Spielen in Unterzahl – Wie mache ich es richtig?

Eines der bekanntesten Zitate von Fußballern stammt vom Engländer Gary Lineker: “Fußball ist ein ganz einfaches Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach und am Ende gewinnen die Deutschen.” Lineker machte diesen Scherz auf Grund seiner eigenen Erfahrung: er verlor mit England das Halbfinale der Weltmeisterschaft 1990 in Italien gegen Deutschland im Elfmeterschießen.

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Sicherlich weiß wohl so gut wie jeder seinen Spruch richtig einzuordnen. Ganz so einfach wie er es sagt ist es nämlich doch nicht Fußball zu erklären. Wie das erwähnte Halbfinale zeigt, dauert nicht jedes Spiel 90 Minuten. Spiele, die in der K.O.-Phase stattfinden, können auch in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen gehen und somit eine Spielzeit von 120 Minuten dauern. Dass Deutschland nicht immer gewinnt, weiß auch jeder. Kommen wir auf die Aussage über die „22 Männer“ zu sprechen. Es trifft sowohl für den Herren- als auch für den Frauenfußball zu, dass jede Mannschaft mit 11 Spielern antritt und somit immer 22 Spieler auf dem Platz stehen. Aber es ist nicht immer der Fall, dass dies bis zum Ende des Spiels so bleibt. Es gibt verschiedene Szenarien, die dazu führen, dass eine der Mannschaften oder sogar beide das Spiel nicht mit 11 Spielern beenden.

Unterzahl – Wie ist das möglich?

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Wenn eine Mannschaft in Unterzahl gerät, liegt das in der Regel daran, dass ein Spieler des Feldes verwiesen wurde. Ein Platzverweis wird dann ausgesprochen, wenn ein Spieler eine zweite gelbe Karte erhalten hat oder wenn nach einem groben Foulspiel, einer Tätlichkeit oder einer groben Unsportlichkeit eine Rote Karte gezeigt wird. Der jeweilige Spieler muss das Spielfeld verlassen und darf nicht ersetzt werden. Sein Team muss dann mit einem Spieler weniger weiterspielen und ist somit in Unterzahl.

Ein weiterer Fall, in dem ein Team in Unterzahl gerät aber keinen Platzverweis erhält tritt ein, wenn sich ein Spieler einer Mannschaft verletzt, dadurch nicht weiter spielen kann, der Trainer aber schon dreimal gewechselt hat und somit den verletzten Spieler nicht ersetzen kann. Da die meisten Wechsel erst gegen Mitte oder Ende der zweiten Halbzeit getätigt werden, tritt Unterzahl durch einen verletzten Spieler meistens auch erst gegen Ende eines Spiels ein. Darauf kann ein Team einfacher reagieren. Schlimmer ist es, wenn die Unterzahl viel früher eintritt und das Team einen großen Teil des Spiels noch vor sich hat, was in der Tat häufig der Fall ist, wenn ein Spieler des Feldes verwiesen wird.

Wie soll die Mannschaft darauf reagieren?

Das grundlegende Problem bei Unterzahl ist, dass die Aufstellung und die taktischen Vorgaben des Trainers darauf ausgerichtet sind, dass ein Team mit 11 Spielern spielt. Mit (mindestens) einem Spieler weniger zu spielen als der Gegner ist somit nicht nur eine numerische Schwächung, sondern wirft auch den Plan des Trainers über den Haufen.
In jedem Fall ist klar, dass die veränderte Situation eine Reaktion der Mannschaft erfordert. Wie diese Reaktion aussehen muss, hängt nicht nur davon ab, wie der Gegner auf die neue Situation reagiert, sondern auch vom aktuellen Spielstand und davon, welches Ziel das Team in Unterzahl noch hat. Wenn zum Zeitpunkt, an dem die Unterzahl eintritt, der Gegner bereits mit 3 oder mehr Toren Unterschied in Führung liegt, dann ist das eine völlig andere Situation als bei einem ausgeglichenen Spielstand, einem eigenen Vorsprung oder einem knappen Rückstand.

