Die richtige Ansprache gegenüber dem Schiedsrichter

„Abseits ist, wenn der Schiri pfeift“ – diese alte Fußballerweisheit beschreibt einen wichtigen Grundsatz des Spiels und ist doch oft Synonym für die vermeintliche Ungerechtigkeit des Sports. Der Schiedsrichter ist mitunter die entscheidende Figur des Spiels. Seine Entscheidung muss in Echtzeit auf dem Spielfeld getroffen werden und unabhängig von ihrer tatsächlichen Korrektheit ist sie doch unumstößlich. Die Spielregeln definieren, was ein strafbares Abseits ist und doch entscheidet letztendlich ausschließlich der Schiedsrichter in dem einen, entscheidenden Moment darüber. Eine falsche Entscheidung kann weitreichende Folgen haben, über Erfolg oder Misserfolg eines Turniers, einer Saison, einer ganzen Karriere entscheiden. Wie also geht man um mit dem einen Mann (oder der Frau), die all das entscheiden kann? Und wie gehe ich damit um, wenn die Person mit der Pfeife vermeintlich falsch und somit zu meinem Ungunsten entschieden hat?

Fehler machen ist menschlich

Fußball ist, wie viele andere Sportarten, davon geprägt, dass Fehler gemacht werden müssen. Passierten keine Fehler, dann könnten auch keine Tore fallen. Schließlich würde kein Verteidiger, aber auch kein Stürmer einen Zweikampf verlieren. Kein Schuss würde das Tor verfehlen, doch kein Torhüter würde einen Ball verpassen. Dennoch gibt es mit dem Schiedsrichter einen Protagonisten, dessen Leistung möglichst fehlerlos sein sollte, schließlich ist seine Einschätzung gemäß dem Regelwerk unfehlbar. Diese Einschätzung ist auch die einzig praktikable: Der Schiedsrichter und sein Team müssen die Regelhoheit behalten, schließlich wäre eine demokratische Urabstimmung ob Foul oder nicht Foul wenig zielführend. Dabei muss jedoch erwähnt werden, dass es bei Jugendturnieren bereits genau solche Testläufe gab. Es wurde ohne Schiedsrichter gespielt, die Jugendlichen mussten bei jeder Situation selbst entscheiden, welche Spielstrafe folgen soll.

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Dennoch ist dies im Profisport nicht praktikabel, vermutlich nicht einmal in jeder beliebigen Amateurklasse oberhalb der F-Jugend. Wichtig ist daher zunächst einmal die Erkenntnis, dass das Regelwerk den Schiedsrichter als alleinigen Regelhüter vorsieht und seine Entscheidungen in jedem Fall zu akzeptieren sind. Ohne allzu viele Statistiken, Langzeitbeobachtungen und Schicksalstheorien zu bemühen, kann man allgemein festhalten, dass jeder Schiedsrichter Fehlentscheidungen treffen kann und diese auch trifft. Jede Mannschaft wird zuweilen benachteiligt, so manches Mal profitiert aber auch jede Mannschaft von einer falschen oder zumindest strittigen Entscheidung des Schiedsrichters.

Muss man Fehler akzeptieren?

Stellt man sich diese Frage, kann es nur eine Antwort geben: Zwangsläufig ja. Kein Torjäger wird je eine Torquote von 100% erreichen, kein Torhüter alle Schüsse parieren, kein Verteidiger alle Zweikämpfe gewinnen. Wenn also der Schiedsrichter nach allen weltlichen Maßstäben niemals über einen längeren Zeitraum völlig fehlerlos sein wird, das Regelwerk aber die unanfechtbare Tatsachenentscheidung vorsieht, so muss man sich eingestehen, dass man an einem Fehler des Schiedsrichter nichts ändern kann.

Wie aber geht man dann mit dem Schiedsrichter um? Dies ist natürlich in erster Linie eine Frage der eigenen Persönlichkeit. Manch ein Spieler (oder Trainer, Zuschauer, Betreuer…) trägt in der Hitze des Gefechts sein Herz auf der Zunge und lässt sich von Emotionen leiten. Die Folge ist nicht selten eine herzhafte Schimpftirade gegen denTerna arbitrale Schiedsrichter. Andere dagegen ertragen jedwede Entscheidung mit stoischer Ruhe, wieder andere bleiben lange ruhig und explodieren aber geradezu, sobald die eine Fehlentscheidung in letzter Sekunde das Blatt negativ wendet.

