Legendäre Trainer: Ernst Happel

Ernst Happel: Ein „Grantler“ mit Hang zum kalkulierten Risiko

„Hoch stehen“ und „offensiv verteidigen“: Diese Begriffe werden im heutigen Fußball beinahe inflationär angewandt. Zum Zeitpunkt des Todes von Ernst Happel im Jahr 1992 nahm diese Worte noch niemand in den Mund, schließlich wurde damals sogar noch mit Libero gespielt. Und dennoch gilt der Fußballlehrer als der Wegbereiter dieser modernen Entwicklung. Was zunächst wie ein Widerspruch klingen mag, ändert sich, sobald man tiefer in die Arbeitsweise und Gedankenwelt des gebürtigen Wieners abtaucht.
Wie ein Maler, dessen Bild erst Jahre oder Jahrzehnte nach dem Tod Kunstgeschichte schreibt, hat Ernst Happel einen großen Anteil daran, dass der Trend im heutigen Fußball, zumindest was Spitzenmannschaften angeht, zum „offensiven verteidigen“ geht. Im Prinzip war es seine Erfindung, denn der Wiener war seiner Zeit bereits als junger Trainer um einiges voraus. Bereits als Spieler stellte er die Weichen für eine Laufbahn als Übungsleiter, die noch erfolgreicher verlaufen sollte als seine aktive Karriere. Happel war Verteidiger, wobei diese Bezeichnung nicht ansatzweise ausreicht, um dessen Spielintelligenz und Wandlungsfähigkeit zu definieren. Der Österreicher trat den Beweis an, dass man auch als Abwehrrecke technisch versiert sein kann. Sein größtes Augenmerk lag auf der Abseitsfalle, die der Coach revolutionierte. Mit einem simplen Pfiff im exakt richtigen Moment bedeutete er seinen Abwehrkollegen, von Defensive auf Offensive umzuschalten und zwei Schritte nach vorne zu treten. Es wird niemanden wundern, dass Happels Innovation weltweit für Furore sorgte und Nachahmer fand.

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Offensive ging vor!

Sein Verständnis vom Fußball war, sich nicht vom Gegner abhängig machen zu lassen, sondern diesem das eigene Spiel, ja die eigene Philosophie aufzudrängen. Die moderne Version der Abseitsfalle war letztlich nur ein – wenn auch entscheidender – Baustein seines Systems, das er als Trainer perfektionieren sollte. Ernst Happel übernahm 1962 den niederländischen Verein ADO Den Haag, bei dem er seine Ideen sofort umzusetzen versuchte.Ernst Happel 1
Mit einem Pokalsieg verabschiedete er sich sechs Jahre später zum weitaus renommierteren Ligakonkurrenten Feyenoord Rotterdam. Hier fand der Trainer das Spielermaterial vor, mit dem er seine damals völlig innovative Vorstellung vom Fußball umsetzen konnte. Diese konnte nur funktionieren, wenn alle Spieler die gesamten 90 Minuten über in Bewegung sind. Happels System sah vor, dem Gegner die Luft zum Atmen zu nehmen, indem sich der Defensivverbund kurz vor der Mittellinie postierte. Die Kombination aus verschiedenen Elementen und einer hochkonzentrierten Arbeit machte den Reiz der Happel‘schen Philosophie aus. Der Kontrahent wurde praktisch über die gesamte Partie in die eigene Spielhälfte gedrängt und verlor in dem Moment, als die Abseitsfalle wieder einmal erbarmungslos zuschlug, endgültig den Spaß am Fußball. In Rotterdam angekommen, erreichte der Trainer seine ersten ganz großen Erfolge. Neben zwei Meistertiteln und einem Pokalgewinn krönte er seine Rotterdamer Jahre 1970 mit den Triumphen im Europapokal der Landesmeister und im Weltpokal. Während der Trophäenschrank seiner trainierten Vereine viele heutige Übungsleiter vor Neid erblassen lassen würden, muss man jedoch auch darauf hinweisen, dass die „nackten Resultate“ nicht jedem aktuellen Übungsleiter schmecken würden. Der Angriffsdrang des Coaches führte bei allen Stationen seiner Karriere dazu, dass seine Mannschaften jede Menge Gegentore kassierten. Die aufgrund des hohen Risikos zuweilen löchrigen Abwehrreihen tangierten den Österreicher jedoch herzlich wenig, solange sein Team am Ende des jeweiligen Spiels mehr Treffer als der Gegner auf der Habenseite hatte. Da Happel als ein Freund des „kalkulierten“ Risikos galt, ging sein Konzept auch zumeist auf. Dennoch sorgte sein Fußballverständnis häufig für verdutzte Blicke seiner eigenen Spieler, wie sich Günter Netzer in einem Interview erinnerte: „Er ließ die Mannschaft so offensiv agieren, dass es den Spielern manchmal fast zu viel wurde. Die waren es schlichtweg nicht gewohnt, so viele Torchancen zuzulassen.