Genauso ist die Frage von Bedeutung, ob man mit dem aktuellen Spielstand zufrieden ist und diesen nur verteidigen muss oder ob das Team selbst noch ein Tor oder mehrere erzielen muss. Den aktuellen Spielstand zu halten ist sicherlich einfacher als noch Tore erzielen zu müssen, wenn man einen Spieler weniger auf dem Platz hat. Grundlegend wichtig ist, dass die Mannschaft mit höchster Konzentration auf die neue Situation reagiert. Wenn man schon einer weniger ist, dann muss man alle Kräfte bündeln. In solchen Situationen sind die Führungsspieler gefragt, allen voran der Kapitän, um als Vorbilder voranzugehen. Am besten ist es, wenn man sich kurz sammelt beziehungsweise sich gegenseitig motiviert und ermutigt.

Wenn man hinten liegt und das Spiel noch drehen muss, dann kann man das nicht anders lösen als ein gewisses Risiko einzugehen. Man kann sich dann natürlich nicht die ganze Zeit „hinten rein stellen“. Auf der anderen Seite darf man selbstverständlich auch nicht offen wie ein Scheunentor agieren und das Risiko derart hoch wählen, dass man den Gegner geradezu zum Tore schießen einlädt. Eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Offensivdrang und defensiver Absicherung muss trotz allem gegeben sein. Aus taktischer Sicht kann es jedoch notwendig sein in der Defensive immer eins gegen eins spielen zu müssen, um nicht zu viele Spieler für Defensivaufgaben zu binden.

Gerade dann müssen die Verteidiger höchst konzentriert in die Zweikämpfe gehen. Spieler mit guten Zweikampfwerten und einem guten Timing sind dann Gold wert. In der Offensive ist die Konzentration aber nicht unbedingt weniger von Bedeutung. Auch die Offensivspieler müssen konzentriert vorgehen – sie dürfen sich vor allem keine unnötigen Ballverluste leisten. Und sie müssen sich Chancen herausarbeiten und diese so konsequent wie möglich nutzen.

Wenn es lediglich darum geht den Spielstand zu sichern, dann sollte man kein unnötiges Risiko eingehen. Dann ist es besonders wichtig, dass die Offensivspieler bei der Verteidigungsarbeit mitwirken und die gegnerische Mannschaft so weit wie möglich vom eigenen Strafraum fernhalten. Wenn man selber an den Ball kommt, sollte man in diesem Fall den Ball so lange wie möglich in der gegnerischen Hälfte sicher halten. Aber auch hier gilt: wenn man sich eine Chance erarbeitet, dann muss man eiskalt zuschlagen. Somit hält man das andere Team am besten vom eigenen Tor fern.

Was soll der Trainer machen?

Während eines Spiels kann man als Trainer nicht so viel Einfluss auf das Team nehmen, wie manche denken. Man kann die Mentalität oder den Charakter einzelner Spieler während eines Spiels nicht ändern. Solche Dinge werden über einen langen Zeitraum geprägt. Somit kann man als Trainer eigentlich nur zwei Dinge tun. Auf der einen Seite ist es wichtig, dass der Trainer seinem Team positive Impulse gibt. Er muss zu seinem Team halten, an sein Team glauben und das am besten auch noch so gut wie möglich zum Ausdruck bringen. Eine kurze Besprechung am Spielfeldrand mit einzelnen (Schlüssel-) Spielern ist eine Möglichkeit. Aber auch motivierende Worte für Spieler, die gegebenenfalls kurzfristig geknickt sind, um sie wieder aufzurichten und den Fokus auf das Wesentliche zu richten.

