Torwart oder Torspieler

Schon seit längerer Zeit wird heiß diskutiert, ob man künftig den Torwart im Fußball besser als Torspieler bezeichnen sollte. In Baden-Württemberg bspw. trägt der Torwart schon immer diese Bezeichnung. Doch was ist der konkrete Unterschied zwischen einem guten Torwart und einem ausgezeichneten Torspieler? Wie sieht ein modernes Torwarttraining aus? Welche Vorteile bringt es, wenn der Torwart ein guter Fußballer ist und worin besteht das Risiko? Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigt sich dieser Artikel und geht dabei sowohl auf einen der besten Torwarte, Oliver Kahn, als auch auf einen der besten Torspieler, Manuel Neuer, ein.

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Wieso sollte ein Torwart heute eher Torspieler genannt werden?

Noch vor einigen Jahren galt der Torwart als reiner Torhüter, der sich kaum aus seinem Tor herausbewegen durfte. Aktuell geht die Entwicklung jedoch in eine andere Richtung. Vielerorts etabliert sich der Begriff des Torspielers als Zeichen eines gravierenden Umdenkens im Fußball. Mit diesem Begriff bezeichnet man nämlich aktuell einen Torwart, der gemeinsam mit dem gesamten Team spielt, Situationen voraussieht und aktiv eine verteidigende Rolle einnimmt.

Während ein Torwart lediglich versucht, Torchancen zu vereiteln und den Ball daran hindert, ins Tor zu gehen, bekämpft ein Torspieler aktiv die Torchancen noch bevor sie entstehen. Dabei werden Flanken im gesamten 16-Meter-Raum abgefangen und gefährliche Angriffe auf das Tor des Gegners durch die Abschläge, Abwürfe und Abstöße des Torspielers vorbereitet. Darüber hinaus geben Torspieler ihren Mitspielern im Gegensatz zu einfachen Torwarten Anweisungen für den weiteren Spielverlauf. Dadurch coacht er seine gesamte Mannschaft und kann als Schlüsselspieler agieren. Er ist es also, der den entscheidenden Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmacht.

Der moderne Torhüter soll also aktiv mitspielen und wird daher aktuell gern als Torspieler bezeichnet. In der Theorie sorgt dies für einige äußerst attraktive Vorteile, doch ist eine solche Spielweise in der Realität tatsächlich umsetzbar? Einige begnadete Fußballer der neuen Schule beweisen Tag für Tag, dass diese neue Spielweise nicht nur funktioniert, sondern der alten Schule deutlich überlegen ist. So zählt Manuel Neuer bereits als einer der besten Torhüter, die es je gab. Neben ihm gibt es jedoch noch zahlreiche weitere Torhüter, die besser als Torspieler bezeichnet werden sollten. So sind beispielsweise die Leistungen von herausragenden Sportlern wie Rene Adler und Diego Benaglio keinesfalls zu unterschätzen.

Welche Vorteile ergeben sich, wenn der Torwart ebenfalls ein guter Fußballer ist?

Einer der wesentlichen Vorteile besteht darin, dass der Torspieler praktisch nie von einem gegnerischen Spieler gedeckt wird. Er ist damit also unweigerlich jedes Mal ein Überzahlspieler und kann von dieser Position aus profitieren. Auf dem Feld agiert er damit ständig als Libero und kann somit als Verteidigungsspieler ohne direkten Gegenspieler gefährliche Situationen verhindern, bevor sie geschehen.
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Weiterhin kann dadurch, dass auch der Torwart ein guter Fußballer ist, die gesamte Innenverteidigung problemlos einen Pass zum Torwart wagen, ohne den begeisterten Fans eine Zitterpartie aufzubürden. Bei Torhütern der alten Schule war nie ausgeschlossen, dass der Torwart nach einem Pass den Ball mit aller Kraft in die Mitte des Spielfeldes drischt oder den Ball noch nicht einmal trifft. Dadurch wurden selbst im Profifußball einige Eigentore erzielt. Aus diesem Grund war früher der Spruch „Ein Torwart wird als Torwart eingesetzt, weil er selbst nicht Fußball spielen kann.“ äußerst beliebt.

