Vom Mittelfeld in die zweite Liga

Die sportliche Seite des Relegationsspiels rückte nach den Spielunterbrechungen in Düsseldorf leider komplett in den Hintergrund. Doch wenn man lediglich die fußballerischen Momente betrachtet, fragt man sich, ob die kumulierte 3:4-Niederlage über beide Spiele gesehen für Hertha BSC wirklich hätte sein müssen. Der Abstieg ist jedenfalls selbst verschuldet.

Im Normalfall bedeuten Relegationsspiele nur eines. Höherklassiger Verein, du hast diese Saison versagt, aber wir, die DFL, geben dir noch eine Chance. Das war auch das, was Otto Rehhagel, der Coach der Berliner Hertha, noch bis vor kurzem einem Mantra gleich allen gesagt hat, die es hören oder auch nicht hören wollten. Höchst selten kam es in der Relegation bis dato mal vor, dass beide unterklassigen Vereine die beiden höherklassigen zum Abstieg gezwungen haben. Nun ist es passiert. Regensburg ersetzt den Karlsruher SC in Liga zwei – Fortuna Düsseldorf löst Hertha BSC als Erstligist ab. Sportlich scheint das in beiden Fällen verdient. Und so schlimm die Begleitumstände waren in Düsseldorf, wo Zuschauer den Platz stürmten und Bengalos auf den Rasen warfen, aber erst recht in Karlsruhe, wo bei Ausschreitungen 75 Verletzte zu beklagen waren: das müssen Gerichte aufklären und – natürlich! – streng bestrafen. Außerdem wird geklärt werden müssen, inwiefern das 2:2 zwischen Düsseldorf und Berlin Bestand haben kann; die Hertha wird womöglich Protest einlegen. Wir versuchen so lange, uns dem Spiel der Fortuna gegen die Hertha sportlich zu nähern, auch, wenn das tatsächlich sehr schwer fällt.

Abgesehen davon, dass die Ausgangslage für die Fortuna nach dem 2:1-Auswärtserfolg im Hinspiel und nach 26 Sekunden des Rückspiels – Beister traf da schon zum 1:0 – nahezu perfekt war, konnte man als neutraler Beobachter ab der 10. Minute förmlich spüren, wie die Angst vor der eigenen Courage, ja die Angst vor dem Erfolg den Düsseldorfern die Beine lähmte. Zu einem Gutteil lag das sicher aber auch an den Herthanern, die nun mit dem Rücken zur Wand nahezu befreit aufspielten. Dass Düsseldorf nur noch auf Konter setzte, war schon seltsam; noch befremdlicher aber wirkte die Verzagtheit, die dafür sorgte, dass die Bälle sofort wieder verloren gingen. Das führte dazu, dass kein Fluss im Spiel war und die Hertha dank vieler Fortunen-Fouls nach Ballverlusten Freistoß um Freistoß zugesprochen bekam.

Platzverweis – die Berliner schaden sich mal wieder selbst

Einen davon versenkte Änis Ben-Hatira in der 22. Minute zum 1:1 im Düsseldorfer Tor, und die Heimmannschaft ließ sich von Berlin weiter hinten hinein drängen – der Pausenpfiff musste den Rheinländern wie eine Erlösung vorkommen. Zurück aus den Kabinen, zeigten sich die Düsseldorfer deutlich verbessert, und neun Minuten nach Wiederanpfiff schwächte sich die Hertha dann selbst – Torschütze Ben-Hatira sah völlig zu Recht Gelb-Rot. Nur fünf Minuten später erzielte der eingewechselte Jovanovic das 2:1 für Düsseldorf, da die Hertha sich taktisch noch nicht auf die Unterzahl eingestellt hatte und nun in viele Konter der Gastgeber hineinlief. Dieses Spiel setzte sich bis kurz vor Schluss fort, die Berliner hatten oft den Ball und wussten doch nichts damit anzufangen. Und Düsseldorf setzte zahlreiche Konter an und vergab vorn selbst klarste Chancen, die endgültig die Entscheidung bedeutet hätten.

So kam es, wie es kommen musste: Irgendwie kam die Hertha in der 85. Minute noch einmal vor das Tor der Fortunen, und drin war der Ball, 2:2, nur noch ein Tor fehlte nun Berlin zum Klassenerhalt. Dann gab es sieben Minuten Nachspielzeit, weil das Spiel schon vorher lang unterbrochen werden musste, als aus dem Berliner und dem Düsseldorfer Block Feuerwerkskörper auf das Spielfeld geworfen worden waren. Zwei Minuten vor dem Ende der Nachspielzeit musste Schiedsrichter Wolfgang Stark für zwanzig Minuten unterbrechen, als mehrere hundert Düsseldorfer so genannter Fans im Irrglauben, das Spiel sei beendet, auf das Feld liefen. Doch auch die verbleibende Zeit nach dem Wiederanpfiff schaffte es die Hertha nicht, den so dringend benötigten Treffer zu erzielen.

Schon im Winter standen die Signale auf Talfahrt

Wie eingangs erwähnt: Es wird sich zeigen, ob es nicht noch ein Nachspiel gibt. Legt Berlin Protest ein, so könnte es zu Konsequenzen kommen – wie die aussehen, wird sich zeigen müssen. Um beim Sportlichen zu bleiben: Dass die Hertha nun wohl in die zweite Liga absteigt, ist weder den Spielunterbrechungen noch der sportlichen Leistung im Rückspiel geschuldet. Wäre die Mannschaft auch im Hinspiel zu Hause ähnlich engagiert ans Werk gegangen, es wäre wohl kaum zu der 1:2-Pleite gekommen. So bleibt die Frage im Raum, wie Hertha BSC von einem halbwegs gesicherten Mittelfeldplatz in der Winterpause derart blamabel in die Abstiegsregion und via Relegation dann schließlich in die zweite Bundesliga rauschen konnte.

Schon im Januar haben wir versucht, dem Problem auf den Grund zu gehen, früh zeichnete sich nach der Winterpause ab, dass es für die Berliner schwierig werden würde: https://www.fussballtraining.de/vermischtes/hertha-bsc-keine-handschrift-keine-inspiration/5109. Doch warum konnte der Hebel nicht umgelegt werden? Dass die Mannschaft unter Markus Babbel ihr Potenzial abrufen konnte und unter Skibbe wie auch unter Rehhagel nicht mehr, muss auch mit dem jeweiligen Trainer zu tun gehabt haben. Und dass die Mannschaft nach dem Skibbe-Intermezzo mit null Punkten aus fünf Spielen verunsichert war, steht ebenfalls fest. Warum jedoch auch ein alter Hase wie Rehhagel es in der Gesamtbetrachtung nicht geschafft hat, die nötigen Impulse zu setzen, muss noch geklärt werden. Sollte der sportliche Abstieg nun auch von DFL und Sportgericht bestätigt werden, dürfte die Mannschaft auseinanderfallen. Das wäre sogleich Risiko – und vermutlich auch eine neue Chance für die Berliner, etwas Neues aufzubauen.

One thought on “Vom Mittelfeld in die zweite Liga”

  1. Cathie says:

    Nicht nur der Abstieg ist selbstverschuldet – die geforderte Spielwiederholung schadet dem Verein auch sehr. Vorallem wenn sie dann noch verlieren sollten.

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