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Auf der anderen Seite ist es Aufgabe des Trainers zu überlegen, inwiefern er die Aufstellung und Taktik an die neue Situation anpassen muss. Wenn es rein taktische Änderungen sind, dann muss er dafür sorgen, dass seine Ideen die Spieler erreichen. Das geschieht entweder über Zurufe oder durch Weitergabe der Informationen von einem Spieler zum nächsten. Wenn zur Umsetzung der Ideen des Trainers eine Position personell verstärkt werden muss, dann ist es am Trainer einen geeigneten Spieler einzuwechseln und zu überlegen auf welche Position oder auf welchen Spielertyp am ehesten verzichtet werden kann. Wenn es beispielsweise darum geht das Ergebnis abzusichern und gerade ein Innenverteidiger vom Platz geflogen ist, dann muss ein neuer Innenverteidiger eingewechselt werden – gegebenenfalls für einen Stürmer.

Worauf kommt es besonders an?

Mannschaftliche Geschlossenheit ist ein Begriff, den man häufig hört. Und das hat seinen Grund. Wenn eine Mannschaft nicht zusammenhält und die Spieler nicht bereit sind füreinander zu kämpfen, dann hat das Team keine Aussicht auf Erfolg. Auch der Trainer kann dann nicht viel machen. Wenn das Team jedoch einen guten Teamgeist hat und die Spieler bereit sind alles zu geben, dann kann ein Team über sich hinauswachsen und auch eine Unterzahlsituation erfolgreich meistern. Natürlich ist es auch wichtig, dass die Mannschaft effizient spielt und sich die Kräfte einteilt. Aber das alles ist nur von Bedeutung, wenn die Mannschaft auch in Unterzahl geschlossen auftritt und sich nicht selbst durch unnötige Vorwürfe und Anschuldigungen zerfleischt.

Wie kann man Unterzahlsituationen trainieren?

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Unterzahlszenarien kann man im Training sicher nicht 1:1 simulieren. Aber man kann grundsätzliche Spielsituationen simulieren. In erster Linie müssen Verteidiger geschult werden in riskanten Situationen Zweikämpfe effektiv zu führen, das heißt das Timing zu perfektionieren und in Ausgewogenheit von Abwarten und Entschlossenheit zu agieren. Wer überhastet und ungestüm in den Zweikampf geht, riskiert zu viel. Man wird entweder leicht ausgespielt oder verschafft dem Gegner Freistöße in aussichtsreicher Position.

Somit sollte man im Training Situationen schaffen, in denen ähnliche Situationen simuliert werden, also dass Defensivspieler in Eins-gegen-Eins-Situationen geraten und den Ball erobern müssen ohne dabei Foul zu spielen. Umsetzen lässt sich das durch Übungen, in denen zwei oder drei Offensivspieler zum Torerfolg kommen sollen, wobei sie auf dieselbe Zahl von Verteidigern treffen. Man kann das aber auch mit klassischen „Eins-gegen-Eins“-Situationen trainieren, die auch wertvoll sind für Spiele ohne Unterzahl.

Um die Unterzahlsituation noch etwas klarer zu simulieren, bieten sich Trainingseinheiten an, in denen deutlich mehr Spieler in Ballbesitz sind als verteidigende Spieler. Zuerst denkt man da an das bekannte „Fünf-gegen-Zwei“. Man kann auch weitere Einheiten dieser Art absolvieren, bei denen die Verteidiger in numerischer Unterzahl sind, wobei es aber keine klare Spielrichtung gibt. Man macht das, wie beim „Fünf-gegen-Zwei“ in einem abgesteckten Bereich. Im weiteren Verlauf bieten sich Übungen an, in denen es wieder darum geht zum Torabschluss zu kommen. „Sieben-gegen-Fünf“ bedeutet, dass sieben Offensive angreifen und von fünf verteidigenden Spielern (Viererkette und Sechser) aufgehalten werden sollen. Die Ausgangspositionen der Spieler kann der Trainer festlegen und somit verschiedene Spielsituationen simulieren.