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Kalkuliertes Risiko – im Casino und auf dem Fußballplatz

Einige Jahre bevor sich die Wege von Günter Netzer und Ernst Happel beim Hamburger SV kreuzen sollten, wechselte der Wiener 1973 zum damals weniger erfolgreichen FC Sevilla. Es gelang ihm, das heutige Top-Team von der zweiten spanischen Liga in die Primera División zu führen. Nach zwei Jahren setzte er jedoch seine Arbeit fort, den Fußball in den Benelux-Nationen weiter voranzutreiben. Vier Titel mit dem FC Brügge (drei Meisterschaften, ein Pokalsieg) regten das Interesse des niederländischen Fußballverbandes an. Vor der WM 1978 wurde der Österreicher zum neuen Bondscoach ernannt. In Holland war man von der offensiven Spielweise Happels so begeistert, dass man dem bisherigen Vereinstrainer diesen ehrenvollen Job anvertraute. Der Revolutionär auf der Trainerbank enttäuschte die Verantwortlichen nicht und führte die Elftal bis ins Finale der Weltmeisterschaft, in dem man gegen Titelträger Argentinien scheiterte. Doch woher kam eigentlich Happels große Risikobereitschaft, die er seinen Mannschaften vermittelte. Hierzu ist ein Rückblick auf seine Zeit als Spieler vonnöten, in der er sich von zwei verschiedenen Seiten präsentierte. Da war zum einen ein Akteur, der auf dem Platz alles dem Erfolg unterordnete und seine Mitspieler mitreißen konnte. Zum anderen war da ein Mensch, der abseits des grünen Rasens dem Nachtleben frönte und sich einen Ruf als Lebemann zulegte.
Neben einem zuweilen ungewöhnlichen Lifestyle war Happel zeitlebens ein gern gesehener Gast in den Casinos dieser Welt. Wobei „gern gesehen“ nicht zwingend für die Casinobetreiber galt, da der Fußballstar bereits hier ein „kalkuliertes“ Risiko ging. Happel wusste der Legende nach immer, wann Schluss war. Eine Eigenschaft, die sich später merkwürdigerweise nicht auf den Zeitpunkt seines Karriereendes üErnst Happel 2bertragen sollte. Hier verpasste er sozusagen den „richtigen“ Moment.

Happels große Ära beim HSV

Nach der WM 1978 befand sich Ernst Happel jedoch auf dem Höhepunkt als Trainer. Nach den Stationen KRC Harelbeke und Standard Lüttich, heuerte der Österreicher erstmals als Coach im deutschsprachigen Bereich an. Von 1981 bis 1987 sollte er den Hamburger SV zu ganz neuen Ufern führen. Noch heute gilt der stets akribische und Disziplin versessene Übungsleiter als Publikumsliebling in der Hansestadt. Allerdings erarbeitete er sich diesen Status nicht etwa, weil er als „Everybody‘s Darling“ von sich reden machte. Nein, Ernst Happel war ein „Grantler“, der wenig sprach und wenn er es tat, oft unverständliche Wortkonstruktionen in den Raum warf. Auf der einen Seite gewann er die Herzen von Fans und Spielern mit seinem charmanten Wiener Schmäh, auf der anderen Seite hatte er sich über die Jahre im Ausland einen merkwürdigen „Mischmasch“ aus Sprachen angeeignet. Wenn ein Wiener seine Sprache mit Niederländisch, Flämisch und Englisch mischt, muss man schon sehr genau hinhören. Dem Erfolg beim Hamburger SV tat das jedoch keinerlei Abbruch. Der offensive Spielstil tat den Hanseaten gut – auch wenn es anfangs das eine oder andere Stirnrunzeln zu beobachten gab. Happel wurde mit dem HSV zweimal Deutscher Meister, gewann zudem den DFB-Pokal. Seinen größten Erfolg, von dem viele Anhänger der Rothosen noch heute zehren, war der Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1983. Dem Trainer war es schnell gelungen, dem Team das Pressing einzuimpfen. In dem Moment, als die Spieler begriffen hatten, liefen sie mit einem unbändigen Selbstvertrauen auf, das international seines Gleichen suchte.

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Rückkehr in die Heimat und früher Tod

Nach dem Triumph in der Königsklasse gab es jedoch einen gewissen Umbruch und dem Trainer gelang es nicht wirklich, neue junge Protagonisten wie Dieter Schatzschneider oder Wolfram Wuttke zu integrieren. Zum Ende seiner HSV-Zeit erkrankte der Kettenraucher an Lungenkrebs, was sich mit der Zeit auch auf seine Trainerlaufbahn auswirken sollte. Die Legende kehrte in seine Heimat zurück, übernahm zunächst den FC Tirol und 1991 den Trainerposten der österreichischen Nationalelf. Für erneute große Erfolge blieb dem Trainerfuchs jedoch keine Zeit mehr. Wenige Wochen bevor Happel im November 1992 das Zeitliche segnete, bestritt er im Wiener Praterstadion gegen Israel (5:2) sein letztes Spiel auf der Trainerbank. Zu Ehren des Trainers wurde diese Arena später in Ernst-Happel-Stadion umbenannt.

Und wer noch nicht genug hat: Hier verbirgt sich ein tolles Film-Portrait über Ernst Happel

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