Gemäß Regelwerk sollte es nur eine richtige Haltung geben. Der Entscheidung des Schiedsrichters ist Folge zu leisten, Reklamation dagegen ist eine Unsportlichkeit, kein Akteur darf den Schiedsrichter verbal oder gar körperlich angehen. Soweit die Theorie, doch in der Praxis ist völlig verständlich, dass Emotionen und Leidenschaft im Adrenalinrausch nicht abschaltbar sind. Die Ruhe zu bewahren ist daher oft das einzig richtige Mittel.

Kann man den Schiedsrichter beeinflussen?

Auf diese Frage kann es ebenfalls nur eine Antwort geben: Ja. Die Gründe liegen auf der Hand, denn vom psychologischen Standpunkt betrachtet ist jeder Mensch in irgendeiner Weise beeinflussbar. Doch die Problematik liegt in den Auswirkungen. Was geschieht, wenn beispielsweise ein Spieler den Schiedsrichter durch häufige Proteste unter Druck setzt? Auch das hängt eindeutig von der Persönlichkeit des Schiedsrichters ab. Der eine verändert unter Druck seine Entscheidungen, der andere agiert vielleicht konsequenter und der betreffende Spieler ist unter Umständen recht früh mit Gelb-Rot bestraft. Doch selbst, wenn er seine Entscheidungen ändert, in welche Richtung tut er dies?

Gibt er dem Druck nach und entscheidet eher zu Gunsten des druckausübenden Spielers? Oder trifft er – bewusst oder unbewusst – tendenziell Entscheidungen gegen diesen Spieler und seine Mannschaft? Diese Auswirkungen sind unmöglich abzuschätzen. Einen Schiedsrichter bewusst unter Druck setzen zu wollen, kann sich daher leicht zum eigenen Nachteil entwickeln. Zudem sind, rein psychologisch betrachtet, nahezu alle Menschen zu besten Leistungen in der Lage, wenn sie sich wohl und selbstbewusst fühlen. Ein guter Schiedsrichter ist somit grundsätzlich ein selbstbewusster Schiedsrichter – er trifft die notwendigen Entscheidungen und handelt nach dem Regelwerk.

Doch natürlich ist der Schiedsrichter von Grund auf hohem Druck ausgesetzt, erst recht im Profifußball. Ohne auf die Thematik des öffentlichen Drucks, den ein Schiedsrichter zweifellos aushalten muss, eingehen zu wollen: Der Schiedsrichter steht aufgrund seiner Rolle und der Tragweite seiner Entscheidungen grundsätzlich unter Druck. Jeder, der vielleicht schon im Training einmal ein Spiel geleitet hat, weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer diese Rolle auszufüllen ist.

Schmeichelei oder Fair Play?

Nun stellt sich also die gegenteilige Frage: Kann ich den Schiedsrichter zu gewünschtem Verhalten beeinflussen, wenn ich ihn besonders gut behandle? Hat er beispielsweise ein besseres Bild von meiner Mannschaft, wenn alle Spieler und Offizielle sich immer fair verhalten und entscheidet in strittigen Moment eher zu unseren Gunsten? Hilft es mir, wenn die Kabine besonders geräumig und die Verköstigung besonders üppig ist?

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Auch hier folgt ein, wenn auch kleines, Ja. Sicherlich steigert es die Sympathie in den Augen des Schiedsrichters und gerade im Amateurbereich mag es sein, dass sich der ein oder andere davon – vielleicht ganz unbewusst – beeinflussen lässt. Doch eines sollte auch immer klar sein: Jeder Schiedsrichter hat ab einer gewissen Spielklasse einen sportlichen Anspruch. Gute Beurteilungen sind Voraussetzung für weitere Aufstiege und für diese fordert der Schiedsrichter von sich selbst tadellose Leistungen. Im Allgemeinen sollte allen Beteiligten klar sein, dass kein Schiedsrichter (sieht man einmal von schwarzen Schafen, die Bestechungsversuchen erliegen, ab) absichtlich Fehlentscheidungen trifft oder gar absichtlich eine schlechte Leistung abliefert. Jeder Schiedsrichter leistet das Maximum dessen, wozu er fähig ist. Eine Beeinflussung durch Schmeichelei oder besonders faires Verhalten ist daher ebenso wenig zweckmäßig wie übermäßiger Druck.

