Tuchel durchschaut Heckings taktische Konzepte

Heimlich, still und leise klettert der FSV Mainz 05 in der Tabelle nach dem 11. Spieltag auf Platz sieben, der Anschluss an die Europacup-Plätze ist damit weiterhin nicht abgerissen. Trainer Thomas Tuchel lässt seine Elf dabei von Spiel zu Spiel in einer anderen taktischen Formation auflaufen und richtet sich dabei auch nach dem Gegner. Bis jetzt mit Erfolg.

Hatte Tuchel seine Truppe in der Vorwoche im Bremer Weserstadion beim für Mainz äußerst unglücklichen 1:2 noch in der Rautenformation antreten lassen, so schickte er gegen den 1. FC Nürnberg ein 4-2-3-1 auf den Platz. Diese Änderung indes hatte mit der Niederlage fünf Tage zuvor kaum etwas zu tun, denn auch mit der Mittelfeldraute erspielten sich die Mainzer Chance um Chance – und scheiterten ein ums andere Mal nur denkbar knapp. Nein, die Gründe, weswegen Tuchel zum 4-2-3-1 zurückkehrte, waren andere. Denn Nürnbergs Trainer Hecking sandte eine verkappte 4-5-1-Formation auf den Rasen, die sich nach schwachem Beginn und den beiden Mainzer Toren durch Nicolai Müller in der 12. sowie Andreas Ivanschitz in der 21. Minute jedoch rasch in ein 4-4-2 verwandelte.

Und der „Club“ hatte vor allem deswegen Probleme zu Beginn, weil auch die Mainzer nicht stur beim 4-2-3-1 blieben, sondern sich dank eines guten Müller, der die Räume geschickt nutzte, immer wieder selbst verwandelten und dann und wann ebenfalls im 4-4-2 agierten, worauf die Gäste aus Franken keine Antwort parat hatten. Müller ließ sich mal weit nach hinten fallen, stürmte dann mal über die rechte Seite nach vorn, wo er gegen den meist tief stehenden Plattenhardt ins Tempodribbling ging und dieses Duell oft gewinnen konnte. Auf diese Weise fiel das erste Tor. Und wenn Müller sich etwas weiter hinten aufhielt, um dann und wann auch mittig einzurücken und Plattenhardt allein weit draußen stehen ließ, gelang es ihm gemeinsam mit Ivanschitz, auf der Zehner-Position für Überraschungsmomente zu sorgen – wodurch folgerichtig das 2:0 fiel. Und nicht ganz zufällig erzielten diese beiden dank ihrer Räume auch die beiden Tore.

Nürnberg löste das strenge Positionsspiel auf, Mainz reagiert richtig

Die Nürnberger offenbarten weiterhin dann Probleme, wenn sie schnell nach vorn spielen mussten, weil von den Außenverteidigern Plattenhardt und Chandler viel zu wenig kam. Dass der Club dennoch kurz vor der Pause zum Anschlusstreffer kam, verdankte Heckings Mannschaft einem Freistoß von Kiyotake, den Per Nilsson per Kopf über die Torlinie drückte. Und weil die Nürnberger in der zweiten Halbzeit den Ausgleich wollten, ordnete Hecking in der Kabine offenbar an, das Positionsspiel nicht mehr so streng zu verfolgen wie noch in der ersten Hälfte, schließlich hatte sich der FSV Mainz 05 darauf nahezu ideal eingestellt.

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Das hatte zur Folge, dass die Kiyotake, Balitsch (ab der 74. Minute Polter), Gebhart (ab der 74. Minute Mak) und Frantz, der ebenfalls in der 74. Minute für Esswein kam, nun deutlich näher zueinander standen, wodurch sie mehr Druck erzeugten – zudem bekamen sie nun immer häufiger Unterstützung durch Chandler und Plattenhardt, die nun mehr nach vorne machen bzw. machen durften. Zwar spielten die Franken nun dominanter, doch richtig gefährlich wurde es für die Hausherren indes kaum. Immerhin bekam Tuchel leise Zweifel, ob das so bleiben würde, und so brachte er in Eugen Polanski einen zweiten Sechser, dessen stabiler Einfluss sofort zu spüren war.

Der Club hatte keinen Pfeil mehr im Köcher

Nachdem Hecking erkannt hatte, dass das bis dahin gespielte System nicht zum Ausgleich führen würde, wechselte er wie oben erwähnt in der 74. Minute gleich drei Mal aus – der Plan bestand wohl darin, die im eins gegen eins starken Außenspieler Frantz und Mak unter Zuhilfenahme der nachrückenden Plattenhardt und Chandler so in Szene zu setzen, dass diese mit genauen Flanken auf die beiden nun agierenden Stoßstürmer Pekhart und Polter für Torgefahr sorgen sollten. Im Prinzip war das Heckings Versuch, mit der Brechstange noch zu einem Punkt in der Fremde zu kommen, allerdings funktionierte die Idee über Nürnbergs linke Angriffsseite so gut wie überhaupt nicht, da Mainz‘ rechter Verteidiger Pospech gemeinsam mit dem vor ihm agierenden Müller und dem oft hinzueilenden Polanski Überzahl in Ballnähe schafften. Und über rechts lief auch nicht sehr viel, Soto und Junior Diaz Chandlers Vorstöße meist einzugrenzen wussten. Weil Mainz nun aber auch nicht mehr viele offensive Akzente setzen konnte, nahm Tuchel nach 80 Minuten Ivanschitz vom Feld und brachte für den Österreicher mit Zabavnik im Prinzip einen zweiten Linksverteidiger. Ein taktisch interessanter Wechsel, der Sinn ergab, da Zabavnik nun mit Junior Diaz und Soto eine Zange auf der linken Seite installiert hatte, gegen die die Nürnberger kein Rezept mehr wussten.

So war das Spiel trotz der Nullnummer nach der Pause weiterhin sehr interessant zu beobachten, gerade weil die Trainer recht experimentierfreudig waren und gleich mehrere taktische Systeme und Finessen auf den Platz brachten. Dazu muss man in jedem Fall auch die Ideen von Dieter Hecking zählen, der allerdings das Pech hatte, dass er in Thomas Tuchel einen Gegenpart hatte an diesem Abend, der Heckings Ideen durchschaute und jederzeit Herr der Situation blieb, indem er seinerseits taktisch flexibel reagierte. Vielleicht war es ein Fehler von Hecking, alle drei möglichen Wechsel zur gleichen Zeit zu vollziehen und damit keinen Pfeil mehr im Köcher gehabt zu haben für die letzten zehn oder fünf Minuten, um Tuchel und den FSV Mainz 05 noch einmal überraschen zu können. Während Mainz nun also oben mitmischt, fällt Nürnberg auf Rang 15 zurück – und erwartet nun den FC Bayern, während die Rheinhessen zum HSV fahren.

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