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Selbst das Torwarttraining hat sich auf diese neue Situation eingestellt, damit das gesamte Team von den Vorteilen dieser Spielweise profitieren kann. So werden Torspieler häufig in ihrer Position rotiert, um auch Erfahrungen als Feldspieler sammeln zu können. Vor allem im Jugendfußball wird beim Torwarttraining darauf geachtet, dass die Kinder nicht zu früh auf diese Position spezialisiert werden und gleichermaßen zu technisch versierten Fußballern heranwachsen können.

Auch bei Erwachsenen setzt man aus diesem Grund im Torwarttraining immer häufiger auch auf Fußfertigkeiten und trainiert gezielt das technische Spiel der Torspieler. Ohne dieses Training könnten Vorteile, die durch technische Meisterleistungen des Torspielers entstehen, nicht erlangt werden. So sorgte beispielsweise der erfolgreiche Back-Heel-Pass von Manuel Neuer sowohl für eine bessere Position auf dem Feld als auch für staunende Blicke bei den Zuschauern. Dadurch wird letztlich ebenfalls der Spaß der Fans an dem verfolgten Spiel deutlich gesteigert.

Vergleich der fußballerischen Fähigkeiten von Oliver Kahn und Manuel Neuer

Nicht selten wird der Vergleich der alten Nummer 1, Oliver Kahn, gegen die neue Nummer 1, Manuel Neuer, gewagt. Beide sind ausgezeichnete Torhüter, doch nur einer von beiden kann sich ebenfalls als begnadeter Fußballer rühmen. Ursprünglich brachte der Fußballexperte Lothar Matthäus den Stein ins Rollen und begann damit, die beiden Torhüter miteinander zu vergleichen. Schon bald darauf bezeichnete er Manuel Neuer als würdigen Nachfolger der Torwart-Legende Oliver Kahn.



Auch wenn Oliver Kahn einer der besten Torhüter aller Zeiten ist, so besaß er nie großartige fußballerische Fähigkeiten. Selbst als Kind wurde er stets im Tor positioniert und spezialisierte sich frühzeitig auf seine Position als Torhüter. Aus diesem Grund konnte Kahn während seiner gesamten Laufbahn nie Felderfahrung sammeln oder sich mit technischen Fähigkeiten auseinandersetzen.

Manuel Neuer hingegen ist dafür bekannt, dass er in seiner Jugendzeit von Zeit zu Zeit als Stürmer gespielt hat. Die in dieser Position gesammelten Kenntnisse und Fähigkeiten kann er in sein Spiel als Torspieler mit einfließen lassen und dadurch für entscheidende Manöver sorgen. Auch das Zuspiel zu seinen Mitspielern beherrscht Neuer wie kein zweiter Torwart, da er sich aufgrund seiner Erfahrungen als Stürmer optimal in die Lage seiner Teamkameraden hineinversetzen kann und so bereits vom Tor aus gefährliche Angriffe auf das gegnerische Tor vorbereitet. Bei Oliver Kahn ist es hingegen auch das ein oder andere Mal zu einem unglücklichen Eigentor aufgrund eines fehlerhaften Passes gekommen.

Nüchtern betrachtet muss man Manuel Neuer also eindeutig die besseren fußballerischen Fähigkeiten als Oliver Kahn zugestehen. Dies bestätigte selbst Oliver Kahn persönlich in mehreren Interviews 2014, in denen er Manuel Neuer als besseren Torwart einschätzt und in sogar als „weltbesten Torwart“ bezeichnet.

Gibt es auch Risiken bei einer solchen Spielweise?

Natürlich ist diese Spielweise auch mit großen Risiken verbunden. Je weiter sich der Torspieler aus dem Torraum herauswagt, umso größer wird das Risiko auf eine ausgezeichnete Torchance des Gegners.
So ist Leichtsinnigkeit beispielsweise eine der größten Gefahren für einen Torspieler. Befindet sich der Torspieler zu weit vom Tor entfernt und verliert den Ball nach einem erfolglosen Pass, so bedeutet dies in den meisten Fällen ein sicheres Tor für den Gegner. Aber nicht nur ein Pass zum Torwart hin kann in einer gefährlichen Situation enden. Ein aggressives Spiel des Torwartes selbst könnte durch einen ungünstigen Ballverlust auf ein sicheres Tor des Gegners hinauslaufen.