Verhalten gegenüber dem Schiedsrichter

Der Gedanke des Fair Play ist der zentrale Eckpfeiler jeder Sportart. Damit ist nicht nur das bloße Einhalten der Spielregeln gemeint, sondern vielmehr die allgemeine Achtung des sportlichen Geists und der saubere Umgang mit allen Beteiligten, angefangen beim eigenen Mitspieler über die gegnerische Mannschaft bis hin zu den Fans und eben auch dem Schiedsrichter. Ein respektvoller Umgang untereinander ist daher eigentlich ein Grundsatz des Sports. Ob Schiedsrichter und Spieler sich Siezen oder sich Sports-üblich mit „Du“ ansprechen, ist dabei nicht einmal die entscheidende Frage. Vielmehr gilt es, sich auch in der Hitze des Gefechts in Gestik und Mimik angemessen zu verhalten.

Dazu gehört zunächst einmal, den Schiedsrichter vor Spielbeginn zu begrüßen und ebenso, ihn nach dem Spiel entsprechend zu verabschieden. Im Profi-Bereich längst üblich ist die Verpflegung des Schiedsrichter-Teams sowie ein spezieller Betreuer für das Team, der organisatorische Dinge übernimmt, zum Beispiel die Trikotfarben mit dem Schiedsrichter abstimmt oder zeitliche Abläufe rund um das Spiel regelt. Auch in unteren Ligen ist es sicherlich keine schlechte Geste, zumindest einen festen Ansprechpartner für den Schiedsrichter zu benennen, der für organisatorische Fragen zur Verfügung steht. Auch Verpflegung in Form von Getränken und vielleicht einer kleinen Speise nach Abpfiff ist eine kleine Gefälligkeit, die dem Schiedsrichter eine gewisse Wertschätzung vermittelt.

Wohlgemerkt sollte dies alles weiterhin ohne Hintergedanken geschehen. Ein quid pro quo („gibst du mir Essen und Trinken, schenke ich dir ein paar Freistöße mehr“) wird es hierbei aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geben. Viel eher ist ein entspannter Umgang und eine aufgelockerte Atmosphäre der Lohn, sowohl der Schiedsrichter als auch beide Mannschaften werden davon profitieren. Aber das alles wird hinfällig, wenn anschließend der Ton auf dem Platz rau wird. Ständige Reklamationen, Diskussionen und Geschrei gegen den Schiedsrichter bringen wenig positive Effekte. Neben der bereits angesprochenen, kontraproduktiven Stress-Situation für den Schiedsrichter werden die Folgen eher negativ sein. Welcher Schiedsrichter nimmt schon seine Entscheidung zurück, bloß weil dagegen protestiert wird? Dies kann vielleicht im Einzelfall geschehen, viel wahrscheinlicher ist jedoch eine Verwarnung wegen unsportlichen Verhaltens oder der Verweis eines Offiziellen von der Trainerbank.

Es sollte jedoch auch kein eiserner Vorhang des Schweigens zwischen den Mannschaften und dem Schiedsrichter hängen. Kommunikation und Ansprachen sollten im Repertoire eines jeden guten Schiedsrichters sein, um dem Regelwerk Geltung zu verschaffen und seine Position gegenüber den Spielern zu festigen. Den Spielern sollte es umgekehrt auch nicht verboten sein, mit dem Schiedsrichter zu kommunizieren. Dies muss jedoch in Maßen geschehen, schließlich ist der Fußballplatz weder ein Diskussionskreis noch eine Basisdemokratie. Es gilt jedoch immer der Grundsatz, dass das Anschreien des Schiedsrichters keine Vorteile bringt. Dialog ja, verbale Attacken nein – so einfach lautet das einfache Motto in der Kommunikation während des Spiels.