Da Angriff die beste Verteidigung ist, dürfen Übungen zum „Angreifen in Unterzahl“ nicht fehlen. Dies macht man am besten analog zu den vorigen Übungen einfach umgekehrt. Man kann das „Fünf-gegen-Zwei“ zum „Drei-gegen-Vier“ umwandeln, so dass die Spieler in Unterzahl in Ballbesitz sind und den Ball halten sollen. Darüber hinaus macht man Übungen mit gewünschtem Torabschluss, bei dem die Angreifer in Unterzahl gegenüber den Verteidigern sind.

Sicherlich muss im Training auch die Voraussetzung dafür geschaffen werden, dass die Spieler genug Ausdauer und Kraft haben, um bei Spielen in Unterzahl zu bestehen.

Welche Eigenschaften sind am Wichtigsten?

Es kommt aber nicht nur auf die körperlichen Voraussetzungen an. Taktisches Verständnis für das Spiel mit (mindestens) einem Spieler weniger muss genauso geschult und trainiert werden. Wie oben bereits angedeutet, ist das alles nur mit der richtigen mentalen Einstellung von Erfolg gekrönt. Wenn die Spieler in Unterzahl nicht an sich glauben und nicht zusammenhalten, dann sind auch alle Übungen für dieses Szenario wertlos. Somit muss im Team für einen guten Teamgeist gesorgt werden. Das fängt sicher schon bei der Kaderplanung an, indem man überlegt, welche Spielertypen zusammenpassen. Aber auch im alltäglichen Trainingsbetrieb muss immer wieder darauf Wert gelegt werden, dass das Team sich charakterlich entwickelt und zu einer verschworenen Einheit wird.

Die Spieler müssen das Vertrauen des Trainerstabs spüren, um darin ermuntert zu werden an die eigenen Stärken zu glauben, vor allem in Situationen, in denen es nicht gut läuft. Die richtige mentale Einstellung wird letztlich auch entscheidend sein, ob das Team die gesteckten Ziele (beim Spiel in Unterzahl) erreichen kann oder nicht. Es gibt immer wieder Spiele, in denen Mannschaften in Unterzahl erst richtig ins Spiel finden und über sich hinauswachsen. Das liegt einerseits an der eigenen Einstellung. Aber andererseits liegt das sicherlich auch an der Einstellung des Gegners, der sich in Überzahl zu sicher fühlt und nicht die richtige Einstellung zur neuen Situation findet. Wer sich stärker vorkommt, muss darauf achten nicht überheblich zu werden. „Hochmut kommt vor dem Fall“ sagt man dazu im Volksmund.

Mentalität macht den Unterschied

Beim Thema Mentalität kommen wir wieder zurück zu Gary Lineker. In Bezug auf die WM 1990 lässt er durchblicken, wie schwer sich sein Team gegen den damaligen „Niemand“ im Weltfußball aus Kamerun tat. Einer der Scouts sprach wohl von einem Freilos. England setzte sich letztlich erst nach Verlängerung durch. Es ist also die mentale Einstellung, die sehr häufig den Unterschied ausmacht. Während die falsche Mentalität gegen Kamerun fast das Ausscheiden für England bedeutete, war es die richtige Mentalität, die Lineker für den Erfolg Deutschlands verantwortlich macht: „Die Deutschen waren mental sehr stark, waren bissig und hatten das Quäntchen Glück, das man braucht und das am Ende den Ausschlag gibt.“

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Deutschland wurde mit der richtigen Einstellung Weltmeister 1990. Das nötige „Quäntchen Glück“ braucht man immer, selbst wenn man die richtige Mentalität hat. Aber die richtige Einstellung ist Grundvoraussetzung dafür überhaupt erfolgreich zu sein. Das gilt selbstverständlich auch und vor allem für das Spiel in Unterzahl.

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Bildquelle: Sandro Donda / Shutterstock.com