Untergang mit fliegenden Fahnen

Wenn am Ende einer Saison der Abstieg steht, der am letzten Spieltag doch noch hätte vermieden werden können, sagen Fußballer und deren Trainer meist, dass man „nicht erst heute“ abgestiegen sei – ein Verweis auf die Pleiten, Pech und Pannen der Saison. Im Fall des 1. FC Köln ist das mit Sicherheit richtig. Und doch war Frank Schaefers Taktik gegen die Bayern viel zu riskant, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben.

Die Zuschauer im Kölner Stadion dürften sich verwundert die Augen gerieben haben. Interimstrainer Schaefer hatte ein 4-4-1-1-System aufgeboten, das sich bei Ballbesitz der eigenen Mannschaft meist in ein 4-1-4-1 verwandelte, fast schon in ein 4-1-2-3, weil die Außenspieler Sascha Riether und Slawomir Peszko dann stets nach vorn drückten. Seltsam daran war allerdings, dass beide – Riether von links und Peszko von rechts – immer in die Mitte zogen, was das Spielgeschehen deutlich verengte. So wollten die beiden Spieler Platz schaffen, damit die beiden Außenverteidiger Miso Brecko und Christian Eichner, die hinter ihnen agierten, nach vorne stoßen konnten. Eine Idee, die gegen viele anderen Mannschaften hätte gutgehen können, gegen den FC Bayern ging der Plan nicht auf. Denn anstatt so Druck auszuüben auf die Münchner Außenverteidiger, anstatt Überzahl auf den Flügeln zu schaffen, sahen sich Brecko und Eichner häufig Eins-zu-eins-Situationen ausgesetzt, und im Umfeld von 20, 30 Metern blieb kaum Platz, da Riether und Peszko sowie deren Bewacher den Raum zusätzlich verengten.

Dennoch kam der FC gut ins Spiel, spielte sogar ein Forechecking gegen die scheinbar übermächtigen Bayern, dessen Erfolg tatsächlich darin bestand, dass diese zu Beginn kaum aus der eigenen Spielhälfte herauskamen. Die Kölner gewannen viele Bälle schon im Münchner Aufbauspiel, sie unterbanden so die Konter der Gäste – und kamen selbst zu Chancen, deren Verwertung jedoch – wie so oft in dieser Saison kläglich war. Denn außer Lukas Podolski tauchte kein Kölner Offensivmann entscheidend vor dem Tor der Bayern auf. Und ein Podolski allein kann den Abstieg einer Mannschaft eben auch nicht verhindern; insofern war das Geschehen am Samstag ein Spiegelbild der Kölner Saison.

Der Schwung war bald dahin

Nach 20, 30 Minuten war der Schwung des 1. FC Köln dahin. Hätte die Mannschaft zu diesem Zeitpunkt in Führung gelegen, hätte die Mannschaft eine der halbwegs guten Gelegenheiten genutzt, wäre das Stadion sicher ein Tollhaus gewesen – erst recht, weil die Konkurrenz aus Berlin zu diesem Zeitpunkt bereits 1:0 gegen Hoffenheim führte und das Publikum die FC-Spieler sicher lautstark angefeuert hätte. Doch so kam es dann, wie es kommen musste – die Bayern hatten die Strategie der Kölner durchschaut und begannen, in der Offensive zu rochieren, was wiederum die Defensive des FC gehörig ins Taumeln brachte. Fast zwangsläufig fiel das 0:1 noch vor der Pause. Der FC fiel in eine Starre, die jedoch durch die Halbzeitpause und weitere Umstellungen zunächst noch einmal gebrochen werden konnte.

Denn Frank Schaefer setzte alles auf eine Karte und brachte mit Milivoje Novakovic einen weiteren Stürmer. Die Folge war, dass Köln nun zeitweise im 4-2-4-System agierte – und das rächte sich in den ersten neun Minuten der zweiten Hälfte gleich zwei Mal mit dem 0:2 in der 52. Minute und dem 0:3 nur zwei Zeigerumdrehungen später. Der Rest ist schnell erzählt und spielt keine Rolle mehr, denn ob das Spiel nun 0:3, 0:5 oder gar 0:7 ausgegangen wäre, es hätte niemanden interessiert. Lohnender ist vielmehr eine Analyse der Aktionen und Reaktionen von Frank Schaefer. Doch um eins gleich klarzustellen: Schaefer ist nicht der Mann, dem hier die Schuld in die Schuhe geschoben werden soll. Der 1. FC Köln hatte schließlich zig Möglichkeiten, sich schon früher in der Saison die Klasse zu sichern.

Bayerns Offensive mit viel Raum

Dennoch, als am letzten Spieltag immerhin noch die Chance auf den Relegationsplatz bestand, hat auch Schaefer Fehler begangen. Der Interimscoach schien zu glauben, dass die fast bedingungslose Offensive gegen Bayern München das probate Mittel sein würde, um die Minimalchance auf einen Sieg zu ergreifen. Dabei hätte klar sein müssen, dass die Qualität der Münchner Spieler ausreichen würde, um die Schwachstellen des Kölner Systems zu erkennen – genau das ist nach etwa einer halben Stunde dann auch eingetreten. Dass etwa die Außenverteidiger des FC so hoch standen, konnten die Bayern im Spielverlauf nutzen – auf den offensiven Flügeln tat sich massig Raum auf für Arjen Robben, Franck Ribéry und Thomas Müller.

Nach dem 0:3 durch Robben waren zwei Dinge klar: Dass der FC absteigen würde, wenn Hoffenheim in Berlin nicht noch punktete, und dass die Spieler nun erst recht nicht mehr wussten, was sie zu tun hatten. Die Kölner wurden also noch offensiver und kamen immerhin auch zu einem Tor, dem 1:3; doch für die Münchner hatten sie schon bis dahin zahlreiche gute Konterchancen ergeben. Das setzte sich nach dem Gegentreffer erst recht fort, allzu ungestüm und ungeordnet griff der FC nun an. Ein erneutes 1:6, wie schon vor ein paar Wochen gegen Dortmund, war nicht nur denkbar, sondern gut vorstellbar. Alles in allem stand dieses vorerst letzte Bundesligaspiel des 1. FC Köln für die gesamte Rückrunde, in der der Club nur neun Punkte verbuchen konnte: Chancen nicht genutzt, zu naiv gespielt – und dann eingebrochen. Auch, wenn es die Anhänger des FC nicht gern hören, doch der Abstieg ist verdient. (Was für die Hertha genauso gegolten hätte, wäre Hoffenheim nicht bezwungen worden.) Zu sehr hat sich der Club mal wieder mit sich selbst beschäftigt und darüber fast vergessen, dass die entscheidenden Momente des Fußballs immer noch auf dem Platz passieren. Dieses Manko, dieses Versäumnis konnte dann auch ein versuchtes Offensivfeuerwerk im letzten Spiel nicht mehr wettgemacht werden. Und wer weiß schon, zu was der direkte Abstieg gut ist. Kaum vorstellbar, was die unverbesserlichen Zündler, die nach dem Spiel das Stadion komplett in Rauch eingehüllt hatten, angestellt hätten, wäre der Abstieg im Relegationsspiel gegen die Erzrivalen von Fortuna Düsseldorf besiegelt worden.

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