Somit besteht die erhöhte Gefahr einer maßlosen Überschätzung des Torwartes. Ist es den Abwehrspielern beispielsweise nicht möglich, einen herannahenden Stürmer abzuwehren, so stellt der Torspieler die letzte Hürde des Stürmers zum Tor dar. Befindet sich der Torspieler jedoch weit vor seinem Tor, so ist es ihm in der Regel nicht möglich, die Torchance zu verhindern. Hier muss sich der Torwart entscheiden, ob er ein gegnerisches Tor zulässt oder eine Notbremse durchführt und dafür eine rote Karte kassiert. Hierbei ist die Gefahr einer notwendigen Notbremse überaus hoch und sollte nicht unterschätzt werden.

Alt vs. jung

Trotz der um Welten besseren technischen Fähigkeiten der jungen Torspieler gegenüber älteren Torwarten der alten Schule, können viele der sehr guten alten Torhüter problemlos mit der jungen Generation mithalten. Torwarte wie Jens Lehmann, Frank Rost und Jörg Butt hatten noch nie Probleme damit, sich gegen jüngere Torhüter zu behaupten. Im Sommer 2009 gelang es sogar Jörg Butt, einen zehn Jahre jüngeren talentierten Torspieler der neuen Schule als Torwart des FC Bayerns abzulösen. Noch immer punkten die Ttorspieler-2orhüter der alten Schule mit äußerst soliden und konstanten Spielen auf sehr hohem Niveau.

Der entscheidende Punkt hierbei ist jedoch vor allem die Erfahrung der älteren Spieler. Diese kann nicht durch ein neuartiges und umfassendes Training angeeignet werden, sondern muss mühselig über hunderte von Spielen erworben werden. Nur mit einer mehrjährigen Erfahrung gelingt es einem Torhüter, das Spiel korrekt zu lesen und konkrete Spielzüge aus dem Verhalten der Spieler abzuleiten. In diesem Punkt sind die älteren Torhüter den jüngeren Torspielern noch einen Schritt voraus.

Selbst mit einer hervorragenden Ausbildung als Torspieler und einem überdurchschnittlich harten Torwarttraining benötigt ein Torspieler einen ausgeprägten Erfahrungshorizont, um ausgezeichnete Leistungen auf dem Feld abliefern zu können. Hier nützt selbst die beste Kondition nichts, wenn die entscheidende Erfahrung fehlt und der Torspieler seine Leistungen überschätzt.

Wie gut ist diese Entwicklung vom Torwart zum Torspieler hin also wirklich?

Trotz der zahlreichen Risiken ist die neue Entwicklung des Torwarts hin zum Torspieler dennoch als äußerst positiv zu betrachten. Es sind nicht nur die überragenden Fähigkeiten aktueller Fußball-Legenden wie Manuel Neuer, die ein gutes Licht auf diese Spielweise werfen. Die Philosophie des unterstützenden und eingreifenden Torspielers ist eindeutig der alten Philosophie des passiven Torhüters um einiges voraus. Das Fußballspiel ändert sich von Jahr zu Jahr und wird stets schneller, härter und fordernder für die Spieler. Dabei ist ein weiterer aktiver Spieler im Tor von ausschlaggebender Bedeutung für einen positiven Ausgang des Spieles.

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Darüber hinaus kann man sich sicher sein, dass die hochbegabten jungen Torspieler im Laufe der Jahre ebenfalls zu erfahrenen Torhütern heranwachsen werden und dann deutlich besser spielen werden als alle heutigen Torwarte, die noch nach der alten Schule spielen. Ebenso wie man den Fußball von 1980 nicht mehr mit dem heutigen Fußball vergleichen kann, so wird sich auch die Zukunft des Spieles weiterentwickeln und die aktive Spielweise des Torspielers belohnen.

Spielverhalten des modernen Torhüters

Die Rolle des Torhüters hat sich im Fußball in den letzten Jahren enorm gewandelt. War es früher fast ausschließlich nötig, dass der Keeper durch schnelle Reaktionen auf der Linie glänzen konnte, hat sich sein Spiel dahingehend entwickelt, mitunter sogar Angriffe einzuleiten.

Der Moment, der wohl die Veränderung zum modernen Torwartspiel einleitete, war die Einführung der Rückpassregel durch die FIFA im Jahre 1992. War es den Torhütern vorher erlaubt, Rückpässe der eigenen Spieler mit der Hand aufzunehmen, war dies von nun an untersagt. Kontrollierte Pässe von Mitspielern mit dem Fuß mussten vom Keeper fortan fußballerisch verarbeitet werden. Dies resultierte zu Beginn meist in langen Befreiungsschlägen, unbeholfenen Passveersuchen und grotesken Ballverlusten im Dribbling.

