten auf eine starre Fünferkette ist hingegen so gut wie nie zu empfehlen, auch nicht bei einer knappen Führung. Der Gegner wird die dadurch entstehenden Räume im Mittelfeld dankbar ausnutzen und sich vor dem Strafraum festsetzen.

Eine Mischform beider Spielsysteme bildet das „Viererketten-Pendel“. Dabei agiert die eigene Mannschaft grundsätzlich mit einer Dreierkette, die bei gegnerischem Ballbesitz zur Viererkette wird. Im Gegensatz zur Fünferkette rückt in diesem System nur der Außenspieler in den Abwehrverbund, über dessen Seite der gegnerische Angriff kommt. Dieser Spieler wird dann zum Außenverteidiger, die drei anderen Spieler formieren sich wie bei der klassischen Viererkette dahinter. Eine Schwachstelle dieses Systems sind gegnerische Angriffe über das Zentrum, da diese Situationen nahezu blinde Verständigung bzw. klare Absprachen innerhalb der eigenen Reihen voraussetzt.

Worauf ist beim Training zu achten?

Der Faktor Zeit spielt beim Einstudieren der Dreier- und/oder Viererkette die entscheidende Rolle. Die Mannschaft sollte zu keinem Zeitpunkt überfordert werden, weshalb sich das gleichzeitige Trainieren mehrerer Spielsysteme schon alleine aus diesem Grund verbietet. Ein Augenmerk sollte auch auf Theorie-Einheiten gelegt werden. Gerade jungen Spielern, die erstmals mit dem ballorientierten Verteidigen in Berührung kommen oder noch über wenig Erfahrung verfügen, können die entsprechenden Abläufe sehr effektiv an der Taktiktafel vermittelt werden. Als nächster Schritt sind Trockenübungen auf dem Platz zu empfehlen, also das Verschieben des gesamten Verbundes ohne Gegner und Ball. Erst wenn die Abstände sowohl innerhalb der Kette als auch zwischen den einzelnen Mannschaften korrekt eingehalten werden, sollten im Training praxisnahe Spielsituationen simuliert werden.

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Hierzu eignen sich kleinere Spielformen mit Überzahl- bzw. Unterzahlsituationen, z.B. 5-gegen-4 oder auch 6-gegen-4. Entsprechend dazu werden diese Spielformen beim Training mit der Dreierkette zum 5-gegen-3+2 bzw. 6-gegen-3+2 abgewandelt. Hauptziel des Abwehrverbundes, ob Viererkette oder Dreierkette, muss es immer sein, den Gegner zumindest solange von der Gefahrenzone fernzuhalten bis die eigene Mannschaft eine Überzahlsituation herstellen kann. Die hierzu notwendigen Automatismen mit Verschieben, Zurückfallen lassen oder welcher Spieler wann und wo aus der Kette herausrückt, können nur durch ständiges Wiederholen im Training verinnerlicht werden.

Hier findest du Übungen zum Thema Dreierkette:

1. Übung „Dreierkette schulen im 3 gegen 2
2. Übung „Dreierkette schulen im 3 + 2 gegen 2 + 2
3. Übung „Dreierkette schulen im 4 gegen 4
4. Trainingskartothek „Modernes Verteidigen

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