Das Verhältnis zum Schiedsrichter

Wo Menschen aufeinandertreffen, entwickeln sich Sympathie und Antipathie. Manche Schiedsrichter sind beliebt aufgrund ihres Verhaltens und ihrer Leistungen, andere wiederum genießen weniger den Ruf, ein Freund der Spieler zu sein. Unabhängig von persönlichen Vorlieben sollte der Umgang jedoch immer mindestens neutral sein. Dem Großteil der Schiedsrichter ist es lieber, ein Spiel ohne Verwarnungen wegen Reklamierens zu beenden anstatt sich fortwährend gegen die Spieler durchsetzen zu müssen und Machtkämpfe auf dem Spielfeld zu bestreiten. Auf lange Sicht entwickeln auch viele Spieler einen Ruf beim Schiedsrichter. Ganz unbewusst hat der „Schwalbenkönig“ oftmals Entscheidungen gegen sich, obwohl er wirklich gefoult wurde. Der berüchtigte Treter wird früh an die kurze Leine genommen und der ständige Reklamierer vom Schiedsrichter früh verwarnt. Das ist statistisch schwer nachweisbar, doch letztendlich hat auch jeder Schiedsrichter einen gewissen „Matchplan“ und weiß – gerade im Profi-Bereich – welche Spieler er wie behandeln sollte, um Ruhe im Spiel zu halten.

Doch oftmals ist der Schiedsrichter Sündenbock und Entschuldigung für eigene Fehler. Was zählen schon fünf vergebene Großchancen zuvor, wenn der Schiedsrichter das entscheidende Tor aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition nicht anerkannt hat? Wie leicht regt sich jeder einzelne auf, wenn der Schiedsrichter beim Stand von 0:1 die Nachspielzeit zu kurz wählt und wie leicht vergisst man, dass man selbst es in den 90 Minuten davor verpasst hat, ein Tor zu erzielen?

Dies soll dabei keine Entschuldigung für Fehlentscheidungen sein. Selbstverständlich sollte im Idealfall keine Fehlentscheidung ein Spiel entscheiden. Und dennoch ist der Schiedsrichter häufig der Blitzableiter für Spieler, Trainer und Zuschauer, allzu leicht kann man mit dem Verweis auf ihn von eigenen Unzulänglichkeiten ablenken. Zurückhaltung und Fairness gegenüber dem Schiedsrichter sollte daher die Maßgabe auf dem Spielfeld sein, besonders in emotional aufgeladenen Situationen.

Fazit

Das Verhalten gegenüber dem Schiedsrichter sollte von Fair Play geprägt sein. Die Beeinflussung des Spielleiters ist schwer möglich und vor allem nicht kalkulierbar. Während man mit gutem Verhalten sicherlich zum Teil das Wohlwollen des Schiedsrichters gewinnen kann, ist dies jedoch keine Garantie dafür, in strittigen Situationen tendenziell bevorzugt zu werden. Und auch wenn es zahlreiche vorgeblich objektive Studien zum Thema Bevorzugung einzelner Mannschaften gibt (Stichwort: Bayern-Bonus), zeigt sich langfristig doch immer wieder, dass jede Mannschaft zum Teil profitiert, zum Teil aber eben benachteiligt wird, wenn der Schiedsrichter einen Fehler begeht oder es sich zumindest um eine uneindeutige Situation handelt.

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Schiedsrichter sind ebenso von Ehrgeiz und Erfolgswillen getrieben wie Spieler, eine Beeinflussung ist daher normalerweise äußerst schwierig. Diese Tendenz verstärkt sich natürlich in höheren Klassen. Der Schiedsrichter wird häufiger einer Leistungsbeurteilung unterzogen, in der Bundesliga wird der Schiedsrichter bei ausnahmslos jedem Spiel offiziell beobachtet. Der Konkurrenzdruck unter den Schiedsrichtern selbst nimmt zu und der öffentliche Druck ohnehin. Nur wenige Schiedsrichter würden ihre Karriere aufs Spiel setzen, nur um eine Gefälligkeit auszugleichen.

Die Kommunikation sollte daher in erster Linie einen geregelten Spielablauf zum Ziel haben und nicht die Beeinflussung des Spielleiters. Es lässt sich zudem beobachten, dass gegen Trainer und Spieler härtere Sanktionen verhängt werden, sowohl direkt im Spiel als auch im Nachgang zur Partie. Ein Fehlverhalten gegenüber dem Schiedsrichter wird nicht toleriert, daher schadet es tendenziell eher der eigenen Mannschaft als dass es Vorteile mit sich bringt.

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