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Torhüter der alten Schule zeichneten sich bis dato durch schnelle Reflexe, Robustheit beim Kampf um Flanken, Furchtlosigkeit im 1 gegen 1 oder enorme Sprungkraft aus. Über Fähigkeiten im spielerischen Umgang mit den Ball verfügten bloß die wenigsten. Ab 1992 musste sich dies zwangsläufig ändern. So wurde die Entwicklung zu fußballerisch immer stärkeren Torhütern eingeleitet.

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Mit Verschwinden des Liberos und Einführung raumdeckender Spielsysteme, mussten die Torwarte ab Ende der 1990er weitere Aufgaben übernehmen, die zuvor von Feldspielern übernommen worden waren. Sie platzierten sich bei eigenen Angriffen immer weiter vor dem eigenen Torwarthand BallTor, um bei Ballverlusten die langen Bälle des Gegner in die Spitze abfangen zu können. Diese Entwicklung dauert bis heute an. Paradebeispiel des modernen Keepers ist sicherlich Manuel Neuer, dessen lange Ausflüge bzw. Verteidigungsaufgaben auch bei der WM 2014 weltweit in aller Munde waren.

Neuer war und ist seit jeher in der Lage auch technisch anspruchsvolle Bälle zu verarbeiten, sei es mit dem Kopf, mit der Brust oder den Füßen. Er agiert nicht nur als starker Rückhalt auf der Linie, letzte Absicherung hinter der Abwehr und verlässlicher Ruhepol im eigenen Verteidigungsverbund. Vielmehr ist er auch in der Lage bei Ballgewinnen extrem schnell Konter einzuleiten. Er verfügt sowohl über die Fähigkeit Bälle mit dem Fuß schnell zu verarbeiten und weiterzuleiten, egal ob kurz und flach oder lang und weit, als auch über einen extrem langen und präzisen Abwurf, mit dem er die schnellen Außenspieler seiner Teams optimal in Szene zu setzen vermag. Letzteres ist etwas, dass gerade nach abgefangen Standardsituationen des Gegners Gold wert sein kann.

Modernes Torwartspiel

Zum modernen Torwartspiel und dem schnellen Einleiten von Angriffen gehören im übrigen nicht nur die offensichtlichen Aktionen wie der Pass oder der Abwurf. Auch das richtige Abrollen nach abgefangen Flanken und Schüssen ist beispielsweise Teil dessen. Ebenso das Coachen der Vorderleute, wozu taktische Kenntnisse erforderlich sind, oder die richtige Positionierung sowohl bei eigenem, als auch bei gegnerischem Ballbesitz.

Zudem muss ein Keeper über ein feines Gespür für spieltaktische Entscheidungen besitzen. Zwar hört man bisweilen immer nur vom schneller Machen des Spiels, doch muss der Schlussmann mitunter situationsbedingt auch Erkennen, wenn eine Beruhigung des Spiels vTorschusstrainingonnöten ist. Selbstverständlich bedeutet dies nicht ausschließlich den Ball die vollen 6 Sekunden in der Hand zu halten, vielmehr ist beispielsweise die Entscheidung zwischen langem Abwurf und kurzem Abspiel essentiell.

Darüber hinaus wird vom Torhüter oft als sicherem Rückhalt und Ruhe ausstrahlendem Schlussmann gesprochen. Dementsprechend darf die Körpersprache des Keepers ebenso wie seine Aktionen nie von Unsicherheit, Hektik oder Nervosität geprägt sein, da diese Eigenschaften sich oftmals auf eine komplette Hintermannschaft übertragen können. Strahlt die Nummer 1 dagegen Zuversicht, Sicherheit und Selbstvertrauen in seinen Aktionen aus, gibt dies dem gesamten Team einen Schub an Ruhe und zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.

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Beispiele wie Keeper gut in ein Mannschaftstraining eingebunden werden können, um spielspezifische Teile modernen Torwartspiels zu üben, haben wir nachfolgend für Euch vorbereitet.

1. Übung: Torwarttraining durch Mannschaft mit Flugbällen, Pässen und Schüssen
2. Übung: Torwarttraining durch Mannschaft mit Pässen und Schüssen
3. Übung: Torwarttraining durch Mannschaft mit Flugbällen und Schüssen

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